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Lokales „Das Kapital“ von Karl Marx erschien vor 150 Jahren in Leipzig
Leipzig Lokales „Das Kapital“ von Karl Marx erschien vor 150 Jahren in Leipzig
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00:19 13.09.2017
Zwischen dem Panorama-Bau (links, Roßplatz 5) und dem Hotel „Zum Grünen Baum“ (rechts, Roßplatz 1) waren um 1885 der Darmstädter Hof (Roßplatz 2) sowie die Wigandsche Druckerei (Roßplatz 3 b/helles Gebäude ganz hinten) zu sehen, in der bereits 1867 die Erstausgabe vom „Kapital“ gesetzt und gedruckt wurde. Quelle: Stadtgeschichtliches Museum Leipzig
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Leipzig

Es ist sicher nicht frei von Ironie, dass eine vom Autor signierte Originalausgabe dieses Buches heute mal eben 1,5 Millionen Euro kostet. Am 11. September 1867 lieferte die Leipziger Druckerei Otto Wigand die ersten Exemplare von Band 1 des „Kapital“ aus. Das wissenschaftliche Hauptwerk von Karl Marx (1818-1883) kostete damals drei Thaler und zehn Neugroschen. Ein Preis, den Arbeiter kaum hätten bezahlen können. Zudem strotzte das Opus Magnum des bärtigen Welterklärers und Journalisten von Zumutungen an den Leser. Die 800 Seiten waren oft nicht einfach zu verstehen, kaum in Kapitel unterteilt, obendrein von 1023 Fußnoten gesäumt. Schon der Einstieg in den Text, für den Marx etwa 15 Jahre lang im Londoner British Museum recherchiert hatte, geriet ein wenig sperrig. „Der Reichthum der Gesellschaften, in welchen kapitalistische Produktionsweise herrscht, erscheint als eine ,ungeheure Waarensammlung’, die einzelne Waare als seine Elementarform“, hieß es da.

Kulturhistorisch auf einer Stufe mit der Gutenberg-Bibel und Grimms Märchen

Dennoch überschlagen sich seit Monaten Medien in aller Welt, auch die deutsche Presse von FAZ über Süddeutsche Zeitung bis zum Spiegel, mit Berichten und Einordnungen zu dem Jubiläum. 150 Jahre nach dem Erscheinen des Buches habe der Bestseller seit der letzten Weltfinanzkrise völlig zu Recht wieder Hochkonjunktur, loben die einen. Andere weisen ebenso zu Recht darauf hin, dass zentrale Vorhersagen von Marx – wie die von der Massenverelendung im Kapitalismus – schlichtweg falsch gewesen seien. Gern wird dabei der amerikanische Ökonomie-Nobelpreisträger Paul Samuelson zitiert: „Man sehe sich die Arbeiter mit ihren Autos und Mikrowellen doch an – besonders verelendet sehen sie nicht aus.“

Marx scheidet noch immer die Geister. In seiner Geburtsstadt Trier gab es jüngst heftige Debatten, weil die Volksrepublik China dort für den Vordenker des Kommunismus eine 6,30 Meter hohe Statue aufstellen will – im März 2017 stimmte der Trierer Stadtrat diesem Projekt mit deutlicher Mehrheit zu.

Einigkeit gibt es eigentlich nur zu dem Fakt, dass selten Bücher so umfassende weltpolitische Konsequenzen hervorriefen wie die Marxschen Schriften. Im
20. Jahrhundert beriefen sich reihenweise Revolutionäre und Diktatoren auf seine Prophezeiungen zum Untergang des Kapitalismus. Über das, was danach kommen sollte, hatte sich der Autor nie konkret geäußert. Öfter fühlte er sich selbst von Anhängern falsch verstanden. Millionen Menschen bezahlten den Traum von einer Gesellschaft ohne Konkurrenzkampf, ohne Privateigentum und Gier mit ihrem Leben. Abermillionen wurde unter Berufung auf Marx die Freiheit geraubt.

Kulturhistorisch betrachtet spielt der erste Band vom „Kapital“ heute trotzdem in einer Liga mit der Gutenberg-Bibel, mit Grimms Märchen, dem Nachlass des Dichterfürsten Goethe oder dem Zwei-plus-Vier-Vertrag, welcher nach dem Fall der Berliner Mauer geschlossen wurde. Sie alle kamen auf die Liste des Weltdokumentenerbes der Unesco – die Erstausgabe vom „Kapital“ zusammen mit dem „Kommunistischen Manifest“ im Jahr 2013. Diese Ehre wurde in Deutschland erst 23 Schätzen zuteil, die das Programm „zum Erhalt des dokumentarischen Erbes der Menschheit“ besonders schützt. Mit Ursprungsort in Leipzig gehört nur noch ein weiteres Werk dazu: das Manuskript der h-Moll-Messe von Johann Sebastian Bach.

Überregional wird das berühmte Buch aus Leipzig jedoch meist eher mit Hamburg in Verbindung gebracht. Der Grund: In der Freien Hansestadt befand sich der Verlag von Otto Carl Meißner, einem aufrechten Demokraten, der auch Texte veröffentlichte, die in den preußischen Kernländern des Norddeutschen Bundes unter die Zensur gefallen wären. Am 12. April 1867 traf Marx mit einem Segelraddampfer in Hamburg ein, um Meißner das Manuskript zum „Kapital“ persönlich zu übergeben. Keine zwei Wochen später schrieb er an seinen engsten Gefährten Friedrich Engels: „Meißner, der die Geschichte in 4-5 Wochen fertig haben will, kann nicht in Hamburg drucken lassen, weil weder die Zahl der Drucker noch der Korrektoren hinreichend sei.“ Er lasse daher bei Otto Wigand in Leipzig drucken, das Manuskript sei schon dort. Engels war von der Entscheidung nicht begeistert: „Ich glaube nicht, dass die Gelehrsamkeit der Leipziger Korrektoren für Deine Art hinreicht.“ Doch er sollte sich täuschen.

Druckerei stand bis zur Zerstörung 1943 gleich neben der Markthalle

1857/1858 hatten die Brüder Otto Alexander und Walther Wilhelm Wigand eine Druckerei am Roßplatz 3 b errichtet. Sie benannten das neue Unternehmen nach ihrem Vater, dem Verleger Otto Friedrich Wigand, den Marx persönlich kannte. Eine Tafel an der heutigen Ringbebauung weist seit 1983 auf die Entstehung der Erstausgabe vom „Kapital“ hin. Jedoch führt der Standort dieser Tafel etwas in die Irre. Kurz vor dem 150. Jubiläum hat der Historiker sowie Linkenpolitiker Volker Külow nun erstmals die Bauakte des Gebäudes gesichtet – und mit Hilfe von Anett Müller vom Stadtarchiv und Christoph Kaufmann vom Stadtgeschichtlichen Museum ausgewertet. „Dabei konnten wir auch klären, wo genau sich das Gebäude befand, in dem das bedeutende Werk korrigiert, gesetzt und gedruckt wurde“, erklärt Külow. Das Haus habe über drei Druckerei-Etagen und eine Wohnung für Walther Wigand verfügt. Es stand bis zur Zerstörung im Zweiten Weltkrieg auf dem heutigen Leuschnerplatz-Areal: nahe dem früheren Panorama-Bau (errichtet 1884) und der Markthalle (1891). Die Erstauflage des Buches betrug 1000 Exemplare, 1873 folgte am selben Ort die zweite Auflage mit etwa 3000 Stück. Die dritte Auflage kam zehn Jahre später aus einer anderen Leipziger Druckerei – von Guido Albert Reusche in der Brüderstraße 26/28.

Von Jens Rometsch

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