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Das kurze Leben - Leipzigerin veröffentlicht Buch über den von der SS erschossenen Vater

Das kurze Leben - Leipzigerin veröffentlicht Buch über den von der SS erschossenen Vater

Bis 2001 war Irene Zoch, Jahrgang 1939, wissenschaftliche Mitarbeiterin der Forschungsabteilung am Herder-Institut der Uni Leipzig. Dann Ruheständlerin, hatte sie mit ihrem Mann die Heimatstadt Leipzig verlassen, um in Heinersdorf bei Bad Lobenstein ländliche Idylle zu genießen.

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Hat nach vielem Suchen und Forschen das Leben ihres Vaters erhellen können: Renate Irene Zoch.

Quelle: Roland Barwinsky

Leipzig. Dennoch zog es sie zuletzt immer mal an die Pleiße zurück: Zu Forschungszwecken. Zu ganz privaten. Um das kurze Leben ihres Vaters zu beleuchten.

"Mich hat seine Geschichte seit vielen Jahrzehnten nie losgelassen", meinte sie. Nicht zuletzt führte ihre Spurensuche daher auch in Leipzigs Staatsarchiv. Auf 111 Taschenbuch-Seiten "Draußen singt eine Amsel den Frühling ein. Wege zu meinem Vater" hat sie zusammengetragen, was sie an Akteneinträgen, Polizeivermerken, Tagebuchaufzeichnungen und privaten Briefen vom und über den Vaters auffinden konnte.

Die kleine Publikation - in diesem Jahr erschienen - erzählt von Rudolf Scharsig, der 1913 in Leipzig-Lindenau als drittes von sechs Kindern zur Welt kam. Sein Vater war Glaser, die Mutter Hausfrau. Rolf, wie die Familie ihn nannte, startete als Jugendlicher eine Maurerlehre in der Bauhütte Leipzig; war literarischer Leiter in der Sozialistischen Arbeiterjugend; studierte ab 1931 gar an der hiesigen Staatsbauschule, von der er aber ob seiner politischen Ambitionen sozusagen "gewippt" wurde.

Zoch offenbarten sich peu à peu die vielfältigsten Talente ihres Vaters: Er liebte Mathe und Technik; er spielte Geige, malte. "Vom November 1932 bis zu ihrem Verbot nach der Reichstagswahl am 5. März 1933 war mein Vater Mitglied in der KPD wie andere junge Leute damals auch, die sich mit der Welt, die sie für ungerecht hielten, nicht abfinden wollten, soziale Utopien hatten und den realen Kommunismus nicht kannten", so die Autorin.

In Lindenau habe ihr Vater ab 1933 die illegale örtliche KPD-Zelle G geleitet, wurde allerdings am 17. August 1934 verhaftet, wegen "Vorbereitung zum Hochverrat" zu drei Jahren Zuchthaus verurteilt, die er beginnend im Untersuchungsgefängnis Dresden, dann im Zuchthaus Waldheim, in der Landesgefangenenanstalt Zwickau, im Zuchthaus Berlin-Plötzensee und zuletzt im Aschendorfer Moor im Emsland verbüßen musste.

Am Tag seiner Entlassung, erzählt Zoch, bekam er den "Blauen Schein", der ihn als "Wehrunwürdig" auswies, ihm die bürgerlichen Ehrenrechte absprach. Stattdessen wurde Rudolf Scharsig 1943 ins berüchtigte Strafbataillon 999 gesteckt. Mit diesem in Russland, wollte er mit einigen Kameraden offenbar zu den Sowjets überlaufen. Doch das hatten tags zuvor bereits ein rumänisches Bataillon und ein Teil der 999er getan, was für Sanktionen sorgte. "Mein Vater wurde zusammen mit den anderen strengstens bewacht nach Baumholder gebracht. Alle kamen vors Kriegsgericht - zunächst ohne schlimme Folgen. Von da aus ging es dann aber nach Griechenland und Jugoslawien."

Am 13. Januar 1945 teilt Rudolf Scharsigs Kompaniechef Irene Zochs Mutter mit, dass der Vater am 1. Januar "bei schweren Abwehrkämpfen bei Vlasenica" (heute Bosnien-Herzegowina) den "Heldentod gefunden hat". Kameraden sagten später: Rudolf Scharsig sei beim Versuch, zu den Partisanen überzulaufen, von der SS erschossen worden.

Irene Zoch war sechs Jahre alt, als sie Halbwaise und fortan von Mutter Clara Käte "sehr liebevoll" allein aufgezogen wurde. Das Büchlein über den Vater jetzt ist weit mehr als aufgearbeitete Familiengeschichte. Episoden und Dokumente machen es zum authentischen Zeitdokument. Rudolf Scharsig, naturwissenschaftlich begabt, ein feinsinniger Mensch dazu, der sich gern mit den großen Philosophen auseinandersetzte, hat in widrigsten Lebenslagen nicht aufgesteckt. Hineingeboren in eine dramatische Epoche deutscher Geschichte, wächst er heran, während es mit der Weimarer Republik zu Ende geht. Und auf das, was sich anschließen sollte, begegnet der junge Mann mit dem, was man simpel Zivilcourage im Namen der Menschlichkeit nennt.

Was das Büchlein der früheren Leipzigerin nicht zuletzt bemerkenswert macht, sind leise Zwischentöne, die sie an bestimmten Stellen in Form von Fragen - unbeantwortet lassend - einflicht: Wie hätte ich mich seinerzeit, wie hätte sich manch' anderer in dieser oder jener Situation damals verhalten?

Renate Irene Zoch: "Draußen singt eine Amsel den Frühling ein - Wege zu meinem Vater", Engelsdorfer Verlag, 9,10 Euro, ISBN 978-3-95488-246-5

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 23.10.2013

Angelika Raulien

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