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Lokales Der Mexikaner ist ein Gärtner: Abrissbagger legen DDR-Leuchtreklame in Leipzig frei
Leipzig Lokales Der Mexikaner ist ein Gärtner: Abrissbagger legen DDR-Leuchtreklame in Leipzig frei
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08:00 29.03.2013
Kein Mexikaner mit Sombrero, sondern ein Gärtner aus DDR-Zeiten: Am Königsbau in der Grimmaischen Straße ist durch den Abriss des benachbarten Baukombinats eine alte Leuchtreklame zum Vorschein gekommen. Quelle: Regina Katzer
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Leipzig

Was mancher Passant dort als Mexikaner identifiziert, ist in Wirklichkeit ein Gärtner – und die längst vergessene Leuchtreklame eines traditionsreichen Blumenhauses.

Bei Stephan Hanisch weckt die verblasste Figur aus den 50er-Jahren alte Erinnerungen. Für ihn ist sie ein „Steinchen in der Geschichte“ seines Familienunternehmens, das der 41-Jährige in sechster Generation in der Messestadt führt. Der Geschäftsführer von Blumen Hanisch im Leipziger Hauptbahnhof muss nicht lange hinsehen, um den Mann mit der Gießkanne an der Fassade zu erkennen. Er stammt von der 1959 angebrachten Neonwerbung für das einst von seinem Großvater gegründete Blumenhaus am Augustusplatz.

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Gärtner schlummerte mehr als 40 Jahre hinter der Fassade

Dass die historische Leuchtreklame jetzt – nach mehr als 40 Jahren – wieder ans Licht kommt, ist den Bauarbeiten für ein neues Hotel zu verdanken. Bis Ende 2014 entsteht an der Ecke Grimmaische Straße/Ritterstraße ein neues Motel One. Abrissbagger hatten die historische Neonwerbung seit Anfang Februar freigelegt, als das Baukombinat dem Erdboden gleichgemacht wurde. Hinter dessen grauer Fassade fristete der einst leuchtende Gärtner seit 1970 ein Dasein im Verborgenen.

Hanischs Großvater Alfred hatte 1949 im Königsbau das damals größte Blumenhaus Leipzigs eröffnet, für das die Leuchtreklame später warb. Mit 150 Mitarbeitern und 2000 Quadratmetern Fläche war der Laden eine Sensation in der Nachkriegszeit. „Ganz Leipzig war auf den Beinen, um dieses Aufbau- und Blumenwunder inmitten der Zerstörung zu bestaunen“, erzählt die Chronologie des Familienunternehmens. Erst Jahre danach wurde an der Seite zur Ritterstraße von der Handelsorganisation (HO) der DDR die Neonwerbung angebracht. Zu dem Ensemble gehörte einst auch eine große Sonnenblume, der Schriftzug "HO Blumenhaus" und eine Sonne unter dem Dachgiebel.

So soll das neue Motel One in der Grimmaischen Straße einmal aussehen (Siegerentwurf vom Büro RKW Architekten). Quelle: Dirk Knofe

Die HO hatte den Floristenbetrieb ab 1955 gepachtet – zeitgleich brach ein neues Kapitel in der 1836 begonnenen Firmengeschichte an. Alfred Hanisch wanderte wegen der sozialistischen Wirtschaftspolitik der DDR in den Westen aus und eröffnete im Frankfurter Hauptbahnhof einen neuen Blumenhandel, der bis heute existiert. Er selbst kehrte bis zu seinem Tod 1976 nie wieder nach Leipzig zurück. Alteingesessenen Messestädtern dürften übliche Verabredungen wie „Halb acht bei Blumen-Hanisch“ aber noch bekannt sein. Ein 2006 erschienenes Leipzig-Buch wurde sogar so benannt.

Stadt prüft mögliche Erhaltung als Denkmal

Erhaltenswert oder nicht – darüber sind sich Fachleute derzeit noch uneinig. Denn durch den Abriss wurden die Überreste der meterhohen Gärtner-Figur stark beschädigt. Von der grünen Gießkanne beispielsweise ist kaum noch etwas übrig. Die Reklame zu erneuern und an anderer Stelle anzubringen, lohne sich wahrscheinlich nicht, meint Frank Speckhals vom Verein Pro Leipzig. „Wenn man bedenkt, wie viel Aufwand und Engagement es bedarf, zum Beispiel die Löffelfamilie zu erhalten und zu betreiben, sehe ich in diesem Fall wenig Sinn.“

Einst gehörten auch eine Sonnenblume und eine Sonne zum Leucht-Ensemble. Davon ist heute allerdings nichts mehr übrig. Quelle: Regina Katzer

Im Amt für Bauordnung und Denkmalpflege der Stadt ist dennoch eine Prüfung angelaufen, ob die Reklame zu retten ist. Bislang wusste hier kaum jemand, dass hinter der Fassade des alten Baukombinats noch ein Stück Leipziger Stadtgeschichte schlummert. Durch die Wiederentdeckung sei der Hotelbau aus Denkmalsicht neu zu bewerten, heißt es auf Anfrage von LVZ-Online. Ob die Werbung schützenswert ist und erhalten werden soll oder sie wieder hinter der Fassade eingemauert wird, soll in den nächsten Wochen entschieden werden.

Stephan Hanisch bringt der Gedanke, dass der Gärtner bald wieder verschwinden könnte, nicht um den Schlaf. Er ist dafür, die Überreste fotografisch festzuhalten und so für die Nachwelt zu bewahren. „Manchmal“, sagt der 41-Jährige, „muss man Vergangenheit auch Vergangenheit sein lassen.“

Robert Nößler

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