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Das Warten einer Mutter nach der Flucht vor den Taliban

Das Warten einer Mutter nach der Flucht vor den Taliban

Keine Nachricht, keine Spur, kein Lebenszeichen. Maryams Mann ist seit knapp einem Jahr verschwunden. Der 48-Jährige hatte für die afghanischen Sicherheitskräfte im Regierungsbezirk Kunduz gearbeitet.

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Einmal in der Woche kann Maryam mit ihren drei Kindern telefonieren, ihr Mann wird seit einem Jahr vermisst - sie darf in Deutschland nur warten.

Quelle: Andreas Doering

Leipzig. Als die Taliban die Dienststelle angriffen, tötete Wahid im Gefecht einen der Kämpfer. Die Taliban schworen Rache. An ihr Haus und an das Gebäude der Sicherheitskräfte sprühten sie Morddrohungen. Selbst in den Zeitungen sollen Artikel erschienen sein: Die ganze Familie soll getötet werden.

Maryam und Wahid entschlossen sich mit den drei kleinen Kindern zu fliehen. In aller Eile packten sie das Nötigste in ein Auto und fuhren in eine andere afghanische Stadt. Zwei Wochen kam die Familie im Haus eines Onkels unter. Dann ging es ins benachbarte Pakistan nach Islamabad. Doch auch dort haben die Taliban Einfluss. Wahid suchte einen Schlepper auf. Der sollte pakistanische Pässe und Flüge nach Deutschland organisieren. Für Maryam und die drei kleinen Kinder kostete das jeweils 10 000 US-Dollar. Für den Mann noch mehr, weil er von den Taliban gesucht wurde. Zur Einordnung: Ein afghanischer Beamter auf mittlerer Ebene verdient kaum 200 Dollar im Monat. Die Familie verkaufte alles, was sie sich bis zu diesem Lebenszeitpunkt erspart hatte: Ihr Haus und ein wenig Land - und bezahlte.

Erst nach sieben Tagen erschien der Schlepper mit einem einzigen Pass im Hotel: Nur Maryam könne ausreisen. Wahid und die drei Kinder im Alter von neun, sieben und vier Jahren müssten vorerst da bleiben. Es hieß, man müsse eine weitere Woche warten, dann kämen die anderen Pässe. Doch der Schmuggler kam nie wieder. Die Vier mussten zurück nach Afghanistan. Kurze Zeit später fanden die Taliban Wahid und verschleppten ihn. Ob er überhaupt noch lebt, ist ungewiss.

Die drei Kinder sind bei einem Verwandten in der Heimat untergekommen. Maryam lebt seit anderthalb Jahren in der Unterkunft für Asylbewerber in Trähna, einem Ortsteil von Borna. Während sie in einem kleinen Zimmer ihre Geschichte erzählt, gerät sie immer wieder ins Stocken. Die Stimme versagt. Die Traumatisierung ist schwer. Durch diese genießt sie Abschiebeschutz, mehr auch nicht. Als politischer Flüchtling ist die 45-Jährige bislang nicht anerkannt. Wäre das der Fall, könnten ihre Kinder nachgeholt werden.

Zum Dilemma gehört auch, dass sie mit ihrem Anwalt aufgrund der Traumatisierung kaum reden kann. "Es ist keine Identität nachgewiesen", erklärt Carolin Münch, die gemeinsam mit ihrer Schwester Sandra die Frau über den Verein Bon Courage aus Borna unterstützt, wo sie kann. Zwar scheinen die deutschen Behörden ihrer Geschichte zu glauben, aber es braucht Zeit. Die Papiere fehlen - natürlich; eine Flucht kann kaum auf rechtsstaatlichen Wegen erfolgen. Die alten Pässe hat die Familie verbrannt. Eine Geburtsurkunde nimmt keiner mit ins Flugzeug, wenn ein anderer Ausweis benutzt werden muss. Außerdem könnte die kühle Begründung der Behörde lauten: Ihre Kinder seien beim Onkel versorgt.

Einmal in der Woche kann Maryam mit ihnen telefonieren. "Mehr geht nicht, denn es ist teuer." Momentan ist ihre einzige Chance, die Kleinen zu sich zu holen: Sie muss den Lebensunterhalt selbst verdienen. Dafür soll Deutsch gelernt werden. Momentan übersetzt noch jemand für sie. Es fehlt die Genehmigung zur Finanzierung eines Sprachkurses. Und um drei Kinder zu versorgen, reicht beispielsweise ein Putzjob nicht aus. "Ich wäre bereit alles zu machen, um meine Kinder hierher zu holen", sagt Maryam, während die Tränen erneut ausbrechen.

Bis 2001 hatte Maryam in Kunduz eine Stelle als Sekretärin für die Stadt. Dann kamen die Taliban an die Macht. Frauen durften seitdem nicht mehr arbeiten. Selbst wenn Maryam jetzt einen Deutschkurs absolvieren dürfte, liegen anschließend die Hürden für eine Arbeitsgenehmigung hoch. In den ersten neun Monaten ihres Aufenthalts ist Arbeit für Asylsuchende und Geduldete komplett verboten. Anschließend haben sie kaum eine Chance auf einen Job, weil es bevorrechtigte Arbeitnehmer gibt, wie es in der Amtssprache heißt. Erst wenn kein Deutscher oder EU-Ausländer eine Stelle antreten will, hat ein Asylbewerber die Chance seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Ohne Einschränkungen ist das erst nach vier Jahren möglich. Es ist ein Zeitraum der ungewollten Untätigkeit - in der Maryam nur gelegentlich Lebenszeichen von den Kindern bekommen kann. Keine Bildung vermitteln kann, keine Umarmung, keine Sicherheit.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 19.02.2014

Matthias Pöls

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