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Lokales „Das europäischste Nationaldenkmal“
Leipzig Lokales „Das europäischste Nationaldenkmal“
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00:31 23.03.2018
Macht keine Angst mehr: Das Völkerschlachtdenkmal wird heute europäischer wahrgenommen, meint Rodekamp. Quelle: Christian Modla
Leipzig

Der Förderverein Völkerschlachtdenkmal wird 20 in diesem Jahr. Im Interview spricht Vorstandsmitglied Volker Rodekamp (64), Direktor des Stadtgeschichtlichen Museums, über das Wunder der Sanierung, die Rolle Kurt Biedenkopfs dabei und das neue Verständnis des Denkmals.

Frage: Sie kamen vor über 20 Jahren aus Minden, also aus der wohl geordneten Bundesrepublik, nach Leipzig. Wie war Ihr erster Eindruck von dieser Ost-Metropole?

Volker Rodekamp: 1992 war ich das erste Mal hier und ließ die Stadt auf mich wirken. Ich gebe zu, dass ich damals ein wenig sensibel war, Leipzig war noch grau, unwirtlich, unaufgeräumt, schwierig. In den folgenden Jahren bin ich dann immer mal wieder gekommen, bis ich mich entschied, hier zu bleiben. Am 1. Juni 1996 trat ich das Amt als Direktor des Stadtgeschichtlichen Museums an. Auch da erlebte ich Leipzig noch sehr anders als heute. Was ich aber damals auch schon wahrnahm, war der Spirit dieser Stadt und ihrer Menschen. Aus einem ruhigen Gewässer kam ich in einen sprudelnden Fluss, von Minden nahe der Porta Westfalica und 800 Jahren eher im Schatten der deutschen Geschichte, nach Leipzig, wo die Welt sich rasant verändert.

Und wie war Ihr Empfinden, als Sie zum ersten Mal vor dem Völkerschlachtdenkmal standen?

Ich habe mich erschrocken – ob der Dimension, die ich auch heute noch für irritierend halte, ob seiner dunklen Erscheinung, denn das Denkmal war noch schwarz und so gar nicht einladend, und auch ob seiner düsteren Geschichte in Deutschlands Diktaturen im 20. Jahrhundert, die ich aus meiner Bildungserfahrung für überwunden geglaubt hatte. Plötzlich war ich auch der Direktor dieses Denkmals. Ich wusste, dass ich vor diesem Bauwerk, das so markant in der Stadt steht, nicht weglaufen kann. Schon in den ersten Gesprächen, vor allem auch mit Denkmalschef Steffen Poser, war mir klar: Dieses Denkmal braucht eine neue Botschaft. So entwickelte sich die Idee, das Völkerschlachtdenkmal in der europäischen Friedens- und Versöhnungsgeschichte zu verankern.

Das half, gerade die in der Stadtverwaltung bestehenden Vorbehalte zu mindern?

In der Tat gab es dafür im Rathaus anfänglich nicht gerade einen schwungvollen Resonanzboden. Andererseits muss gesagt werden, dass die Stadt immer wieder Gelder zur Verfügung stellte, um das Bauwerk zu erhalten. Das waren freilich Instandsetzungen, die man äußerlich kaum wahrnehmen konnte. Doch es gab eine intellektuelle Reserve. Geschichte kann man sich nicht aussuchen, sie ist ganzheitlich, mal leuchtend und mal dunkel. Alles gehört zusammen. Eine selbstbewusste demokratische Haltung ist es, Geschichte zu umarmen, auch wenn sie nicht gefällt. Hinzu kam, dass das Denkmal im damals vereinten Deutschland als Endpunkt neonazistischer Aufmärsche benutzt wurde. Auch deswegen war es mir wichtig, eine neue geistige Kultur zu schaffen. Es so stehen und in trügerischer Ruhe zurück zu lassen, wie es zu Zeiten der Weimarer Republik geschehen war, das durfte nicht sein. Es gab helfende Aktionen wie „Courage zeigen“, und die Meinung „Wir lassen uns das Denkmal nicht wegnehmen“ nahm Fahrt auf. Das gab Kraft, auch mir persönlich, wenn ich Anrufe bekam: Rodekamp, hau‘ ab, das ist ein deutsches Denkmal

Im Bauamt hieß es entgegen vieler Mühen der Ebene lange Zeit: Keine Mark fürs Denkmal so lange es noch ein Schlagloch auf den Straßen gibt?

Das stimmt. Diesen Satz habe ich selbst vernommen, er konnte mich aber nicht abschrecken. Während wir auf dem Weg waren, eine neue Perspektive für das Denkmal zu suchen, gründete sich die Fördervereinsinitiative, um es wieder stärker ins Bewusstsein der Stadt zu bringen und als Bürger etwas dafür zu tun. Das Wirken des Vereins brachte neuen Schwung. Hätte er sich nicht gegründet, wäre es viel schwerer gewesen, die Sanierung des Denkmals voranzubringen.

Es wird bei großen Projekten oft von der Initialzündung gesprochen, der es bedarf, damit es losgehen kann. Die gab es wirklich auch fürs Völkerschlachtdenkmal?

Man muss wissen: Die Bundesregierung hatte uns mit Förderanträgen mehrfach abblitzen lassen, und auch der Freistaat zeigte sich zunächst verschlossen. Es bedurfte eines aufgeklärten Ministerpräsidenten, der in der deutschen Geschichte sehr gut zu Hause ist und der ein großes Gefühl für Verantwortung in sich trug – Kurt Biedenkopf. Er kam mehrfach zum Denkmal und saß eines Tages mit Oberbürgermeister Wolfgang Tiefensee zusammen. Man kam zur Erkenntnis: Wir machen es gemeinsam. Vom Freistaat kamen 15 Millionen Mark, die Stadt stellte die gleiche Summe zur Verfügung, und der Förderverein sammelt seither in großartiger Weise Spenden.

In Folge der Biederkopf-Aktivität wurde eine Stiftung gegründet. Warum?

Zum einen war es eine Art Auflage des Freistaates, der nicht wollte, dass die 15 Millionen Mark im Haushalt der Stadt Leipzig einfach eingehen. Biedenkopf wollte Transparenz der Mittel, gut so. Der andere Grund war, das Gelände des Denkmals samt des Vorplatzes der Stiftung als Eigentum zu überschreiben, um damit Veranstaltungen verbieten zu können, die die Stadt Leipzig nicht verbieten konnte und kann. Die Stiftung bietet den demokratischen Schutz für das Denkmal. Das hat es so in seiner über 100-jährigen Geschichte noch nicht gegeben.

Dass das Denkmal heute so dasteht ist für Sie?

Ein Wunder! Die Geschichte der Instandsetzung ist eine zutiefst Leipziger Geschichte und steht der Stadt gut zu Gesicht, auch wie es gelang, eine so breite Bürgerbewegung zu entwickeln. Die gibt es unverändert, sie ist immer noch da, und nimmt nicht ab. Vereint im Wortsinn stehen die Älteren, die sich aus ihrer eigenen Lebensgeschichte heraus engagieren, die Freunde und Förderer, die aus geschichtlichem Interesse dabei sind, und jüngere Leute, die sagen: Wir finden das Denkmal klasse, wir gehen gern dorthin, zeigen es gern vor und freuen uns über die vielfältige Nutzung. Zu hören, „das Denkmal macht keine Angst“, gehört zur tollen Bilanz, die wir ziehen können. Das Wunder ist aber nicht allein die eindrucksvolle Sanierung in den vergangenen 20 Jahren, sondern ebenso die Tatsache, wie es gelang, das Völkerschlachtdenkmal neu zu verstehen. Wir sind heute, und das bestätigen mir immer wieder meine Kollegen an vergleichbaren Gedenkorten in vielen Ländern, das europäischste Nationaldenkmal ganz Europas!

Von Thomas Mayer

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