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Lokales Das Leipziger Stadtbad wird 100 - es lebt, aber das Wasser fehlt
Leipzig Lokales Das Leipziger Stadtbad wird 100 - es lebt, aber das Wasser fehlt
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07:00 14.07.2016
Das Wellenbad war zur Eröffnung am 14. Juli 1916 die Attraktion. Quelle: Förderstiftung Stadtbad Leipzig
Leipzig

Heute genau vor 100 Jahren öffnete das Stadtbad seine Pforten. 88 Jahre lang empfing die Bade- und Wellness-Oase die Leipziger, bevor die Behörden aufgrund von Baumängeln ihre Schließung verfügten und am 15. Juli 2004 die Lichter ausgingen. Die Stadt ließ das Bad in einen Dornröschenschlaf versinken. Zwei Jahre danach nahmen die Leipziger die Sache selbst in die Hand. Sie gründeten eine Förderstiftung, um das Traditionshaus in der Eutritzscher Straße zu retten. Mit dem geplanten Anbaden zum
100. Geburtstag hat es zwar (noch) nicht geklappt, aber die Weichen für die Zukunft des Stadtbades sind gestellt.

Es war eine Sensation: Als am 14. Juli 1916 das Stadtbad nach drei Jahren Bauzeit endlich öffnen konnte, kamen die Leipziger aus dem Staunen nicht heraus. Mit 384 Quadratmetern befand sich in der neuen Männerhalle im Nordflügel des Bades das damals größte Schwimmbecken der Stadt. Noch dazu verfügte es über Europas erste Hallen-Wellenanlage, die bis zu ein Meter hohe Wellen erzeugen konnte. Eine Attraktion, die Generationen von Leipzigern begeisterte. Für Frauen gab es eine eigene Schwimmhalle im Südflügel, und selbst Hunde bekamen ihr Becken. Auch mit den übrigen Angeboten setzte das Stadtbad für seine Zeit Maßstäbe. Wannen und Schwitzbäder, galvanische und Vierzellenbäder, ein orthopädischer Turnsaal, eine medizinische Wannenabteilung und ein Inhalatorium machten ein umfangreiches medizinisch-therapeutisches Angebot möglich. Ein Glanzstück war zweifellos im Obergeschoss die im maurischen Stil gehaltene Damensauna. Säulen, Bögen, Goldverzierungen, Arabesken und Mosaike erzeugten eine Stimmung wie aus Tausendundeiner Nacht.

1,4 Millionen Reichsmark flossen damals in den Prachtbau, in dem sich Historismus und Jugendstil vermischen. Das ganze Projekt geht auf Pläne des damaligen Leipziger Stadtbaurats Otto Wilhelm Scharenberg zurück. Von ihm stammen übrigens auch die Kapelle auf dem Südfriedhof und das Krankenhaus St. Georg. Scharenberg orientierte sich mit dem Grundriss für das Bad an den klassischen römischen Thermen.

In den 1980er Jahren wurde das Stadtbad schließlich aufwändig renoviert. Was nicht lange vorhielt. Als sich 2004 ein zehn Kilogramm schwerer Gesteinsbrocken von der Decke löste und ins Wasser stürzte, waren die Stunden des Badehauses gezählt. Die finanziell angeschlagene Stadt hatte zu der Zeit aber andere Sorgen. Am 15. Juli 2004 wurde das Bad geschlossen, geriet aus dem Fokus der Öffentlichkeit und fiel dem allmählichen Vergessen anheim. Bis Beschäftige der Kommunalen Wasserwerke 2006 die Initiative ergriffen. Sie starteten mit ihrem später preisgekrönten Werbefilm „Unser Herz schlägt für die Leipzig“ eine Kampagne zur Rettung des Stadtbades. Der Funke schlug über. Die Leipziger nahmen die Idee begeistert auf. Eine Förderstiftung wurde gegründet, Geldspenden kamen ein – derzeit sind noch 510770 Euro auf den Konten – und viele Leipziger griffen zu Schrubber, Lappen und Eimer und begannen, die Räume zu wienern. Doch einfach renovieren und weitermachen wie vor der Schließung – das war unmöglich und allen Beteiligten von Anfang an klar. 2007 stellten Studenten erste Untersuchungen zu künftigen Nutzungsmöglichkeiten an. Das Konjunkturprogramm in der Finanzkrise wurde zur Initialzündung. In den Jahren 2010 bis 2012 flossen daraus 2,25 Millionen Euro in die Dachsanierung. Auch der im Zweiten Weltkrieg zerstörte Turmaufsatz wurde diesmal rekonstruiert und nach 60 Jahren wieder auf das Bad gesetzt. Der Grundstein für eine Zwischennutzung war damit gelegt. Die Männerhalle wurde zur Event-Halle umgebaut. Inzwischen fanden dort schon 600 Veranstaltungen statt.

Wie sehr die Leipziger am Stadtbad hängen, hatte eine Umfrage im Jahr 2011 ergeben. Fast jeder Zweite kannte es von einem früheren Besuch. Diese Beziehung wurde auch durch eine Petition untermauert, die der Leipziger Mike Demmig initiiert hatte. 2415 Personen unterzeichneten sie und veranlassten den Stadtrat vor zwei Jahren, sich klar für den Erhalt des Bades auszusprechen.

Dass ein Neuanfang als Stadtbad aber nur mir großen Hürden zu machen sein würde, ließ 2013 schon ein Gutachten der Kannewischer Management AG erahnen. Der Schweizer Bäder-Experte bescheinigte dem Haus aufgrund des großen Einzugsgebietes und seines besonderen Ambientes eine gute wirtschaftliche Perspektive. Es müsse sich als Bade-, Wellness- und Fitness-Standort jedoch qualitativ deutlich von den bestehenden Angeboten in der Region absetzen, etwa durch eine attraktive kleingliedrige Badelandschaft und ein Solebecken. Dies hat jedoch seinen Preis: Auf 25 Millionen Euro bezifferte das Gutachten die Investitionskosten, und es machte eines klar: Ohne einen Zuschuss der Stadt – in Rede standen
13,5 Millionen Euro – würde kein Privater das Risiko eingehen.

Erstmals im Oktober 2013 bot die Kommune ihre denkmalgeschützte Immobilie für eine halbe Million Euro auf der Messe Expo in München an, was für Verstimmung zwischen Stiftung und Rathaus sorgte. „Wir bekamen damals böse Briefe und Anrufe“, erinnert sich Stiftungsvorstand Dirk Thärichen. Stifter und Spender waren über die Entscheidung empört. „Sie fragten uns, ob ihr Geld das Sahnehäubchen für einen privaten Eigentümer sein soll.“ In den letzten Jahren waren immerhin knapp 3,5 Millionen Euro in das Bad geflossen, darunter auch 922000 Euro Sach- und Geldspenden aus der Stiftung. Trotz aller Windungen und Wendungen, Höhen und Tiefen ist Thärichen zuversichtlich, dass die Zukunft des Stadtbades gelingen kann. „Wir haben es geschafft, mit einer ordentlichen Zwischennutzung, wenn auch ohne Wasser, das Stadtbad wiederzubeleben“, sagt er.

Vielleicht ist es bald so weit. „Die Stadt Leipzig hat die Vermarktung des Stadtbades abgeschlossen“, erklärt Wirtschaftsbürgermeister Uwe Albrecht (CDU) gegenüber der LVZ. Es lägen Angebote potenzieller Investoren vor, die sich eine Badnutzung vorstellen können. Albrecht: „In Kürze werden diese Bieter mit der Bitte angeschrieben ihre Vorhaben konzeptionell zu untersetzen und ihre Leistungsfähigkeit darzulegen. Die dann präzisierten Angebote werden nach einer inten­siven Beratung im Grundstücks­verkehrsausschuss dem Stadtrat vor-gelegt. Ziel ist es, bis zum Jahresende dem Stadtrat eine entsprechende Vorlage zur Beschlussfassung zu übergeben.“

Von Klaus Staeubert

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