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Das Bülowviertel kommt

Das Bülowviertel kommt

Ungeachtet der Diskussion um Drogendealer in der nur wenige hundert Meter entfernten Eisenbahnstraße hat sich rund um die Bülowstraße in Volkmarsdorf eine eigene Szene entwickelt: Junge Leute, die keine Mietwohnung in der angesagten Südvorstadt wollen, sondern lieber preiswert ein stark sanierungsbedürftiges Gründerzeithaus erwerben, um mit sehr viel Eigeninitiative aus zwei kleinen Wohnungen eine große zu machen und selber einzuziehen.

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Liedermacher Jan Willenbacher klampft in der Paulinenstraße. Die Hauseigentümer des Bülowviertels hatten auch ihn am Sonnabend zu ihrem 3. Straßenmusik festival eingeladen.

Quelle: André Kempner

Leipzig. Oft werden die übrigen Domizile im Haus peu à peu an junge Leute vermietet, die in den Kietz passen. Sie übernehmen die Wohnungen nicht selten unsaniert und richten sie in Eigenregie für sich her. Nur Arbeiten wie das Verlegen von Wasser- oder Elekroleitungen müssen mit Fachfirmen erledigt werden - im Gegenzug gibt es günstige Mieten.

"2009 hatte die Stadt für das Viertel eine Eigentümer-Standortgemeinschaft gegründet, um Entwicklung zu fördern", berichtet Paula Hofmann, die im Kietz als Quartiersmanagerin für die Stadt arbeitet und hier auch wohnt. Die Eigentümer hätten das nur drei Kilometer vom Stadtzentrum entfernte Areal zwischen Torgauer Straße, Eisenbahnstraße und Bahntrasse Leipzig-Dresden selber Bülowviertel getauft. "Fast alle Ziele der Eigentümer sind inzwischen erreicht", sagt Hofmann.

Trotzdem gibt es in dem Viertel neben sanierten Fassaden auch noch viele Häuser, die stark sanierungsbedürftig sind. "Auch diese Immobilien sind fast alle in neuen Händen", berichtet die Quartiersmanagerin. Viele Objekte würden "niederschwellig" saniert; das heißt, die Eigentümer renovieren zunächst ihre eigene Wohnung, ziehen ein und sparen dann das Geld für das neue Dach oder die neue Fassade an. "Viele Leute ziehen bewusst in das Viertel, weil es rauer ist und nicht so durchgestylt", schildert Hofmann. Wer mit Kindern ins bunte Bülowviertel ziehe, wisse auch, dass es in der Grundschule Daz-Unterricht gibt - Daz steht für Deutsch als Zweitsprache.

Am vergangenen Sonnabend feiert das Bülowviertel sein 3. Straßenmusikfest. Musiker aus Kassel, Nürnberg, Gera, Halle und Leipzig locken Hunderte von Besuchern an. Speis und Trank gibt es zu moderaten Preisen an Ständen, hinter denen die Eigentümer des Viertels stehen. Zum Beispiel Steffen Zander, der mit Freunden in der Bautzmannstraße ein Gründerzeithaus erworben hat und es jetzt saniert, um dort selber eine Wohnung zu beziehen. "Ich wollte unbedingt in den Leipziger Osten", schildert der 31-Jährige. "Die Szene in der Südvorstadt ist mir zu hipp. Hier hingegen gibt es noch Ecken und Kanten und die Leute sind natürlicher." Die nahe Eisenbahnstraße störe ihn nicht. "Ich habe den Eindruck, der schlechte Ruf der Straße und des Leipziger Ostens wird absichtlich etwas überhöht, weil es schick ist, dass die Stadt auch eine verrufene Gegend hat", meint er.

Für Hauseigentümer wie Eberhard Werner aus der Gretschelstraße ist das Viertel schon lange "Heimat". Der 68-Jährige lebt in einem Mehrfamilienhaus, das sein Großvater 1912 erworben hat. "Die Drogenszene ist doch weit weg, mehr so an der Kreuzung Eisenbahn-/Herrmann-Liebmann-Straße", sagt er. "Davon merken wir hier nichts." Gerade zieht sein Sohn wieder in das geerbte Haus, legt dort zwei Wohnungen zu einer zusammen. "Ich bin optimistisch: Unsere Gegend wird mal ein angesagtes Viertel", ist Werner überzeugt.

Zu den neuen Eigentümern gehört auch Asena Katrin Kahraman aus der Geißlerstraße, die ein Kopftuch trägt und perfekt Deutsch spricht, weil sie bei Zwickau geboren wurde. "Wir haben erst im Süden Leipzigs gewohnt", berichtet sie. "2005 sind wir hierher gezogen, weil wir Wohneigentum wollten. Hier konnten wir unser Haus ohne Kredit kaufen und es dann mit Kredit sanieren." Dies wäre heutzutage nicht mehr möglich, denn die Preise sind in den vergangenen fünf Jahren deutlich gestiegen. Kahraman schätzt auch die Ruhe in ihrer Straße. "Hier merkt man nicht, dass man in der Stadt wohnt", meint sie. "Es ist einfach nur schön."

Unter die Besucher des Straßenmusikfestivals mischt sich auch Karsten Gerkens. Für den Leiter des Leipziger Amtes für Stadterneuerung und Wohnungsbau ist das Bülowviertel keine Ausnahmeerscheinung. "In anderen Quartieren in der Umgebung wie am Rabet oder am Neustädter Markt ist die Entwicklung ähnlich, obwohl auch dort die Eisenbahnstraße nicht weit entfernt ist", sagt er. Er hat längst entdeckt, dass Leipzig immer stärker in reiche und arme Wohnlagen aus- einanderdriftet. "Auch der Leipziger Osten differenziert sich", hat er festgestellt. "Seit zwei Jahren haben wir dort die meisten Grundstückskäufe in der Stadt. Da kommt jetzt vieles in Gang."

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 28.07.2014

Andreas Tappert

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