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Der Fall Teske – vor 35 Jahren letztes Todesurteil in der DDR vollstreckt

DDR-Geschichte Der Fall Teske – vor 35 Jahren letztes Todesurteil in der DDR vollstreckt

Es ist die letzte Hinrichtung auf SED-Befehl. 1981 wird Werner Teske, Ex-Hauptmann des Ministeriums für Staatssicherheit, per Genickschuss in der Leipziger Haftanstalt an der Alfred-Kästner-Straße getötet. Laut dem Verein Bürgerkomitee Leipzig soll aus der zentralen Hinrichtungsstätte der DDR bald ein Museum werden.

 Im Leipziger Gefängnis Alfred-Kästner-Straße wurden bis 1981 64 Todesurteile auf DDR-Befehl vollstreckt.
 

Quelle: Wolfgang Zeyen

Leipzig.  Es war der 26. Juni 1981. Gegen 10:10 Uhr trat in der ehemaligen Leipziger Hausmeisterwohnung in der Alfred-Kästner-Straße der Scharfrichter hinter den damals 39-jährigen Todeskandidaten Werner Teske und schoß ihm eine Kugel in den Hinterkopf. Teske, Hauptmann beim Ministerium für Staatssicherheit (MfS), war das letzte Opfer, das in der zentralen Exekutionsstätte der DDR getötet wurde. Am Sonntag jährt sich die letzte Hinrichtung auf SED-Befehl zum 35. Mal. Leipziger Bürgerrechtler wollen die Hinrichtungsstätte als Platz der Erinnerung erhalten.

Ex-Hauptmann versteckte Stasi-Akten zu Hause

Der 39-jährige Werner Teske war ein promovierter Volkswirt, der sich 1967 als überzeugter Kommunist vom MfS anwerben ließ. Er gehörte zur Hauptabteilung Aufklärung, war für die Ausbildung von Spionen zuständig, nahm aber geheime Akten mit nach Hause, versteckte diese und spielte mit dem Gedanken, in den Westen überzulaufen. Doch die Stasi kam ihm auf die Spur, fand schließlich auch die verschwundenen Papiere.

Als der Aktendiebstahl ans Licht kam, wurde der Hauptmann wegen angeblicher Spionage und vorbereiteter Fahnenflucht vom Obersten Gericht der DDR zum Tode verurteilt. Teske gab in Verhören zu, dass er in den Westen fliehen wollte. Er hätte lieber wissenschaftlich an einer Universität geforscht. Vor seiner Hinrichtung hatte Teske um Gnade gebeten.

Flucht in den Westen nur „vage Idee“

„Er schleuste öfter Leute aus der DDR in den Westen und meinte scherzhaft, das könnte er auch mit der eigenen Familie machen“, sagte Sabine Kampf. Für die Witwe und ihren Mann, der nie zu West-Geheimdiensten Kontakt geknüpft hätte, sei das aber immer nur eine „vage Idee“ gewesen, sagte Kampf – 12 Jahre war sie mit dem Stasi-Mann zusammen.

Von 1960 bis 1981 wurden in der Leipziger Hinrichtungsstätte der DDR 64 Menschen umgebracht – bis 1968 per Guillotine, dann per Genickschuss. Während die Todesstrafe in der Bundesrepublik seit Gründung abgeschafft war, verhängten die DDR-Gerichte seit 1949 laut der Stasi-Unterlagenbehörde 231 Todesurteile, von denen 160 vollstreckt wurden. Bei fast einem Drittel spielten politische Motive eine Rolle. Bevor ab 1960 die Hinrichtungen in Leipzig durchgeführt wurden, diente der Dresdner Gerichtsbau am Münchner Platz als Exekutionsstätte. Erst 1987 schaffte die DDR-Führung die Todesstrafe ab.

64 Menschen in Leipzig seit 1960 hingerichtet

„Mit dem Tode bestraft werden konnten in der DDR NS-Verbrechen, Mord und schwere Staatsverbrechen sowie Spionage“, sagte Tobias Hollitzer vom Verein Bürgerkomitee Leipzig. Der Verein betreibt in der sogenannten „Runden Ecke“ ein Museum, das sich der Arbeit des MfS widmet. Und er plant, die letzte zentrale Hinrichtungsstätte der DDR in Leipzig zu erhalten und zu einem Erinnerungsort der Justizgeschichte auszubauen.

34 Menschen sollen alleine mit der sogenannten „Fallschwertmaschine“, einer Guillotine, getötet worden sein, darunter NS-Kriegsverbrecher und Mörder. „Dabei waren die Straftatbestände zweitrangig, die Todesstrafe war politische Verfügungsmasse der SED-Spitze“, ergänzte er. Verurteilte mit NS-Vergangenheit mussten sterben, weil die DDR-Staatsführung unter Beweis stellen wollte, dass mit dem Faschismus gründlicher abgerechnet wurde als in der Bundesrepublik.

Staatsgeheimnis: Hinrichtung

Ab Ende der 1960er Jahre war im Strafgesetzbuch der DDR festgelegt, dass der Henker seine Opfer mit einem sogenannten „unerwarteten Nahschuss ins Hinterhaupt“ zu töten hatte. 30 Verurteilte wurden bis 1981 so hingerichtet, unter ihnen auch vermeintliche Spione und Fahnenflüchtige.

Hinrichtungen waren in der DDR ein Staatsgeheimnis. „Vor der Vollstreckung der Todesurteile wurde auf dem Leipziger Südfriedhof immer ein Kiefernsarg gekauft und die Einäscherung organisiert – beides bar bezahlt“, berichtet Hollitzer. Unmittelbar nach der Hinrichtung wurden die Leichen dort anonym bestattet. Abschiedsbriefe, die die Verurteilten schreiben konnten, wurden nicht an ihre Familien weitergeleitet, sondern zu den Akten genommen. „Auf den Totenscheinen waren die Todesursache und der Todesort stets gefälscht.“

Familie erfuhr erst nach 1989 vom Tod Teskes

Auch der Name Teske wurde aus allen Urkunden und Zeugnissen gelöscht. Seine Frau und seine Tochter erhielten neue Identitäten. Erst nach dem Sturz des SED-Regimes erfuhr die Familie von der Vollstreckung des Todesurteils.

Als die DDR die Todesstrafe schließlich 1987 abschaffte, wollte das der damalige Staatsratsvorsitzende Erich Honecker (1912-1994) als Geste der Menschlichkeit verstanden wissen. Zu dieser Zeit stand aber auch der erste offizielle Besuch eines Staatsoberhaupts und Regierungschefs der DDR in der Bundesrepublik an.

 

Von Oliver Becker

Leipzig 51.339695 12.373075
Leipzig
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