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CargoBeamer aus Leipzig startet durch

Innovative Bahn-Technologie interessiert auch China CargoBeamer aus Leipzig startet durch

Es gibt sie noch, die Wunder in der Wirtschaft. Das öffentlich bislang weitgehend unbekannte Leipziger Unternehmen hat über zehn Jahre lang an seinem Erfolg gearbeitet, jetzt werden die Früchte geerntet: Die Leipziger expandieren europaweit.

Das ist der Eisenbahnwagen, den die Leipziger entwickelt haben und bereits einsetzen.

Quelle: Wolfgang Zeyen

Leipzig. Im Ortsteil Engelsdorf trägt ein langes Engagement der Wirtschaftsförderer des Freistaates Sachsen Früchte: Die Firma CargoBeamer steht vor einem Wachstumsschub. Private Kapitalgeber haben die Entwicklung und den Markteintritt finanziert, CargoBeamer will eine hohe Millionensumme für ein Terminal- und Transportnetzwerk in Europa einwerben. Auch die chinesische Provinz Shandong hat signalisiert, die innovative Transporttechnologie der CargoBeamer in Lizenz zu bauen; eine Anwendung auf der Seidenstraße von China nach Europa ist ebenfalls im Gespräch.

Begonnen hat die CargoBeamer-Geschichte im Jahr 1999. Hans-Jürgen Weidemann und Michael Baier arbeiteten als Ingenieure beim schwedischen Konzern ABB an Projekten, die den Transport von Gütern effizienter machen sollten. Nach dem Verkauf der Verkehrssparte von ABB kauften die beiden Tüftler das selbst angemeldete Patent kurzerhand privat vom Arbeitgeber zurück und begannen die Vermarktung der Idee in Eigeninitiative. 2003 wurde Sachsens Wirtschaftsminister Kajo Schommer (CDU) auf das Konzept aufmerksam – Schommer integrierte sie in die sächsische Arbeitsgemeinschaft „Innovationszentrum Bahntechnik Europa“, deren Mitglieder weiterführende Lösungen im Kombinierten Verkehr suchten und analysierten. „Der Freistaat unterhielt damals das Konzept der Rollenden Landstraße zwischen Dresden und Prag, um die Straßen von Verkehr zu entlasten“, erzählt Imad Jenayeh von CargoBeamer. Die Rollende Landstraße besaß einfach nicht die notwendige Kosteneffizienz – denn Fahrer und Lkw-Zugmaschinen mussten, anders als beim CargoBeamer-Konzept, im Zug mitfahren.

„Alle großen Frachtgut-Terminals sind heute bereits europaweit ausgelastet“, beschreibt CargoBeamer-Vertriebsleiter Christof Klar die Lage der Logistik-Branche. „Und die vielen Sattelschlepper, die die großen Volumina auf den Straßen bewegen, müssten erst noch aufwendig statisch verstärkt werden, um sie mit einem Kran auf Eisenbahnwagen zu heben.“ Dies koste Gewicht und Geld – deshalb würden bis heute um die 90 Prozent der Spediteure darauf verzichten.

Da war der Ansatz des Lübeckers Weidemann und des Mannheimers Baier ein anderer: Mit ihrem Konzept sollten Sattelaufleger aller Art, insbesondere die Standard-Planen- beziehungsweise Mega-Trailer – ohne ihre Zugmaschinen und Fahrer in einem Bruchteil der herkömmlichen Zeit auf Züge verladen werden können, ohne Kräne einzusetzen. Der Freistaat Sachsen verhalf den Mitgliedern des Innovationszentrums Bahntechnik Europa 2004 mit einer Förderung von rund einer Million Euro zur detaillierten Studie der Machbarkeit dieser Idee.

„Drei Jahre später wurde aus dem patentierten Konzept ein erster Entwurf der Waggons und Terminalmodule“, erzählt CargoBeamer-Manager Jenayeh. „Wir schulden Professor Kajo Schommer einiges. Das, und die Bahntechnik-Kompetenz sowie die pragmatische und anpackende Art der Menschen ist auch der Hauptgrund, warum wir in Sachsen geblieben sind.“

Als Marktstudien die Machbarkeit erwiesen und weitere Patente für die neue Technologie angemeldet waren, begann 2005 die Suche nach Investoren. Denn die ersten Prototypen eines neuartigen Bahn-Wagens und die dazugehörige Terminaltechnik mussten produziert und in den Markt eingeführt werden.

Eine Investorengruppe um die Nordwind Capital aus München fand sich Ende 2007, so dass von 2008 bis 2010 Prototypen konstruiert und gefertigt, Versuchs- und Messfahrten mit der Deutschen Bahn unternommen und die europäischen Bahnzulassungen erreicht wurden.

„Anfang 2011 sind wir von Bautzen nach Leipzig umgezogen, weil es im ehemaligen Reichsbahnausbesserungswerk in Engelsdorf die Spezialisten gab, die unsere ersten Prototypen bauen konnten“, so Jenayeh. Inzwischen kümmert sich die Deutsche Waggon Union als Fertigungspartner um die Herstellung der CargoBeamer-Waggons, die in Halle-Ammendorf montiert werden.

Die CargoBeamer mietet in Engelsdorf auch einen Teil des Betriebsgeländes für ein eigenes Werks-Terminal, auf dem sie Interessenten ihre neue Technologie präsentieren kann. Dieses Terminal ist noch immer im Einsatz: Gesteuert über ein Computer-Tablet fahren dort mit leisem Summen die Seitenwände eines neu entwickelten Eisenbahnahnwagens herunter. Auf dem Terminal fahren dann Stahlträger unter den Mega-Trailer eines Sattelauflegers und heben ihn wie von Geisterhand auf den Wagen. „Ein Zug mit 36 solcher Wagen kann so in nur einer Viertelstunde entladen und wieder abfahrbereit sein, wenn 36 dieser Umschlagmodule gleichzeitig arbeiten – normalerweise dauert das fünf Stunden“, erklärt Klar.

Weil die Sattelaufleger dabei nur waagerecht verschoben werden, seien Beschädigungen des Trailers oder des Frachtgutes deutlich seltener. „Beim anschließenden Transport auf der Schiene müssen weder die Zugmaschine noch der Fahrer mitfahren – das spart gebundenes Kapital“, so Jenayeh. Und die Straßen würden von unzähligen Brummis verschont – Abgase und Lärm würden vermieden.

Als Erster wurde auf die Innovation Made in Leipzig der Volkswagenkonzern aufmerksam. Denn auch VW sucht nach Möglichkeiten, Laster-Transporte auf die Schiene zu verlagern. „Allein im VW-Werk Wolfsburg fahren täglich 1200 Laster ein und aus“, erzählt Jenayeh. „Die Stadt und VW haben damit ein Problem.“

Deshalb boten die Wolfsburger den Leipzigern an, ihre neue Technik in Wolfsburg zu testen. Inzwischen ist daraus ein Dauerbetrieb geworden: Fünf Verladeeinrichtungen mit der neuen CargoBeamer-Technologie sind auf dem VW-Gelände entstanden, von dort pendeln die Züge bis nach Luxemburg, wo sie sogar Teilelieferungen von Firmen aus Nordfrankreich aufnehmen. „Auf einem Zug darf ein Lkw vier Tonnen mehr Ladung transportieren, dass sind über zehn Prozent mehr als auf der Straße“, betont Klar.

Seit 2015 bieten die Leipziger der Wirtschaft ihren ersten „offenen Zug“ an. Auf ihm kann jeder Lastwagenbesitzer seinen Sattelaufleger mitfahren lassen. Der „CargoBeamer Alpin“ verkehrt zwischen dem Fracht-Terminal Köln-Niehl und Mailand. „Er verbindet das wirtschaftlich sehr starke Rhein-Ruhr-Gebiet mit Italiens größtem Industrie- und Verbrauchszentrum“, sagt Klar. „Das ist einer der am stärksten frequentierten Verkehrskorridore in Europa.“

Die Eisenbahnwagen Made in Leipzig transportieren die bis zu vier Meter hohen Standard-Sattelaufleger auf der Schiene über die Gotthard-Route – was aufgrund der Höhe der normalen Bahnwagen bisher nicht möglich war. „Unsere Wagen sind so entwickelt, dass sie mit den Sattelaufliegern sogar durch die engen Schweizer Tunnel fahren dürfen“, betont Jenayeh. Bislang fährt ein 600 Meter langer Zug sechs Mal in der Woche zwischen Köln und Mailand; ab dem Herbst wird der Takt mit einem weiteren Zug dann auf zwölf Fahrten – also sechs sogenannte „Rundläufe“ in der Woche erhöht. „Wir verdoppeln unsere Kapazitäten, weil der Markt das verlangt“, so Klar.

Ausgeführt werden diese Transporte von der Schweizer Bahngesellschaft Bern-Lötschberg-Simplonbahn (BLS Cargo), dem Spezialisten für transalpine Schienenverkehre. Denn CargoBeamer versteht sich weder als Eisenbahn-Verkehrsunternehmen (EVU) noch als Spediteur. „Wir sind ein sogenannter Operator, der keine eigenen Lokomotiven oder Laster unterhält“, betont Klar. „Wir unterhalten eigene Waggons, engagieren ein EVU für das Ziehen der Züge und bieten unseren Kunden – den Speditionen und Logistikern – an, ihre Lkw-Anhänger umweltfreundlich auf der Schiene zu transportieren.“ Obwohl erst ein 600 Meter langer Zug unterwegs ist, hat CargoBeamer immerhin schon knapp 10.000 Transporte von der Autobahn auf die viel umweltfreundlichere Schiene verlagert – eine Verkehrsleistung von rund 60 Millionen Tonnenkilometern.

Zur Muttergesellschaft CargoBeamer AG gehören drei GmbH-Tochtergesellschaften für Waggons, Terminals und Kundenbetrieb, welche wie die AG ihren Sitz in Leipzig haben – im Handelsplatz 1 b in Engelsdorf. „Aktuell hat unsere gesamte Gruppe 16 Mitarbeiter“, erzählt Klar. „Aber wir werden weiter wachsen.“

Im Juni haben die Aktionäre von CargoBeamer dafür grünes Licht gegeben: Nach dem Vorbild der Bahnstrecke Köln–Mailand sollen in ganz Europa sieben ähnliche Angebote entwickelt werden. „Wir konzentrieren uns dabei  auf die großen Verkehrskorridore“, so Klar. „Eine Strecke wird zwischen einem Adria-Hafen und einer Stadt im nördlichen Nordrhein-Westfalen verlaufen.“ Auch in der Region Leipzig sei ein weiteres Fracht-Terminal geplant.

Um diese Expansion zu finanzieren, werde die Finanzierung dann gezielt auf dem Kapitalmarkt eingeworben. Das Interesse dafür ist vorhanden, heißt es. Denn mit der Verbindung Köln–Mailand habe CargoBeamer bewiesen, dass das Konzept auch finanziell funktioniert. „Neben Investoren sind auch Banken und Waggonvermieter interessiert“, berichtet Klar.

Auch außerhalb von Europa ist man auf die innovativen Leipziger aufmerksam geworden. Seit 2014 gibt es Kontakte nach China, die im Juli zu einer ersten Vertragsunterzeichnung geführt haben: Die chinesische Kapitalgesellschaft ATOP International Investment will gemeinsam mit dem chinesischen Waggonproduzenten Zhongche Group Jinan und der Regierung der 100-Millionen-Einwohner-Provinz Shandong die Technologie der Leipziger in Lizenz für den chinesischen Markt bauen.

Die Terminals Made in Leipzig sind auch für das Seidenstraßenprojekt im Gespräch – einem über 12.000 Kilometer langem Schienenstrang, der China mit Europa verbindet. „Dort müssen die Züge zweimal wegen unterschiedlicher Spurbreiten umgeladen werden“, erzählt Klar. Die Leipziger Technologie könne dies enorm beschleunigen. „Bei jedem Wechsel mit unserer Technologie werden viele Stunden Zeit eingespart“, rechnet der Sprecher vor. „Bei zwei Wechseln ist das mindestens ein halber Arbeitstag.“ Und Geschwindigkeit ist auf der Seidenstraße ähnlich wichtig wie in Mailand, Köln, Wolfsburg oder Leipzig.

Von Andreas Tappert

Leipzig, Handelsplatz 1b 51.33691 12.46747
Leipzig, Handelsplatz 1b
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