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Lokales „Der Moment, an dem es kippt“: Angst vor Gentrifizierung im Leipziger Stadtteil Connewitz
Leipzig Lokales „Der Moment, an dem es kippt“: Angst vor Gentrifizierung im Leipziger Stadtteil Connewitz
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13:53 09.11.2011
Ein Transparent auf der Bornaischen Straße im Leipziger Stadtteil Connewitz. Quelle: Regina Katzer
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Leipzig

Neben der kommunalen Stadtentwicklung und den umfangreichen Investitionen der Immobilienbranche sind diese Veränderungen in Leipzig auch großem individuellen, alternativem Engagement geschuldet. Denn bevor manche Teile der Stadt für finanzkräftige Sanierer interessant wurden, entstand hier schon eine lebendige Stadtteilkultur – so wie beispielsweise in Teilen von Gohlis, in Schleußig, in der Südvorstadt und in Connewitz.

„Üblicherweise passiert das in Quartieren, die zuvor unsaniert und wenig attraktiv waren und viel Leerstand hatten.  Das zog eine bestimmte Art von Bewohnern an: vor allem Kreative und Studenten“, erklärt Thilo Lang. Der gebürtige Schwabe leitet seit Anfang des Monats beim Leipziger Leibniz-Institut für Länderkunde die Abteilung „Regionale Geographie Europas“ und befasst sich auch mit den Auswirkungen von Stadtentwicklung. Studenten und Kreative werten die maroden Stadtteile auf, erklärte der 35-Jährige gegenüber LVZ-Online. Das wecke später auch über die Quartiersgrenzen hinaus Begehrlichkeiten: „Es werden nun auch Leute angezogen, die hier vorher nicht wohnen wollten. Irgendwann kommt es dann zu dem Punkt, wo es kippt und die Menschen, die erst hier gewohnt haben, sich das nicht mehr leisten können“, sagte Lang. 

Gentrifizierung in Leipzig: Protest im „Kiez Windmühlenstraße“ und in Connewitz

Die Stadtsoziologie hat für dieses Phänomen den Begriff „Gentrifizierung“ ersonnen. In der Öffentlichkeit wird dieser vor allem gebraucht, wenn es um die geräuschvolle Reibung geht, die ein solcher Entwicklungs- und Verdrängungsprozess mit sich bringen kann. In den vergangenen Wochen geriet beispielsweise die Bewohnerkritik an den Sanierungsplänen im „Kiez Windmühlenstraße“ unweit der Innenstadt in die Schlagzeilen. Im Stadtteil Connewitz hat das Aufbegehren schon Tradition. Seit Jahren wird im von alternativen Wohnprojekten und Soziokultur geprägten Stadtteil um den Erhalt des Status quo gerungen.

Leipzig. Die Stadt ist im Wandel. Aus dem grauen Messestadt-Klotz der späten 1980er Jahre ist in den vergangenen zwei Jahrzehnten eine der attraktivsten Städte Europas gewachsen. Manche Stadtteile in Leipzig verdanken ihre positive Entwicklung dabei vor allem auch privaten Initiativen und alternativen Wohnprojekten. Im Zuge der Stadterneuerung fürchten diese nun Verdrängung.

„Ein herausragendes Beispiel war der Widerstand gegen das große Stadtteilzentrum, das hier einmal gebaut werden sollte. Dann ist der Netto-Markt am Wiedebachplatz auf einer Fläche entstanden, auf dem zuvor ein beliebter Spätverkauf stand. Auch die neu gebauten Stadthäuser, wie etwa in der Auerbachstraße und der Leopoldstraße, werden sehr kritisch wahrgenommen“, berichtet Juliane Nagel (Die Linke). Die Stadträtin hat ihr Abgeordneten-Büro direkt am Connewitzer Kreuz und begleitet die Veränderungen im Stadtteil seit langem in ihrem Weblog.

Farbbeutelattacken und Zerstörungen – keine zielgerichtete Kritik erkennbar

Während die Bewohner des „Kiez Windmühlenstraße“ aktuell vor allem mit Petitionen oder Kunstausstellungen um den Erhalt ihres sozioökonomischen Biotops ringen, hat der Gentrifizierungs-Protest in Connewitz aggressivere Formen angenommen. „Die Kritik äußert sich vor allem durch Attacken mit Farbbeuteln oder auch so genannten Teerbomben, die sich noch stärker und unangenehmer an den Häuserwänden verbreiten“, sagt Nagel. Die Leipziger Polizei berichtet zudem von Steinwürfen auf Stadthäuser und zerbrochenen Fensterscheiben, die Stadtverwaltung von Zerstörungswut am örtlichen Bürgeramt, an einem Kindergarten sowie immer wieder am schon erwähnten Netto-Markt.

Blick in die Auerbachstraße in Connewitz. Hier wurden moderne Stadthäuser in die Baulücken gesetzt. Quelle: Regina Katzer

Von wem die Attacken kommen, ist bisher allerdings weitgehend unklar: „Es gibt meines Wissens keine konkrete Gruppe oder Organisation, die sich dazu bekannt hätte“, sagt Juliane Nagel. Auch die Kommune will bisher keine zielgerichteten Aktionen mit einem politischen oder gesellschaftlichen Motiv erkannt haben. Juliane Nagel glaubt allerdings, „dass einige der Einzelpersonen, die zu solchen Mitteln greifen, Angst haben, dass tendenziell immer mehr Besserverdienende nach Connewitz ziehen, sich das Klima im Stadtteil verändert und die bisherigen Bewohner verdrängt werden.“

Ihrer Meinung nach sind es vor allem die seit 2002 im Quartier gebauten 60 modernen Stadthäuser sowie der Verkauf und die Sanierung diverser Immobilien im Stadtteil, die das Gleichgewicht immer stärker beeinträchtigen. „Durch die Stadthäuser ziehen vermehrt Familien nach Connewitz, wovon viele besser verdienen. Durch die Sanierungen steigen die Mieten – wenn auch bisher in erlaubten Rahmen. Meines Wissens sollen beispielsweise die Wohnungen in der Herderstraße inzwischen 20 Prozent teurer sein, als vorher.“

Stadthäuser, Sanierungen und lebendige Straßenkultur

Auch das Klima im Stadtteil verändere sich, sagt Nagel. „Das merkt man etwa am geplanten Streetball-Platz am Connewitzer Kreuz, dessen Bau nun schon mehrfach wegen drohender Lärmbelästigung von Anwohnern verhindert wurde. Dabei war Connewitz bisher vor allem auch Stadtteil mit lebendiger Straßenkultur.“ Den letzten Satz würde wohl auch die Stadtverwaltung unterschreiben. „Connewitz ist und war in soziokultureller Hinsicht schon immer ein sehr bunter und lebendiger Stadtteil, der von dem Miteinander einer Bewohnerschaft mit unterschiedlichsten Lebensentwürfen gekennzeichnet ist“, heißt es aus dem Dezernat für Stadtentwicklung. Connewitz sei allerdings auch sehr heterogen, von unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen mit sehr unterschiedlichen Lebensstilen geprägt.

Bei der Stadterneuerung seien deshalb von Beginn an auch Alteingesessene, Alternative und neue Bewohner gleichermaßen einbezogen worden. „Insbesondere mit der Gründung der Alternativen Wohngenossenschaft Connewitz im Jahr 1996 wurde dem Bedürfnis nach alternativen Wohnformen und deren Erhalt Rechnung getragen“, heißt es aus dem zuständigen Dezernat. Zudem sei bereits 1998 die Interessensgemeinschaft Connewitz ins Leben gerufen worden, in der alternativen Wohnprojekte, Bürgerpolizisten, Sozialarbeiter, ansässige Kultureinrichtungen und zuständigen Ämter regelmäßig miteinander ins Gespräch kommen.

Leerstand verkleinern – langfristige Perspektiven für Alteingesessene

Trotzdem konnten die Attacken in Richtung der neuen Bewohner und die zunehmende Sanierungsaktivität im Stadtteil bisher nicht verhindert werden. Auch Stadtentwicklungsforscher Thilo Lang vom Leibniz-Institut weiß von keinem Patentrezept, wie sich der Konflikt künftig ausschließen ließe. „Es ist ja auch gewollt, dass sich der Leerstand verändert, dass die Lücken geschlossen werden und in Quartieren mit städtebaulichen Problemen eine Aufwertung stattfindet. In Leipzig gibt es heute noch weit über 10.000 leer stehende Baudenkmale, die vor dem Verfall zu sichern sind“ sagt Lang.

Der Wissenschaftler empfiehlt der Kommune, die ansässigen Initiativen im Stadtteil einfach noch stärker zu schützen, ihnen eine langfristige Perspektive zu geben. „Wenn der Druck und die Angst weg sind, verdrängt zu werden, dann ist schon ein großer Schritt getan. Die Stadtverwaltung könnte gezielt Hilfestellung anbieten, damit betroffene Initiativen und Gruppierungen die von ihnen genutzten Immobilien erwerben oder langfristig mieten können“, glaubt der 35-Jährige.

Seiner Einschätzung nach muss das allerdings zeitnah passieren: „Momentan ist das Fenster hier noch offen, gibt es die Möglichkeit, dass engagierte Leute im Quartier mit den Eigentümern dauerhafte Lösungen finden können.“ Falls das nicht gelinge, werden immer mehr Initiativen und Bewohner Connewitz verlassen müssen. Danach steigere sich der Stress der Verbliebenen mit den neuen Anwohnern. „Ich denke, Connewitz wird dabei eine ähnliche Dynamik erhalten, wie zuvor die Südvorstadt. Dort ist inzwischen fast alles renoviert. Vor der Sanierung mussten die Bewohner ausziehen und danach wurden die Mieten angehoben. So hat sich die Bevölkerung im Quartier fast komplett ausgetauscht“, sagt Thilo Lang.

Matthias Puppe

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