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Lokales Das kleine Pfingstwunder von Volkmarsdorf: Die Sankt-Trinitatis-Gemeinde wuchs so stark, dass eine neue Kirche her musste
Leipzig Lokales Das kleine Pfingstwunder von Volkmarsdorf: Die Sankt-Trinitatis-Gemeinde wuchs so stark, dass eine neue Kirche her musste
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00:31 24.05.2015
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Leipzig

Die Sankt-Trinitatis-Gemeinde der SELK ist durch den Zustrom ehemaliger Muslime so gewachsen, dass sie aus ihrer Holzkapelle in Eutritzsch in ein großes landeskirchliches Gotteshaus in Volkmarsdorf umziehen musste.

 Was ist daran pfingstlich? Pfingsten, "das liebliche Fest" (Goethe), ist der Geburtstag der Weltkirche. Das Merkmal des ersten Pfingstfestes vor fast 2000 Jahren war die wundersame Fähigkeit der Jünger Jesu, in vielen Sprachen zu predigen - siehe Apostelgeschichte Kapitel 2, Vers 4. Damit wuchs die Urgemeinde auf der Stelle um 3000 Menschen. Heute gibt es 2,2 Milliarden Christen auf der Welt.

 Auch das Leipziger Pfingstwunder ist sprachlicher Natur: In der Volkmarsdorfer Lukaskirche wird Gott jetzt auf Deutsch und in Farsi gepriesen, der Sprache der Perser. Der rote Backsteinbau aus dem Jahr 1883 stand zuletzt überwiegend leer, obwohl er einst geistliche Heimstatt für 18 000 Messestädter war. Dass dort heute wieder jede Woche Gottesdienste gefeiert werden, widerspricht dem Trend. Jedes Jahr treten rund 250 000 Deutsche aus den Kirchen aus. Gemeinden werden zusammengelegt, Gotteshäuser verkauft.

 Die Trinitatis-Gemeinde der hochliturgischen SELK zählt nur 160 Mitglieder, aber sie hat Zulauf. Ein Drittel von ihnen sind ehemalige Muslime, die Christen geworden sind. Dies begann vor 15 Jahren. Der damalige Pfarrer Fritz-Adolf Häfner führte für Asylbewerber Deutsch-Kurse ein und benutzte dabei die Luther-Bibel als Textbuch. So lernten die Zugereisten die christliche Lehre kennen. Viele ließen sich taufen. Sie brachten Freunde mit - und auch diese wurden Christen. Einige missionierten danach unter Landsleuten in Berlin, so dass auch die dortigen SELK-Gemeinden größer wurden. Mittlerweile treten in ganz Deutschland immer mehr Iraner und Afghanen zum Christentum über: jeden Monat dutzende.

 Die weinrote Holzkapelle der SELK-Gemeinde in Eutritzsch wurde 1950 als notdürftiger Ersatz für die ausgebombte Kirche gebaut. Jetzt wurde sie zu eng. Folglich suchte Gemeindepfarrer Markus Fischer das Gespräch mit der evangelisch-lutherischen Landeskirche Sachsen, denn die verfügt nach einer Strukturreform und den damit verbundenen Gemeinde-Zusammenlegungen über etliche Kirchengebäude, die nicht mehr genutzt werden. Eines davon war die Lukaskirche. Dass dieses imposante Gotteshaus jahrelang verwaist war, hielt Fischer für ein bedenkliches Zeichen: "Eine leere Kirche predigt lauter als alles, was wir sagen", findet er. Seit dem Umzug seiner Gemeinde am Ostermontag wird dort nun wieder regelmäßig gebetet.

 Zunächst hat die Gemeinde das Lukas-Gebäude nur bis Ende 2016 gepachtet, weil der Standort "manchen älteren Gemeindegliedern Bauchschmerzen bereitet", wie Fischer erläutert. Sie hätten sich im bürgerlichen Eutritzsch wohlgefühlt, während rund um die Lukaskirche sozial schwache Familien, Drogenabhängige und viele Ausländer leben. Für den Pfarrer ist die Entscheidung dennoch richtig: "Martin Luther hätte auch sagen können: Ich bleibe im Kloster, weil ich mich so schön daran gewöhnt habe. Hätte er das gemacht, hätte es keine Reformation gegeben." Fischer hofft, dass bis Ende nächsten Jahres auch die letzten Zweifler vom Umzug überzeugt sein werden. Dann könnte das Gebäude gekauft oder per 99-jährigem Erbpachtvertrag übernommen werden.

 Schon vor drei Jahren hatte die Trinitatis-Gemeinde zusammen mit der Lutherischen Kirchenmission das Sozialprojekt "Die Brücke" in einem Büro direkt gegenüber der Lukaskirche eröffnet. "Gleich zu Beginn, als wir noch die Kisten auspackten, kamen die ersten Kinder und fragten: ,Dürfen wir mitmachen?'", berichtet Missionar Gevers. "Sie sehnten sich nach Annahme, weil sie zu Hause offenbar nie erfahren haben, was das ist."

 Jetzt nimmt sich die Gemeinde dieser vernachlässigten Kinder an. Sie hat zahlreiche Handwerks- und Musikprojekte für Minderjährige gestartet. Die jungen Leute sollen merken, dass sie etwas können und wichtig sind. So leitet Pastor Christopher Ahlman mehrere Chöre. In den nächsten Jahren möchte er ein musikalisches Bildungsprogramm für Kinder und Jugendliche aufbauen.

 Die Lukaskirche ist dafür ein guter Ort. "Wegen der ausgezeichneten Akustik wurden hier zu DDR-Zeiten viele Schallplatten aufgenommen", sagt Ahlman. Am 6. September werden seine Chöre in ganz Deutschland zu hören sein. Dann wird der MDR den Fernsehgottesdienst aus der Lukaskirche übertragen.

 www.die-bruecke-leipzig.de

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 22.05.2015
Matthias Pankau

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