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Der Leipziger Siegfried Bogner: Für „Täve“ auf Tour

Lange nichts gehört von... Der Leipziger Siegfried Bogner: Für „Täve“ auf Tour

Mit der Artikelserie „Lange nichts gehört von …“ werden Menschen vorgestellt, die auf unterschiedliche Weise bekannte Leipziger sind. Heute Siegfried Bogner (71), erst Langzeitarbeitsloser, nun, wie er selbst sagt, Armutsrentner.

Der Leipziger Siegfried Bogner (71).

Quelle: André Kempner

Leipzig. Mit der Artikelserie „Lange nichts gehört von …“ werden Menschen vorgestellt, die auf unterschiedliche Weise bekannte Leipziger sind. Heute Siegfried Bogner (71), erst Langzeitarbeitsloser, nun, wie er selbst sagt, Armutsrentner.

Sigi Bogner traut sich was. Er hält mit seinem Fahrrad vor dem Fünf-Sterne-Hotel mitten in der Stadt und zieht sich den Zorn eines ankommenden Porsche-Fahrers zu. Der meckert, was Bogner aber nicht stört: „Steht irgendwo geschrieben, dass ich hier nicht anhalten darf?“ Er ist unterwegs, um Sympathiestimmen für „Täve“ Schur zu sammeln. Dass der DDR-Radsportikone ein Platz in der Ruhmeshalle des deutschen Sport verwehrt wird, regt ihn mächtig auf: „Schurs sportliche Leistungen sind unbestritten. Und wenn er wirklich gedopt hätte, wie manch einer ihm es anheften will, dann wär er heute nicht mehr unter uns. Ist er aber und mit Mitte Achtzig noch immer ziemlich gesund.“

Er schrieb in Sachen „Täve“ an Dagmar Freitag (SPD), Vorsitzende des Sportausschusses des Bundestages. Ob er von „seiner Genossin“ Antwort erhält, glaubt er nicht. Wie er überhaupt nicht von „seiner Partei“ sprechen möchte, zu oft sei er von ihr schon enttäuscht worden. Mitglied blieb er trotzdem. 1993 trat er ein, meinte, mit seiner durch und durch sozialen Gesinnung in der SPD am besten aufgehoben zu sein. Tiefster Einschnitt in einer schwierigen Beziehung war unter Kanzler Gerhard Schröder die Hartz-IV-Gesetzgebung: „Ich bin ein Opfer und würde heute, wäre ich die letzten Arbeitsjahre nicht so bei Seite gestellt worden, 200 Euro pro Monate mehr bekommen.“

Bogner bekennt sich als Armutsrentner. Seit 1995 war er arbeitslos. Er gehörte zu denjenigen, die den grundlegenden Wandel in der Gesellschaft nicht schafften. Dabei hatte der ausgebildete Mathematiker ganz gute Grundlagen, es zu packen. Im Starkstromanlagenbau war er in der Erwachsenenqualifizierung tätig. Als es im VEB auch mit seinem Job zu Ende ging, fand er aber nicht die Tür, die sich ihn für eine neue Perspektive öffnen sollte. Er musste aufs Amt, erlebte Umschulungen, ABM, Stütze mancher Art, private Probleme. Nun jenseits der 70 stellt er keine Ansprüche mehr. Er lebt in einer 40-Quadratmeter großen Wohnung im Eisenbahnstraßenviertel und bekommt hier die Dissonanzen in der Gesellschaft hautnah mit.

In der Stadt gilt Bogner als Enfant Terrible von denen da unten. Mehrmals die Woche ist er bei seinen Freunden vom Gewerkschaftsbund. Er diskutiert mit ihnen, liest im Büro die LVZ, die er sich im Abonnement nicht leisten kann. Kontakte auf durchaus gehobenen und sogar politischem Niveau pflegt Bogner, nur so den Tag vertrödeln, ist nicht sein Ding. Auch bei der CDU kennt man ihn, und die Genossen von der SPD wissen ohnehin, mit ihm umzugehen. Gern würde er auch so manch einen Parteievent fernab besuchen, doch „wegen Mangel an Moos nichts los“. Die Fahrkosten werden dem Armutsrentner nicht erstattet. In Sachen Gerechtigkeit möchte er dem SPD-Vorsitzenden und Kanzlerkandidaten Martin Schulz auf den Zahn fühlen: „Vielleicht gibt es mit ihm demnächst einen Treff vor meiner Haustür. Schaut ja gerade nicht so aus, dass er gegen die Merkel eine Chance hätte.“

Wenn sich Sigi zur Ruhe bringen will, denkt er als Katholik an den heiligen Augustinus und an Erasmus von Rotterdam. Dessen Schrift „Lob der Torheit“ hat er oft mit im Gepäck und in Kernsätzen sogar zitierfähig drauf. Womit Bogner, weiß Gott kein Sieger der Geschichte, schon mal die Herren mit Schlips und Kragen düpiert. Er selbst trägt oft ein rotes Shirt, gesponsert von der SPD, drüber hat er eine schwarze Weste gezogen, die er bei der CDU abstaubte, unterwegs ist er mit einem neuen alten Fahrrad, jüngst gefunden in einem verlassenen Keller. Einer wie er muss wissen, wie man hinkommt. Bogners mentale Stimmung in Zeiten des Wohlstandes und des Geldes im Überfluss: „Nix Überfluss. Aber ich lebe noch.“

Von Thomas Mayer

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