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Der Bahnhofswirt und seine Penne

100 Jahre Leipziger Hauptbahnhof Der Bahnhofswirt und seine Penne

Leipzigs imposanter Hauptbahnhof feiert in diesem Jahr seinen 100. Geburtstag. Das bekannte Bauwerk hat eine bewegte Geschichte hinter sich. In einer Serie blickt die LVZ zurück – heute: die Warte- und Speisesäle.

100 Jahre Hauptbahnhof

Quelle: Stadtgeschichtliches Museum

Leipzig. Die großen bewirtschafteten Warte- und Speisesäle wurden von den beiden Eisenbahnverwaltungen gemeinschaftlich an einen Dritten, den Bahnhofswirt, vermietet, wobei die sächsische Verwaltung der geschäftsführende Teil war. Dem ersten Pächter Louis Graß folgte zu Jahresbeginn 1921 Erich Naumann, der die Gaststätten bis Kriegsende bewirtschaftete. Nach einer kurzen Zwischenlösung wurde alles Anfang Dezember 1946 von der Mitropa übernommen.

Die bewirtschafteten Warteräume waren ebenfalls getrennt für Reisende der 1. und 2. Klasse sowie jene der 3. und 4. Klasse, wobei sich letzterer auf der West-, der für die beiden oberen Klassen auf der Ostseite befand. Dieser diente bereits seit Oktober 1913 mit seinen Nebenräumen als Empfangssalon für die anreisenden Fürsten und Staatsoberhäupter aus Österreich, Russland, Schweden und Deutschland, die zur Einweihung des Völkerschlachtdenkmals anreisten.

Im Wartesaal Ostseite führte eine Terrasse nach links in die Räume der 1. und 2. Klasse für Nichtraucher und nach rechts in den Speisesaal. Für alleinreisende Frauen war ein besonderer Raum mit eigener Toilette und Waschraum ausgestattet. All dies fand sich auch auf der Westseite für die beiden niedrigeren Klassen. Die Einrichtung war indes unterschiedlich. Für Reisende der 1. und 2. Klasse hatte der Wartesaal lederbezogene Stühle und Ledersofas sowie vornehme Einrichtungen. Für die beiden anderen Klassen waren Holzstühle und -bänke sowie einfache bunte Tischdecken vorgesehen. In den Wartesälen der Ost- und Westhalle standen mit den Nebenräumen je 650 Plätze und im Speisesaal 190 Plätze zur Verfügung, so dass die Gesamtkapazität der Bahnhofswirtschaft rund 1600 Plätze betrug.

In den Blütejahren 1924 bis 1929 gab es einige Veränderungen. Der Bahnhofswirt konzentrierte seine Tätigkeit Richtung Stadtbevölkerung. So wurde aus dem Nichtraucher-Wartesaal 1. und 2. Klasse ein Weinabteil mit Bar, dessen Zugang über die Treppenterrasse ohne Betreten des Wartesaals möglich war. Aus dem Pendant der 3. und 4. Klasse wurde ein individueller Raum für Feierlichkeiten, Versammlungen und ähnliches für die oberen Klassen der Stadtbevölkerung. Die Trennung der Wartesäle nach Klassen verschwand erst mit dem Neubeginn im Jahr 1945.

In beiden Seitenflügeln des Hauptbahnhofs gab es zudem je eine Schänke, gedacht für Fuhrleute, Arbeiter, Dienstmänner und Gepäckträger. Die Bahnhofsschänken hatten zwar einen eigenen Gastwirt, unterstanden aber der Bahnhofswirtschaft. Die Schänke I verfügte über 90 Plätze, die Nummer II auf der Ostseite 150 Sitze. Beide wurden nach 1945 geschlossen.

Nicht zu vergessen: Beim Bau wurden ebenso unbewirtschaftete Warteräume für die Reisenden vorgesehen – wie in den Zügen wurde auch hier nach Klassen entsprechend der gelösten Fahrkarte unterschieden. Selbstverständlich gab es je einen für die 1. und 2. Klasse sowie die 3. und 4. Klasse im sächsischen wie im preußischen Teil. Die Benutzung der Warteräume für die 1. und 2. Klasse war nur gering, da die Reisenden mit entsprechenden Fahrkarten zumeist die bewirtschafteten Wartesäle nutzten. 1934 wurden diese aufgelöst. Die beiden Warteräume der 3. und 4. Klasse wurden im Eisenbahnerjargon als „Penne“ bezeichnet, woraus zu schlussfolgern ist, wofür diese Räume nachts dienten. Zu den Leipziger Messen in den 1920er- und 1930er-Jahren wurden sie als Hilfshandgepäckstellen genutzt.

Von Martin Pelzl

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