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Lokales Das „Überschuldungskarussell“ dreht sich in Leipzig schnell
Leipzig Lokales Das „Überschuldungskarussell“ dreht sich in Leipzig schnell
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06:00 12.06.2018
Altersüberschuldung gewinnt an Bedeutung: Bundesweit waren vier von fünf neuen überschuldeten Personen im vergangenen Jahr älter als 50 Jahre. Auch in der sogenannten Mittelschicht wächst die Überschuldung stärker als in den übrigen Milieus. Quelle: dpa
Leipzig

„Arbeitslosigkeit“, „Trennung/Scheidung“ und „Krankheit“ – die sogenannten Big Three der Überschuldung machen vielen Leipzigern zu schaffen. Trotz der aktuellen Konjunktur stürzen deshalb in der Region Leipzig immer mehr Menschen in wirtschaftliche Nöte, hat die Wirtschaftsauskunftei Creditreform ermittelt. In der Region Leipzig – zu der neben der Stadt Leipzig auch der Landkreis Leipzig, der Landkreis Nordsachsen sowie ein Teil des Landkreises Mittelsachsen zählen – waren danach im Jahr 2017 rund 111 .000 Menschen überschuldet oder wiesen nachhaltige Zahlungsstörungen auf. Sowohl die Fälle mit hoher Überschuldungsintensität – also mit gerichtlichen Sachverhalten – als auch mit geringer haben zugenommen, heißt es. Fälle mit geringer Überschuldungsintensität seien zwar eher mit geringen Schuldensummen verbunden, würden aber oft eine Vorstufe im „Überschuldungskarussell“ bilden.

„Betroffen sind zum Beispiel Menschen, die völlig unerwartet arbeitslos wurden“, berichtet Cornelia Hansel von der Verbraucherzentrale Sachsen über Erfahrungen der Leipziger Insolvenz- und Schuldnerberatung. „Sie dachten ihr Job sei sicher und haben deshalb Kredite aufgenommen – dann war der gute Job weg und die neue Beschäftigung bringt viel weniger ein, als für den Kredit erforderlich ist“, schildert Hansel. Ein „Entkommen“ aus eigener Kraft sei dann nur noch schwer möglich. „Häufig wird versucht, trotz der geringeren Mittel den wirtschaftlichen Zwängen gerecht zu werden. Sie und ihre Familienangehörigen leben deshalb häufig über lange Zeiten in wirtschaftlichen Unterversorgungssituationen.“

Ähnlich sei es mit Hartz-IV-Empfängern, die ihr Niedrigeinkommen schon länger beziehen. „Irgendwann sind alle Reserven aufgebraucht“, so Hansel. „Dann ist die kleinste Zusatzausgabe – eine kaputte Waschmaschine oder ein kaputter Fernseher – zu viel.“ Diese könne dann nur mit einem Kredit bezahlt werden, der dann wegen des Niedrigsteinkommens nicht mehr getilgt werden kann.

Kostenfalle Gebrauchsgegenstände

Auch vielen Aufstockern, die zusätzlich zu ihrem geringen Verdienst vom Amt Hilfe zum Lebensunterhalt erhalten, um über die Runden zu kommen, gehe es ähnlich. „Von ihnen gibt kaum jemand leichtfertig Geld aus“, hat Hansel entdeckt. Sie würden häufig durch die Finanzierung von „Gebrauchsgegenständen, die zur heutigen Lebenswelt gehören“, in die Überschuldungsfalle getrieben. „Zum Beispiel einen Computer für die Schulkinder, der über Kredit gekauft wird und das knappe verfügbare monatliche Einkommen um 50 oder 100 Euro reduziert.“

Bei Rentnern sei eine ähnliche Entwicklung zu beobachten. „Immer mehr Senioren haben so geringe Renten, dass sie gerade so über die Runden kommen“, schildert die Expertin. „Die Ersparnisse sind schnell aufgebraucht und manche leisten sich bald nur noch ein kleines Auto – und wollen es nicht aufgeben, wenn es kaputt geht.“ Die Reparaturkosten würden solche Senioren aber leicht überfordern.

Die Schuldnerquote der Stadt Leipzig ist 2017 zwar leicht gesunken. Dennoch bildet die Stadt mit einer Quote von 13,43 Prozent (2016: 13,50 Prozent) sowohl in der Region als auch in Sachsen zum wiederholten Mal das Schlusslicht. Im Vergleich aller Großstädte über 400.000 Einwohner rangiert Leipzig, wie in den letzten Jahren, auf dem vierten Rang. „Wir wissen auch nicht genau, warum Leipzig in diesem Vergleich so hervorsticht“, sagt Hansel. „Aber vielleicht liegt es auch daran, dass Leipzig nicht nur Gutverdiener anzieht, sondern auch arme Menschen.“

Im Leipziger Stadtgebiet steht die Schuldnerampel im Osten und Westen auf „dunkelrot“. In Volkmarsdorf und Neuschönefeld liegt die Schuldnerquote mit 25,45 Prozent überdurchschnittlich hoch. Am geringsten fällt, wie in den Vorjahren auch schon, die Überschuldung privater Verbraucher in Mölkau und Baalsdorf aus. Hier liegt die Schuldnerquote bei 5,96 Prozent (2016: 6,21 Prozent) und somit am unteren Ende der Skala in der Region. Den größten Rückgang der Quote verzeichnet im vergangenen Jahr im Stadtgebiet und der gesamten Region Leipzig erneut Seehausen mit 10,53 Prozent.

Nachbarlandkreise ebenfalls betroffen

Im Landkreis Nordsachsen stieg die Schuldnerquote 2017 auf 11,20 Prozent (2016: 10,97 Prozent). Mit einer Quote von 6,98 Prozent wiesen Schildau und mit 7,09 Prozent Mockrehna die niedrigste Quote im Landkreis auf. Den höchsten Anstieg im Kreis verzeichnet 2017 Torgau. Die Schuldnerquote stieg dort auf 14,97 Prozent.

Im Landkreis Leipzig lag die Quote 2017 bei 9,97 Prozent (2016: 9,94 Prozent). Die niedrigste Schuldnerquote im Landkreis und der gesamten Region Leipzig wurde erneut in der Gemeinde Kohren-Sahlis mit 5,44 Prozent ermittelt. Großpösna rangierte mit einer Schuldnerquote von 5,86 Prozent auf ähnlich niedrigem Niveau. Die höchste Schuldnerquote im Landkreis Leipzig zeigt sich, trotz eines erneuten Rückgangs, in Böhlen mit 14,36 Prozent. Einen überdurchschnittlich hohen Anstieg der Schuldnerquote verzeichnet Regis-Breitingen. Die Quote stiegt um 4,07 Prozentpunkte auf 13,52 Prozent und liegt damit über dem Durchschnitt in der Region.

Von Andreas Tappert

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