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"Dankbarkeit über Friedliche Revolution mahnt zur Solidarität"

"Dankbarkeit über Friedliche Revolution mahnt zur Solidarität"

Ralf Haska ist noch bis heute zu Gast in Leipzig. Der Pfarrer der Deutschen-Evangelischen Kirchengemeinde St. Katharina in Kiew war zu Gast bei den Feiern rund ums Lichtfest.

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Ralf Haska lebt in Kiew, kennt den Maidan. In Leipzig hat er sich die Orte der Friedlichen Revolution angesehen. Fotos: André Kempner

Quelle: André Kempner

Leipzig. Vom Maidan, dem Platz, auf dem mehr als 100 Menschen starben, in die Stadt der Friedlichen Revolution. Im Interview zieht Haska Parallelen und beschreibt die Lage in der Partnerstadt.

Es gibt viele Gemeinsamkeiten - und doch einen so gravierenden Unterschied der Revolutionen in Leipzig und Kiew. Mit welchen Gefühlen sind Sie nach Leipzig gekommen und wie fühlen Sie sich jetzt?

Ich bin zutiefst dankbar, dass es in Leipzig, aber auch in anderen Städten, friedlich geblieben ist. Es ist ein Wunder der Geschichte. In Kiew, in der Ukraine, lief es anders - obwohl da die Menschen anfangs auch zu Hunderttausenden friedlich auf die Straße gegangen sind.

Haben die Mahner zur Gewaltlosigkeit, die es in Leipzig gab, in Kiew gefehlt?

Nein, die gab es auch, immer und immer wieder. Vor allem in den Kirchen. Aber auch die politischen Oppositionellen haben zum Frieden und zum Dialog aufgerufen. Aber wenn eine Seite anstelle des Dialogs gewaltsame Nadelstiche setzt, dann schürt das Gegenwehr. Die Regierung hat nicht verstanden, dass die friedlich Protestierenden mit ihr verhandeln, ins Gespräch kommen wollten. Durch die gewaltsamen Nadelstiche kam all das hoch, was die Leute über Jahre und Jahrzehnte runtergeschluckt haben.

Wir hören hier derzeit nicht mehr viel aus unserer Partnerstadt, weil sich der Fokus auf die Ostukraine richtet. Wie ist die Situation in Kiew?

Der Maidan ist geräumt, die Zeltstadt ist weg. Die Straßen sind wieder frei - bis auf die "Straße der himmlischen Hundertschaft", in der am 20. Februar mehrere Dutzend Demonstranten durch Scharfschützen ermordet wurden. Das ist die äußerliche Situation. Es ist relativ ruhig in Kiew, das Leben hat sich normalisiert. Aber was man spürt, ist eine unwahrscheinlich tiefe Anspannung und eine ganz große Sorge und Angst. Sobald man mit Menschen ins Gespräch kommt, ist das erste Thema die politische Lage, die Lage im Osten: Was passiert, wie geht es weiter, welche Meinung hast du? Viele befürchten, dass sich der Krieg ausweitet, der Waffenstillstand nicht hält. Und: Der Winter steht vor der Tür, Gaslieferungen kommen nur noch als Rücklauf aus Westeuropa. Die Heizperiode wurde verkürzt, und es werden maximal 14 Grad garantiert. Die ukrainischen Schulen sind seit September zum Samstagsunterricht übergegangen, um die Winterferien verlängern zu können.

Fühlen Sie und Ihre Familie sich sicher?

Ja.

Sie kümmern sich auch um Hilfe für den Osten des Landes ...

Es gibt viele zivilgesellschaftliche Organisationen, die sich nach dem Maidan gegründet haben und jetzt ihren Blick nach Osten richten. Da machen viele Leute mit, weil sie merken, dass die Regierung völlig überfordert ist bei der Unterstützung der Truppen, der Menschen, die im Osten kämpfen. Es geht dabei nicht um Waffen, sondern um die Versorgung mit lebensrettenden Medikamenten und von Krankenhäusern, auch um Schutzhelme und Schutzwesten. Ich war selber mit einer Organisation in der Nähe von Luhansk, wo wir ein Krankenhaus beliefert haben, das 20 Kilometer von der Frontlinie entfernt liegt.

Wie sehen Sie das bisherige Wirken des neuen Kiewer Bürgermeisters Vitali Klitschko?

Ich kann das schlecht beurteilen, höre aber aus diplomatischen Kreisen, dass die neue Stadtregierung auf gutem Weg ist. Klitschko hat mir bei einem Treffen gesagt, dass er sich als erstes um die Wasserversorgung kümmern will. Das Kiewer Trinkwasser ist mit Schwermetallen belastet, man kann es nicht trinken.

Die Gemengelage ist schwierig, die Situation in der Ostukraine lässt sich schwer bewerten. Wie behalten Sie einen klaren Blick?

Es ist für mich genauso schwierig, obwohl ich ukrainische und russische Zeitungen nutzen kann. Es ist wie mit einem großen Puzzle, bei dem ein paar Teile fehlen. Richtig durchblicken kann niemand. Aber was ich aus erster Quelle weiß: Es gibt einen schweren Krieg im Osten, die Waffenruhe hält nicht, es sterben weiterhin Menschen. Die genannten Zahlen von 3000 Toten sind wahrscheinlich viel zu niedrig, allein durch Kämpfe am Flughafen Luhansk sind 1000 Tote zu beklagen. Es wäre alles schon vorbei, wenn nicht Russland ab dem 24. August verstärkt Kämpfer und Material geschickt hätte. Bis dahin standen Luhansk und Donezk kurz vor der Befreiung. Putin spielt ein mörderisches Spiel - das ist kein Geheimnis. Der Schlüssel liegt bei ihm, wenn er nicht auf Krieg setzen würde, würde das Morden sehr schnell aufhören. Aber es wird sicher weitergehen in Bezug auf eine Landbrücke zur Krim - ohne die wird er die Versorgung dort nicht sichern können.

Wie blicken die Kiewer in die Zukunft?

Sehr sorgenvoll. Ein Beispiel: Russlanddeutsche Spätaussiedler beantragen verstärkt die Ausreise nach Deutschland, ich merke das auch in meiner Gemeinde. Die Motivation ist gar nicht so sehr die Aussicht auf ein besseres Leben. Viele wollen einfach nicht, dass ihre Kinder oder Enkel zur Armee eingezogen werden.

Was können wir in Leipzig tun?

Es wird schon viel getan, Leipzig hat ja im März die Aktivisten auf dem Maidan unterstützt. Es sind Kontakte entstanden, von Leipzig aus werden Opfer psychologisch betreut. Die Dankbarkeit über die Friedliche Revolution, die wir vor 25 Jahren erleben durften, mahnt dazu, Solidarität zu üben mit denen, die das nicht so froh und glücklich geschafft haben. Auch im Osten der Ukraine stehen die Menschen für die Integrität und die Freiheit ihres Landes. Es ist schlicht wichtig zu wissen, dass es im freien Europa Menschen gibt, die den Blick nicht abwenden. Denn: Was wäre eigentlich passiert, wenn während der Friedlichen Revolution die Kameras der Westmedien nicht auf die DDR gerichtet gewesen wären?

 

 

Ukraine-Tag am heutigen Sonnabend von 10 bis 23 Uhr am "Herbstsalon", Leuschner-platz. Gespräche, Dokumentationen, Diskussionen, Foto-Schau; 21 Uhr: Balkan-Rock mit "Kozak-System" aus Kiew.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 11.10.2014

Björn Meine

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