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Leipzig Lokales Der Ehrenvorsitzende wird 85 Jahre alt
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00:33 09.04.2018
Rolf Isaacsohn, der Ehrenvorsitzende der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig, in der Synagoge. Heute wird er 85 Jahre alt. Quelle: Foto: Silvia Hauptmann
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Leipzig

Als in Leipzig die Synagoge in Flammen stand und Bücher verbrannt wurden, war Rolf Isaacsohn fünf Jahre alt. Dann kam der Moment, der sich ihm aus seiner Kindheit tief einprägte. Am 10. Mai 1942 verkündeten seine Eltern: „Du gehst dich nun von der Oma verabschieden. Die Oma geht auf Transport.“ Der Ehrenvorsitzende der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig hat ein bewegtes Leben hinter sich. Am Freitag wird er 85 Jahre alt.

Am 6. April 1933 in nationalsozialistischer Zeit wurde Rolf Joachim Isaacsohn in Leipzig geboren. Die Mutter war vor der Heirat zum Judentum konvertiert. Im Elternhaus stand die jüdische Religion im Hintergrund. Vor allem die Oma Diana Isaacsohn nahm den Enkel zum Gottesdienst in die liberale Hauptsynagoge in die Gottschedstraße mit. Als Fünfjähriger erlebte Isaacsohn erstmals die nationalsozialistische Gewalt gegen die Juden. Am 10. November 1938, dem November-Pogrom, schreckte er im Anblick der brennenden Hauptsynagoge und den im gemauerten Flussbett der Parthe in der Uferstraße zusammengetriebenen Jüdinnen und Juden zusammen. Im April 1939 wurde Rolf Isaacsohn in die erste Klasse eingeschult. Er freute sich über die Zuckertüte mit Süßigkeiten, Obst und Buntstiften. Doch für ihn und die Familie begann eine schwere Zeit.

Am 10. Februar 1945 befahl die Gestapo die letzte Deportation aus Leipzig. Vier Tage später waren Vater und Sohn Isaacsohn im Transportzug in das Konzentrationslager Theresienstadt. Als am 10. Mai 1945 die Rote Armee Theresienstadt befreite, grassierte eine ansteckende Krankheit, und das Lager wurde unter Quarantäne gestellt. Auf eigene Faust machte sich eine kleine Gruppe von Leipzigern zu Fuß auf. Nach 14 Tagen erreichte sie Grimma und fand einen Zug nach Leipzig. Isaacsohn absolvierte eine Ausbildung zum Elektroinstallateur. Bis 1989 arbeitete er im VEB Geophysik.

Im Laufe des Jahres 1953 hatten sich Vater und Sohn Isaacsohn von der jüdischen Gemeinde zurückgezogen, da ihnen die eingetretenen innergemeindlichen Veränderungen nicht behagten. Im Dezember 1952/Januar 1953 hatte die SED eine antisemitische Stimmung ausgelöst. Viele Gemeindemitglieder flüchteten aus der DDR. Aus Leipzig waren es etwa 60 Jüdinnen und Juden. Als in den 1960er-Jahren die jüdische Gemeinde allmählich wieder in die Öffentlichkeit ging, hielt Rolf Isaacsohn, der nicht sonderlich religiös ist, weiterhin nur sporadisch den Kontakt. Erst 1988 nahm er wieder an Veranstaltungen teil und wurde 1989 vom damaligen Gemeindevorsitzenden Aron Adlerstein in die Vorstandssitzungen einbezogen. 1991 übernahm Isaacsohn die neu geschaffene Position des Geschäftsführers der Israelitischen Religionsgemeinde. 1996 trat Isaacsohn in den Vorruhestand, wirkte aber weiter als Vorstandsmitglied.

Nach dem Tod Adlersteins wurde er 2000 zum Gemeindevorsitzenden gewählt und führte bis 2004 die jüdische Gemeinde. In der Zeit als Geschäftsführer, Vorstandsmitglied und Vorsitzender veränderte sich die Israelitische Religionsgemeinde grundlegend. Schwerpunkte seines Wirkens waren die Integration der Emigranten aus der ehemaligen Sowjetunion, von denen viele nur Russisch sprachen. Und die Organisation der baulichen Sanierung der Synagoge, des Neuen Israelitischen Friedhofs und des Gemeindehauses. 2000 kam der Umbau des Ariowitsch-Hauses hinzu, der nicht nur Wohlwollen bei den Nachbarn fand. In dieser Zeit mussten er und seine Mitstreiter viel erklären, obwohl es eigentlich das gute Recht der Gemeinde ist, ein eigenen Begegnungszentrum zu betreiben.

Immer wieder trifft Isaacsohn auf Antisemitismus und tritt diesem offensiv entgegen. Besonders schockierend war ein Vorfall am 12. Oktober 2017: Isaacsohn gab einem Kamerateam des MDR an der Gedenkstätte für die zerstörte Hauptsynagoge ein Interview. Plötzlich wurden sie von zwei Männern verbal attackiert; einer zeigte den „Hitlergruß“. Isaacsohn war schockiert und sagte: „Ich habe innerlich gezittert.“

Seit über 50 Jahren ist Rolf Isaacsohn glücklich verheiratet; und er ist Vater eines Sohnes. Als einer der wenigen noch lebenden Holocaust-Überlebenden ist er ein sehr gefragter Gesprächspartner. Isaacsohn ist Ehrenvorsitzender der Israelitischen Religionsgemeinde und 2016 verlieh ihm die Stadt Leipzig die Goldene Ehrennadel und Ehrenurkunde.

Von Steffen Held

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