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Lokales Der Mann mit dem Wecker
Leipzig Lokales Der Mann mit dem Wecker
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17:01 19.05.2015
Von Michael Thomas

Am 30. Mai 1968 musste Fritzsch die Sprengung der Universitätskirche miterleben, die er aber nicht stillschweigend hinnehmen wollte. Auch aus diesem Grund wird Fritzsch heute die Ehrendoktorwürde der Fakultät für Physik und Geowissenschaften der Leipziger Alma mater verliehen.

Es war der Abend des 20. Juni 1968. In der Leipziger Kongreßhalle fand die Abschlussveranstaltung des Bach-Wettbewerbes statt. Während der Auszeichnung der Preisträger entrollte sich auf der Bühne ein Transparent, 145 mal 275 Zentimeter groß, darauf die Umrisse der Universitätskirche, ein Kirchenkreuz und in großen Buchstaben die Worte "Wir fordern Wiederaufbau". Das Transparent hing, wie ein Polizeibericht aussagt, acht bis zwölf Minuten herab und veranlasste einen Teil der Besucher zu längerem Applaus. Beifall klatschte damals auch Harald Fritzsch, erlebte er doch hautnah mit, was sein Protest bewirkte.

Der heute 70-Jährige gehörte seinerzeit zu jenen mutigen jungen Leuten, die es sich nicht bieten lassen wollten, dass der SED-Staat eine intakte mittelalterliche Kirche beseitigte. Harald und sein Cousin Günter Fritzsch, Stefan Welzk, Dietrich Koch und Georg Treumann fertigten das Transparent aus Stoff und ließen es mittels einer Zeitschaltuhr entrollen. Fritzsch sagt heute dazu: "Ich saß wie gebannt in der Kongreßhalle. Und wie geplant exakt 20.08 Uhr geschah es dann auch. Mein Wecker hatte funktioniert. Als ich am nächsten Tag in der Mensa war, klopfte mir ein Kommilitone aus Jux auf die Schulter: ,Mensch Harald, das mit dem Transparent hast Du doch gemacht.'"

Die fünf jungen Leute wussten sehr wohl, dass sie mit ihrem Protest ins Fadenkreuz der Stasi geraten waren. Harald Fritzsch und Welzk flüchteten wenig später im Faltboot von Bulgarien aus über das Schwarze Meer in die Türkei. Koch und Günter Fritzsch wurden verhaftet, zu mehrjährigen Freiheitsstrafen verurteilt und schließlich freigekauft. Treumann, der das Plakat gemalt hatte, blieb unentdeckt.

Zur Ehrenpromotion im Alten Senatssaal und Kolloquium für Harald Fritzsch kommt heute auch dessen damaliger Weg- und Fluchtgefährte Stefan Welzk. Er hatte am Morgen des 20. Juni 1968, verkleidet als Bühnenarbeiter, das Transparent samt Wecker-Mechanismus im Schnürboden der Kongreßhalle angebracht. Welzk ist noch immer stolz auf das, was er und seine Mitstreiter taten: "Die Leipziger Universitätskirche wurde wegen ihres humanistischen Wertes gesprengt. Sie war der Kristallisationspunkt einer Geistes- und Lebenswelt, die dem SED-Regime suspekt sein musste. Die Sprengung war also eine politische Botschaft. Wir mussten ihr etwas Sichtbares entgegensetzen."

Harald Fritzsch ist hoch erfreut, Ehrendoktor der Leipziger Universität zu werden. Die Ereignisse von damals hat er, obwohl sie nun schon mehr als 40 Jahre zurückliegen, noch immer deutlich vor Augen: "Woher wir den Mut dazu nahmen, das weiß ich bis heute nicht. Meine Flucht aus der DDR hat aber nicht nur mit diesem konkreten Protest zu tun. Als Sohn eines Unternehmers hätte ich in der Forschung, in der ich unbedingt tätig sein wollte, keine Entwicklungschancen gehabt. Also plante ich sowieso, die DDR zu verlassen. Was uns dann auf spektakuläre Weise über das Schwarze Meer gelingen sollte." Harald Fritzsch und Welzk haben ihre Erinnerungen inzwischen in Büchern niedergeschrieben.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 16.05.2013

Mayer Thomas

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