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Das Ringen in der Grundschule am Rabet geht weiter

Offener Brief Das Ringen in der Grundschule am Rabet geht weiter

Der offene Brief von Elternrat und Förderverein der Schule am Rabet an den sächsischen Ministerpräsidenten Stanislaw Tillich (CDU) bescherte der Bildungseinrichtung mit dem höchsten Migranten-Anteil aller Grundschulen Sachsens(61,6 Prozent) im März lokale und nationale Schlagzeilen.

Die Schule am Rabet

Quelle: André Kempner

Leipzig. Es waren ausschließlich negative (die LVZ berichtete). In dem Schreiben verlangten die Elternvertreter und Förderer die sofortige Ablösung der Schulleitung. Wegen "gravierender Missstände" in der Eisenbahnstraße 50. Fehlende Kooperationsbereitschaft mit den Erziehungsberechtigten der 240 Schüler, mangelhaftes Krisenmanagement in Konfliktfällen, wenig Sinn für die Schulsozialarbeit mit ihrem präventiven Ansatz - die Liste der Vorwürfe ist lang.

Das Fass zum Überlaufen brachte die Krankmeldung der Sozialpädagogin aus den Reihen des Christlichen Vereins Junger Menschen (CVJM). Die 38-Jährige ist bis heute nicht arbeitsfähig. Weil der permanente Kampf gegen Widerstände seitens der Schulleitung sie kaputt gemacht habe, so die Klage der Verfasser des Briefes. Die Grundschulrektorin torpediere nahezu alles, was dem Image der Schule dienen und das Miteinander von Schülern, Lehrern und Eltern befördern könne. Besonders tragisch: Dies alles geschehe mit dem Segen der Sächsischen Bildungsagentur, Regionalstelle Leipzig (SBAL).

 "Eine Verhöhnung aller Bemühungen"

Die SBAL sah sich in die Pflicht genommen. Es begannen die Wochen des Bemühens um Deeskalation - nicht zum ersten Mal in der jüngeren Geschichte der Schule. Krisensitzungen, Vier-Augen-Gespräche und die Erarbeitung eines Maßnahmeplanes bestimmten die Szenerie. Doch die Kommunikation stockt. Gerade erst hat der Elternrat mehrheitlich beschlossen, in eine von der Bildungsagentur vorgeschlagene Mediation, die Schulleitung und Elternratsvorstand zusammenführen sollte, erst gar nicht einzusteigen. Begründung: Eine solche Mediation wäre eine unangemessene Engführung der Probleme. "Es geht hier nicht um die persönlichen Schwierigkeiten zwischen uns, den Briefunterzeichnern, und der Schulleiterin", sagt Elternratsvorsitzende Katarzyna Pawlitzki (45). "Wir haben die Sorgen und Nöte anderer Eltern und auch die von Lehrern aufgenommen." Zudem sei auf sie Druck ausgeübt worden, an der Mediation teilzunehmen, klagt Pawlitzkis Stellvertreterin Ulrike Geisler (29). "Das widerspricht dem Prinzip der Freiwilligkeit."

Und dann auch noch das - der Besuch aus Berlin am Dienstag. Die Elternratsspitze empfindet den Aktionstag mit Staatsministerin Aydan Özoguz "wie eine Verhöhnung all der Bemühungen, die in jüngerer Vergangenheit gegen große Widerstände der Schulleitung unternommen worden sind, um die Integration der Migrantenkinder und deren Familien zu verbessern", sagt Pawlitzki. "Das, was vor zwei Jahren noch Teufelswerk war, wird der Schulkonferenz jetzt als große Chance verkauft. Ich wundere mich doch sehr über diese 180-Grad-Wendung", ergänzt Geisler. Bislang hätten für das Ziel Integration vor allem eine Sportlehrerin und die Schulsozialarbeiterin gestanden, so Pawlitzki weiter. "Beide sind nach Konflikten mit der Schulleiterin nicht mehr da. Die eine wurde zu Beginn dieses Schuljahres versetzt, die andere ist erkrankt. Wir sorgen uns, dass mit dem Aktionstag eine hübsche Fassade errichtet wird, die im Alltag rasch wieder zusammenbricht." Letztlich schmücke sich die Rektorin mit fremden Federn. "Um sie herum wird regelmäßig Personal ausgetauscht. Die Bildungsagentur sollte endlich in sich gehen und ein Exempel statuieren", verliert Pawlitzki allmählich die Geduld.

Diese Forderung würde Ines Hartmann (46) sofort unterschreiben. Die Leipziger GEW-Kreisvorsitzende, selber Grundschullehrerin, beobachtet die Situation am Rabet schon seit geraumer Zeit. "Unsere Mitglieder im Lehrerkollegium senden Besorgnis erregende Signale aus", sagt Hartmann. Kollegen seien gefrustet, gesundheitlich angeschlagen. "Es wurden sogar schon Suizidgedanken laut. Das ist mehr als ein Alarmsignal." Der besondere soziale Kontext, in dem sich die Schule ob des hohen Migranten-Anteils befindet, überfordere manche Lehrer - "besonders die jüngeren, die noch frisch im Beruf sind". In einer solchen Situation werde eine Schulleitung gebraucht, "die zur Problemanalyse bereit und fähig ist, die pädagogische Leitlinien aufstellt, die für alle gleichermaßen gelten", betont die GEW-Chefin. In einer solchen Situation brauche es "ein Klima der Offenheit und des Respekts, in dem Konflikte sachlich thematisiert werden". Und es sei eine funktionierende Schulsozialarbeit vonnöten - "die am Rabet muss aus deutlich mehr als einer Planstelle bestehen".

 "Kritiker sollen isoliert werden"

Kritik richtet Hartmann nicht zuletzt an die Adresse der Bildungsagentur: Sie betreibe "Flickschusterei". Die Probleme würden registriert, aber nicht durchdrungen. "Die Agentur nimmt die Fürsorgepflicht gegenüber der Schulleiterin anders wahr als gegenüber dem Rest des Kollegiums." Hartmann wundert sich auch darüber, dass als Folge des offenen Briefes von Elternrat und Förderverein "die Kritiker bekämpft und isoliert werden sollen". Eine Grundschule müsse ein Team sein - "und das besteht aus Schulleitung, Lehrkräften, Horterziehern, So-zialarbeitern, Schulpsychologen und natürlich den Eltern".

Das hätte Andreas Geisler (48),SPD-Stadtrat und bis vor kurzem Vorsitzender des Stadtelternrates, nicht besser formulieren können. "Das Schlimme ist", warnt der Vater dreier Kinder, "dass es an zu vielen Schulen ähnlich aussieht. Überforderte Leiter, überlastete Lehrer, an den Rand gedrängte Eltern. Wenn dann Rektoren in ihrer eigenen Welt leben und alles schön reden, wenn nicht einmal ein Minimum an Kommunikation stattfindet, läuft es wie am Rabet." Tröstlich sei, dass schulische Demokratie an den meisten Leipziger Bildungseinrichtungen funktioniere. Aber sicher nicht in der Eisenbahnstraße 50. "Die Schule ist, im negativen Sinn, der Gipfel", sagt Geisler.e Einzug

Bildungsagentur-Chef: Wechsel an der Spitze ist immer die letzte Option

Medienarbeit im Krisenfall übernimmt für Schulleiter in der Region die Sächsische Bildungsagentur, Regionalstelle Leipzig (SBAL). Zum Casus Schule am Rabet äußert sich Ralf Berger (52), der Leiter des hiesigen Bildungsagentur-Außenpostens.

Welche Gedanken entfacht das Thema Grundschule am Rabet gerade in Ihnen?

Das Allerwichtigste für mich und meine Mitarbeiter ist, dass wir der Schule dabei helfen, in ein ruhiges Fahrwasser zurückzukehren und bestehende Defizite anzugehen.

Welche Defizite sehen Sie?

Die Schule macht im Großen und Ganzen einen guten Job. Das Viertel im Osten der Stadt, in dem das Rabet liegt, ist bekanntlich kein einfaches. Extrem viele Elternbeschwerden oder auffallend viele Lehrer-Abwanderungen hat es dennoch nie gegeben. Ein Defizit ist sicherlich, dass sich die Schule nach außen zu sehr abgekapselt hat. Nehmen wir die Ganztagsangebote: Die Kooperation mit Vereinen und Institutionen im Stadtteil hätte besser sein können.

Das sehen Eltern genauso. Im Vorjahr, als eine Sportlehrerin an eine andere Schule im Kiez versetzt wurde, weil es wegen der von ihr initiierten Judo-AG Konflikte mit der Leiterin gab, hat der Förderverein der Schule die Öffentlichkeit eingeschaltet. Sie haben sich zurückgehalten. Warum?

Dieses Thema gehörte nicht in die Öffentlichkeit. Ich habe mit der Kollegin vertrauliche Vier-Augen-Gespräche geführt und wir sind zu einer für sie akzeptablen Lösung gelangt. Das alleine zählte.

Nicht zum ersten Mal tritt die Bildungsagentur als Feuerwehr in Erscheinung. Bereits im Vorjahr haben Sie auf Aussprachen gedrungen, damit es zum großen Schulterschluss kommt. Weshalb sind die Gräben immer noch so tief?

Es hat zunächst keine wirklich deutlichen Signale aus der Elternschaft gegeben, dass die Probleme zwischen den Akteuren immer noch bestehen; erst recht nicht, dass sie schlimmer geworden sind. Wir haben uns nach einer Weile aus dem Prozess wieder herausgenommen, weil wir der Ansicht waren, dass das Miteinander allmählich wächst. Zugegeben: Wir haben uns vielleicht zu früh zurückgezogen.

Gewachsen ist der Frust des Elternrates, der sich dann in einem offenen Brief an den sächsischen Ministerpräsidenten wandte und auf gravierende Missstände aufmerksam machte. Warum musste es so weit kommen?

Ich halte den Schritt von drei Eltern auch heute noch für nicht sonderlich glücklich. In dem Brief stecken viele Unterstellungen und persönliche Verletzungen. Die eine oder andere Kritik war sicherlich berechtigt. Dass es ausgerechnet an dieser Schule mit ihrem sehr speziellen sozialen Hintergrund monatelang keine Schulsozialarbeit gab, nachdem sich die Schulso- zialarbeiterin Anfang des Jahres krank gemeldet hatte, darf natürlich nicht sein. Träger der Schulsozialarbeit im Rabet ist gegenwärtig noch der CVJM. Da er im Auftrag der Stadt arbeitet, habe ich bei Leipzigs Schulbürgermeister Thomas Fabian darauf gedrungen, dass der Verein reagiert. Er hat dann noch Ersatz organisiert. Unbestritten und leider wahr ist, dass es physische Gewalt von Lehrern gegen Schüler gegeben hat. Ein Fall wurde schulrechtlich aufgearbeitet. Mit dem anderen Fall befasst sich die Justiz.

 Sie haben auf einem Maßnahmeplan bestanden. Wer kontrolliert, ob es Ergebnisse gibt?

Meine Mitarbeiter und ich. Wir wollen von der Schule abrechenbar wissen: Was unternehmt ihr zusammen, wer spricht mit wem? Ich will bis zum Schuljahresende und darüber hinaus über den Erfüllungsgrad der verschiedenen Themenbereiche informiert werden.

Das Klima aber ist vergiftet. Der Elternrat hat ein von Ihnen ins Spiel gebrachtes Mediationsverfahren mit der Schulleitung als nicht zielführend abgelehnt. Wie bewerten Sie diese Niederlage?

Nach dem offenen Brief war nicht zu erwarten, dass sich alle um den Hals fallen. Von daher hätte ich die Vermittlung durch professionelle Konfliktmanager, die anfänglich die Zustimmung aller Beteiligten fand, für eine gute Lösung gehalten.

Vor einigen Jahren haben Sie am Stötteritzer Nikolaigymnasium eine Schulleiterin abgezogen, weil es Konflikte gab. Warum machen Sie es jetzt nicht wieder so? 

An der Neuen Nikolaischule gab es in erster Linie Probleme zwischen der damaligen Schulleiterin und dem Lehrerkollegium, die nicht mehr zu reparieren waren. Die Auseinandersetzungen mit den Eltern waren dort von eher nachgeordneter Natur.

Aber am Rabet klagen inzwischen auch Mitglieder des Lehrerkollegiums. Etwa über die mangelhafte Kritikfähigkeit der Schulleitung. Wann ist es Zeit, der Fürsorgepflicht für das 15-köpfige Pädagogen-Team Rechnung zu tragen?

Ich habe durchaus mitbekommen, dass sich nicht alle lieb haben im Kollegium, dass es Spannungen gibt zwischen jüngeren und älteren Kollegen. Ein Wechsel an der Spitze ist aber immer die allerletzte Option. Sie müssen uns und den Akteuren an der Schule zunächst einmal die Chance einräumen, dass wir die Kuh vom Eis bekommen. Würde ich immer gleich den Weg des geringsten Widerstandes gehen, wäre das oft vermutlich nur der einfachere Weg. Personalführung ist komplizierter. Ich habe eine klare Erwartungshaltung und die Schulleitung hat Kenntnis davon. Und an der Umsetzung dieser Erwartungshaltung wird die Leiterin gemessen.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 04.07.2015
Dominic Welters

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