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Chefs der Leipziger Stadt-Holding: "Wir reden über Stellenabbau"

Sommer-Interview Chefs der Leipziger Stadt-Holding: "Wir reden über Stellenabbau"

Trotz 24 Millionen Euro Gewinn im vergangenen Jahr steht die Stadtholding, die Leipziger Versorgungs- und Verkehrsgesellschaft (LVV) vor schwierigen Zeiten. Ein neues Sparprogramm soll den Konzern mit aktuell 4500 Mitarbeitern fit halten, erklärten die Geschäftsführer Norbert Menke und Volkmar Müller im Interview mit der LVZ.

LVV-Geschäftsführer Volkmar Müller (links) und Norbert Menke.

Quelle: André Kempner

Leipzig. Trotz 24 Millionen Euro Gewinn im vergangenen Jahr steht die Stadtholding, die Leipziger Versorgungs- und Verkehrsgesellschaft (LVV) vor schwierigen Zeiten. Ein neues Sparprogramm soll den Konzern mit aktuell 4500 Mitarbeitern fit halten, erklärten die Geschäftsführer Norbert Menke und Volkmar Müller im Interview mit der LVZ.

LVZ: Wir haben schon den Eindruck, dass die Geschäftsführer bei kritischen Fragen oder zu Investitionsvorhaben immer öfter auf die Konzernmutter LVV verweisen.

Norbert Menke: Tatsache ist, dass wir uns seit 2008 und noch mal mit neuem Schwung seit 2012 als Management-Holding positionieren. Falsch wäre aber der Eindruck, dass weniger diskutiert und gesprochen wird. Im Gegenteil: Wir arbeiten heute sehr viel vertrauensvoller zusammen als das wohl früher der Fall war. Wir reden über die Themen in einer ganz anderen Tiefe und stimmen die Positionen besser ab. Danach treten wir mit einer Stimme nach außen auf.

Volkmar Müller: Zu Hause streiten wir uns manchmal wie die Kesselflicker, aber nach außen sind wir Brüder.

Was die Stadtwerke, Wasserwerke und Verkehrsbetriebe tun, weiß jeder in Leipzig. Bei der Mutter LVV, wenn Sie mal die Leute auf der Straße fragen, sieht das schon anders aus. Können Sie Ihre Aufgabe in zwei Sätzen zusammenfassen?

Volkmar Müller: Die LVV ist der Gesellschaftervertreter, sie steuert die Geschäfte der Beteiligungsunternehmen im Auftrag der Stadt. Sie stellt dabei sicher, dass der Verkehrsleistungsfinanzierungsvertrag erfüllt wird und legt die strategische Marschrichtung fest.

Wozu brauchen Sie überhaupt noch eigene Geschäftsführer bei den Töchtern?

Norbert Menke: Zugegeben, die Rolle der Holding wie auch der drei Teilkonzerne hat sich geändert. Was ich aber sehr schätze an dem Leipziger Modell ist, dass wir ein Vier-Augen-Prinzip haben - wie ich das gern nenne. Das heißt, dass die Holding stärker mit einem Bein im Lager des kommunalen Gesellschafters steht, der uns diese Rolle übertragen hat, und zugleich für einen Ausgleich im Interesse der Unternehmensgruppe sorgt. Die Geschäftsführer der Teilkonzerne sind spezialisiert in ihren Märkten unterwegs - bei Mobilität, Wasser und Abwasser oder in der Energieversorgung. Starke operative Einheiten und eine fordernde wie ausgleichende Mutter - das halte ich für ein gutes Modell.

Volkmar Müller: Hinzu kommt, dass die Verantwortungsspanne der einzelnen Tochterunternehmen so breit ist, dass sie eine eigene Rechtseinheit bilden müssen. Damit brauchen sie automatisch eine Geschäftsführung für jede GmbH.

Trotzdem wollen Sie als Konzern zusammenwachsen. Warum ist nach außen davon noch nicht viel zu sehen?

Norbert Menke: Einen wichtigen ersten Schritt haben wir mit dem Projekt "LVV 2015" abgeschlossen. Dabei wurde die Zusammenarbeit im Konzern verbessert und Einsparungen von nachhaltig zehn Millionen Euro pro Jahr erreicht. Das hat unsere Fähigkeit zu investieren gestärkt. Zu unserer gerade neu aktualisierten Konzernstrategie gehört auch, das Zusammenrücken nach außen zu zeigen. Wir wollen die optisch unterschiedlichen Konzernmarken zusammenführen, um den Leipzigern unsere vielfältigen Leistungen als Versorgungsgruppe stärker bewusst zu machen.

Dann gibt es also nur noch eine Marke?

Norbert Menke: Im Prinzip ja - wir werden die vier Marken SWL, LVB, KWL und auch die LVV vorrangig unter ein gemeinsames Dach stellen. Die Einzelmarken erhalten eine wesentlich größere Ähnlichkeit und werden in der Öffentlichkeit deutlich zurückgenommen.

Wie darf man sich das vorstellen? Besteht dann nur noch ein Logo, in dem groß LVV steht und die anderen Marken klein dazu?

Norbert Menke: Wir wollen das Projekt im ersten Quartal 2015 vorstellen. Ich möchte da die Spannung nicht vorab rausnehmen, kann aber eins verraten: Die LVV wird es nicht sein. Sie hatten ja schon bemerkt, dass die LVV kaum jemand kennt in der Stadt. Denn wir haben kein Endkunden-Geschäft. Lassen Sie sich überraschen!

Eine Überraschung für Ihre Beschäftigten war sicher, dass nach "LVV 2015" gleich das nächste Sparprogramm folgt?

Volkmar Müller: Wir haben hausintern eine Menge Optimierungspotenzial festgestellt und sind entschlossen, es zu nutzen. Alles andere wäre fahrlässig. Im September legen wir dem Aufsichtsrat einen ersten Vorschlag zu der neuen Strategie vor.

Synergien heben, optimieren. Meist läuft das doch auf Personalabbau hinaus?

Norbert Menke: Wie Sie wissen, gilt bis 31. Dezember 2018 in der LVV-Gruppe ein Tarifvertrag zur Beschäftigungssicherung. Der schließt Kündigungen aus. Ich sehe unsere Aufgabe darin, für Veränderungen zu sorgen, aber am Wichtigsten ist, in diesen Veränderungen für die Sicherheit der Beschäftigten zu sorgen. Genau wie die private Wirtschaft müssen sich auch öffentliche Unternehmen der Energiewende mit ihren fundamentalen Umwälzungen stellen. Wenn in Leipzig für eine Milliarde Euro ein S-Bahn-Tunnel gebaut wurde, müssen wir überlegen, welche Auswirkungen das auf unsere Planungen für das Bus- und Straßenbahnnetz hat. In zehn Jahren sollen selbststeuernde Autos über die Straßen fahren und Elektromobilität die Regel sein. Was bedeutet das für Busse und Straßenbahn? Beim Trink- und vor allem Abwassernetz sind hohe Investitionen nötig, um die Versorgungssicherheit für bald 600 000 Einwohner in einer sich verdichtenden Stadt zu gewährleisten.

Bis 2018 gibt es Sicherheit und danach kommt eine Kündigungswelle?

Volkmar Müller: Auch nach 2018 wird es keine Kündigungswelle geben. Wir reden nicht über Kündigungen, vielmehr über Stellenabbau. Das ist nicht dasselbe. Wir können die natürliche Fluktuation im Unternehmen - ob altersbedingt oder aus anderen Gründen - nutzen, um nicht jede Stelle neu zu besetzen.

Die Ankündigung des Sparprogramms "Fit" bei den Stadtwerken hat ausgereicht, um Mitarbeiter im ganzen Konzern zu verunsichern. Es gibt Ängste, die Löhne oder Gehälter könnten durch Umgruppierungen gesenkt werden.

Volkmar Müller: Damit keine Missverständnisse aufkommen: Wenn wir jetzt über weitere Optimierungspotenziale reden, sind damit nicht Straßenbahnfahrer oder Elektromonteure oder die Mitarbeiter der Klärwerke gemeint. Bei den Leistungen des Stadtkonzerns für unsere Kunden wird sich nichts ändern, eher nimmt das Angebotsspektrum dort noch zu. Was wir jedoch zur Disposition stellen werden, folgt der Frage, ob wir wirklich vier oder fünf Personalabteilungen oder ebenso viele IT-Bereiche in einem Unternehmen brauchen. Wenn die Arbeitsabläufe anders organisiert werden, lässt sich im rückwärtigen Bereich die Stellenzahl erheblich reduzieren.

Wie viele Stellen wollen Sie streichen?

Norbert Menke: Das lässt sich derzeit noch nicht sagen. Zur konkreten Umsetzung erhält der Aufsichtsrat in der übernächsten Sitzung einen Vorschlag.

2014 hat die LVV ihre Wirtschaftspläne nicht ganz erfüllt. Wegen eines Gewinneinbruchs bei den Stadtwerken lag das bereinigte Ergebnis EBITDA (vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen) bei nur 203 Millionen Euro - geplant waren 216. Wie sieht die Entwicklung in diesem Jahr aus?

Volkmar Müller: Mit dem Ergebnis für 2014 sind wir unterm Strich zufrieden. Wir wissen aber, dass im laufenden Jahr 2015 das Geschäftsergebnis auf der Energie-Seite noch mal unter Druck gekommen ist. Wir sind im Plan, was die Geschäfte der beiden anderen Tochtergesellschaften angeht, wollen im zweiten Halbjahr noch eine Schippe drauflegen. Die eigentlich schwerwiegenderen Probleme beginnen ab 2016.

Inwiefern?

Volkmar Müller: Wir glauben, dass sich dann der Ergebnisdruck bei den Stadtwerken noch einmal erhöhen wird. Bei den Verkehrsbetrieben schlagen zunehmend Zinsen für die getätigten großen Investitionen wie in Heiterblick zu Buche. Und bei den Wasserwerken stehen weitere, erhebliche Investitionen als Folge der wachsenden Stadt an.

Deshalb das neue Sparprogramm?

Volkmar Müller: Es hat zumindest auch damit zu tun. Die Senkung der Kosten ist ein sehr wichtiger Beitrag, um die Investitionsfähigkeit der LVV zu erhöhen.

Welcher Betrag soll eingespart werden?

Volkmar Müller: Wir wollen das Ergebnis in fünf Jahren um 30 Millionen Euro steigern, also von jetzt rund 200 auf 230 Millionen Euro EBITDA kommen.

Norbert Menke: Die neue Strategie ist eine große Herausforderung für uns. Das wird schon deutlich, wenn man sich mit anderen Kommunalversorgern im Osten und Westen Deutschlands vergleicht. Im Energie-Sektor haben viele Unternehmen große Probleme, wenigstens ihr gegenwärtiges Ertragsniveau zu halten.

Leipzigs Oberbürgermeister Burkhard Jung (SPD) hat geäußert, er sehe bei nunmehr 2,50 Euro für einen Einzelfahrschein das Ende der Preisspirale erreicht. Halten Sie ein Einfrieren des Ticketpreises bei den LVB in der Höhe für realistisch?

Norbert Menke: Ich denke, man kann diese Äußerung so verstehen, dass Fahrpreise nicht ins Unermessliche steigen dürfen. Dabei ist jedoch ebenfalls klar, dass auch ein nutzerabhängiger Beitrag zur Deckung der steigenden Kosten im Nahverkehr erhoben werden muss - solange es keine anderen Finanzierungsalternativen gibt. Dieses Thema wird ja öffentlich diskutiert, insbesondere im Mitteldeutschen Verkehrsverbund. Ergebnisse stehen, soweit ich das überblicken kann, noch aus. Dass man alles tun muss, um die Fahrpreise erträglich zu halten, liegt auf der Hand.

Wann schluckt die LVV den größten Konzern in Ostdeutschland - die VNG?

Norbert Menke: Als Anteilseigner beschäftigen wir uns schon viele Jahre mit der Verbundnetz Gas AG. Tatsächlich prüfen wir, ob wir die Gelegenheit bekommen, unsere Anteile deutlich auszubauen. Vom Grundsatz her gelten hier die gleichen Voraussetzungen wie bei anderen Investitionen auch - jedes Engagement muss einen nachhaltigen Beitrag zur Verbesserung der Unternehmenssubstanz der LVV leisten.

Ist es nicht zuerst eine politische Entscheidung, um den Firmensitz und damit viele Beschäftigte und hohe Steuereinnahmen in Leipzig zu sichern?

Volkmar Müller: Das ist aber kein Widerspruch. Die Kernfrage bei VNG lautet doch: Sind wir hier in Leipzig besser in der Lage, bestimmte Prozesse zu organisieren als das die EWE von Oldenburg aus kann. Und das meine ich gar nicht despektierlich: Wer hat das bessere Konzept für dieses wunderbare Unternehmen? Wir hoffen, alle beteiligten  Seiten überzeugen zu können, dass wir der bessere Gesellschafter sind.

Wie ist der Stand?

Norbert Menke: Wir sind in konstruktiven Gesprächen mit dem Mehrheitsaktionär EWE und haben zu den Inhalten Stillschweigen vereinbart. Insofern kann ich dazu gar nichts sagen. Aber ich denke, beide Parteien, die miteinander sprechen, und insbesondere das Unternehmen, über das geredet wird, haben das große Interesse, in den nächsten Monaten zu einem Ergebnis zu kommen. Gleich wie das aussehen mag. Nichts wäre schlimmer für die Mitarbeiter, aber auch für die Entwicklung der VNG, als eine lange Hängepartie. Ja, es ist eine politische Entscheidung, die der Stadtrat treffen muss. Wir als kommunales Unternehmen agieren im Interesse der Stadt, das zudem einen großen Gleichklang mit den Interessen des Landes hat. Vieles von der Regionalrendite - ob Steuern oder Aufträge - landet auch außerhalb Leipzigs. Insofern hat der Freistaat ebenfalls ein hohes Interesse, zu einer guten Lösung zu kommen, die eine Wachstumsperspektive für VNG in Leipzig schafft. Noch allerdings ist alles möglich.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 22.08.2015
Jens Rometsch, Björn Meine

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