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Lokales Der Eiermann vom Leipziger Wochenmarkt geht in Rente
Leipzig Lokales Der Eiermann vom Leipziger Wochenmarkt geht in Rente
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23:59 27.05.2013
Jürgen Schönberg (links) und Nachfolger Mark Müller Quelle: André Kempner

Am Freitag kommt er zum letzten Mal vor das Alte Rathaus.

"Sechs Eier bitte", "Zehn Eier hätt ich gern", verlangen die Kunden. Während die Ware verpackt wird, erzählen sie kurz: "Ich hole meine Eier nur bei ihm, und das schon seit Jahren", so Dagmar Schmalz aus Schleußig. "Hier schmecken sie einfach besser. Vielleicht ist es auch das Wissen, dass sie direkt vom Hof kommen", fügt die 63-Jährige hinzu. Erika Blank (73) aus Lindenau pflichtet bei: "Schon immer kaufe ich nur bei ihm, da ist alles frisch, auch die Nudeln und Weihnachten das Geflügel." Für Klaus Zimmermann (70) aus Lindenau geht mit dem letzten Arbeitstag von Jürgen Schönberg eine Ära zu Ende: "Er hat eben noch glückliche Hühner. Hoffentlich macht das sein Nachfolger auch so gut."

Der Betroffene selbst ist genauso traurig wie seine Kunden. "Ich will eigentlich nicht, aber ich bin 67, irgendwann muss man mal aufhören. Ich habe Angst vor dem Tag. Doch andere mussten auch damit klarkommen." Seine Frau Sabine ist erst 54 und arbeitet weiter. Die beiden gemeinsamen Kinder hatten kein Interesse, den Hühnerhof in Liptitz zu übernehmen. Also hat Schönberg seine 5000 Hühner verkauft. Schon seit vier Wochen ist sein Nachfolger Mark Müller (23) aus Sitzenroda bei Torgau mit auf Tour, um das Geschäft kennenzulernen. Früh halb fünf aufstehen, um sechs losfahren. Mit einem Auto voller Eier, die noch fast warm sind, maximal zwei bis drei Tage alt. "Ob 15 Grad minus oder 30 Grad Hitze, ich hab eigentlich nie gefehlt", denkt der Eiermann nach. Jedenfalls war er nie krank und auch nie im Urlaub. Wenn er wirklich nicht auf den Wochenmarkt kommen konnte, war er eingeschneit. Kälte findet er weniger schlimm als Hitze: "Da hab ich meine Heizung und kann mir was anziehen, aber die Hitze macht einem ganz schön zu schaffen."

Der Hühnerhof war seine späte berufliche Herausforderung. 30 Jahre lang hat der kauzige Mann als Schlosser gearbeitet. Dann war er vier Jahre Bürgermeister von Liptitz, bis zur Eingemeindung nach Wermsdorf. 1996 wurde er arbeitslos, 1997 eröffnete er den Hühnerhof und fing noch mal ganz klein an. Er hatte Kredite laufen, als 2006 der schlimmste Rückschlag kam: All seine 5000 Hühner mussten eine Woche vor Ostern getötet und die Eier "in die Tonne gekloppt" werden. Weil im Nachbarort Vogelgrippe ausgebrochen war. "Damals war ich 60. Heute würde ich das gar nicht mehr aushalten", gesteht der Eiermann. Kollegen halfen ihm damals, indem sie ihm Eier zum Verkauf abgaben, über die Runden zu kommen. Nach drei Monaten hatte Schönberg neue Hühner. Er überstand die Katastrophe, "aber so richtig erholt habe ich mich nie von dem Verlust."

Mit "Bio" hat er nichts am Hut: "Das Siegel brauche ich nicht. Ich tu einfach alles dafür, dass es meinen Hühnern gut geht." Am Wochenende kommen öfter mal Leipziger nach Liptitz und gucken nach, ob die Hühner dort wirklich frei auf der Wiese herumlaufen. Das tun sie. Und wenn die Sonne scheint, setzt der alte Mann sich zu seinen Hühnern, und dann gackern sie um ihn herum.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 28.05.2013

Decker, Kerstin

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