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Der Mord von Leipzig-Knauthain: Wer war Rocco J.? – ein Porträt

Leipzig-Knauthain Der Mord von Leipzig-Knauthain: Wer war Rocco J.? – ein Porträt

Der schockierende Mord an Rocco J. sorgt nicht nur in Knauthain für Trauer und Entsetzen. Die kaltblütige Tat bewegt die ganze Stadt. Aber wer war Rocco J.? Im Jahr 2012 hat Andrea Nabert das Buch „Lebensbilder aus Knauthain, Knautkleeberg, Hartmannsdorf und Rehbach“ veröffentlicht. In einem Kapitel wird Rocco J. porträtiert. Wir drucken es hier in Auszügen.

Rocco J. mit einem seiner Tiere.

Quelle: Andrea Nabert

Leipzig.

Der Chef des Reitgestütes Knauthain GmbH, wie der Reiterhof korrekt heißt, hat von klein auf mit Landwirtschaft und auch mit Pferden zu tun. Rocco J. wächst bei seiner Mutter in Knauthain auf. Aus Zwickau von einem Bauernhof stammend, ist sie nach dem Studium nach Knauthain auf das Volkseigene Gut (VEG) gekommen, arbeitet in der Buchhaltung. Hier lernt sie den Vater, einen Busfahrer, kennen. Die Eltern trennen sich, als Rocco noch ein Kind ist. Da die Mutter ein Fernstudium begonnen hatte, ist ihr Sohn oft bei den Großeltern auf einem Bauernhof bei Crimmitschau. „Hier bin ich schon als Dreijähriger mit meinem Großvater Grünfutter holen gefahren und durfte sogar schon die Leine halten auf dem Pferdewagen“, erzählt Rocco J. von den Anfängen seiner Pferdeleidenschaft.

Schon als Kind ein Pferdenarr

An die Schlossschule, an der er zehn Jahre Schüler ist, hat er nur gute Erinnerungen. „Da die Schule nicht so riesig war, hatten wir ein enges Verhältnis zueinander. Und wir waren eine tolle Klasse. Die Vertrautheit ist immer noch da, wie zum letzten Klassentreffen 2010. Ich war damals schon ein Pferdenarr.“ Ab 1968 gibt es Reitpferde im VEG. Ab 1970 ist Rocco J. über seine Mutter und die Schule zum Reiten gekommen. Er beginnt gleich auf großen Pferden zu reiten; Ponys hat das Gut nicht. „Meine Mutter hatte als Hauptbuchhalterin im VEG guten Kontakt. Reiten war zu DDR-Zeiten etwas Besonderes. Da gab es kaum Reiterhöfe“, erzählt Rocco J. 1972 gründet sich im Gut eine Betriebssportgemeinschaft, in der er auch Mitglied wird. „An den Wochenenden sind wir auf Turniere gefahren. Wir waren eine großartige Gemeinschaft. Wir hatten ja die Verantwortung für die Pferde und haben uns auch untereinander geholfen.“

Ab 1972, mit Gründung der Betriebssportgemeinschaft, wird einmal im Jahr in Knauthain ein Turnier veranstaltet, bis 1994. „Das war ein Ereignis! Der ganze Betrieb hat mitgewirkt. Die Veranstaltung wurde liebevoll ‚Klein-Wiesbaden’ genannt in Anspielung auf das Internationale Pfingstturnier in Wiesbaden. Die Veranstaltung war sehr beliebt. Da man viel züchtete auf dem Gut – so zehn, fünfzehn Fohlen wurden im Jahr geboren – gab es Fohlenschauen, aber auch Stuteneintragungen und manchmal sogar Ringreiten.“

Aber auch unangenehme Erinnerungen sind wach: „Einmal hatte ich ein tolles Pferd angeritten, ein dreijähriges. Ein dreiviertel Jahr bin ich mit ihm geritten. Als ich an einem Wochenende von der Lehre zurückkam, war es nicht mehr da. Es wurde zum Export verkauft. Das VEG hatte in Bezug auf Pferde drei Aufgaben: ein bisschen für Touristik zu sorgen, Impfserum zu produzieren, aber auch Pferde für den Export zu züchten. Das brachte Devisen. Wallache kamen in das Gestüt nach Moritzburg und wurden von dort aus in den Westen verkauft. Stuten wurden behalten. Was nicht verkauft wurde, blieb im Schulbetrieb.“

Auch Rocco J. geht nach Moritzburg zur Lehre als Pferdewirt. „Dort angenommen zu werden war wie ein Lottogewinn. Ich war einer von über 300 Bewerbern um acht Lehrstellen. Wir haben zusammengehalten, auch in der Freizeit. Wenn wir abends zur Disko in den umliegenden Dörfern waren, sind wir alle gemeinsam hingegangen und auch wieder alle zusammen nach Hause. Die Ausbildung war sehr streng, fast militärisch. Einige der alten Hengstreiter hatten noch in Preußen gelernt.“

Nach der Lehre steht die Armeezeit an. Danach folgt ein Studium zum Agraringenieur an der Fachschule in Stadtroda. „Als einer der Besten des Jahrgangs wurde ich dann nach Meißen an die LPG-Hochschule delegiert und schloss nach zweieinhalb Jahren als Diplom-Agraringenieur ab. Dort wurden wir vorwiegend in Ökonomie ausgebildet, als zukünftige Betriebsleiter. Mein Plan war es, einmal das VEG in Knauthain zu übernehmen. 1990 war ich mit dem Studium fertig und dann ging es richtig los – mitten in der Wende“, resümiert Rocco J. Er übernimmt die Abteilung Pferde auf dem Gut. In dieser Zeit ist die Treuhand schon für die Abwicklung des ehemaligen staatlichen Betriebes eingesetzt. Auf deren Anweisung hin werden Arbeitskräfte abgebaut und Tiere verkauft.

Im Oktober 1991 soll der damalige Chef planmäßig in den Ruhestand gehen. „Keiner fühlte sich verantwortlich, wie es weitergehen sollte. So sind er und ich nach Berlin gefahren zu dem Verantwortlichen für die VEGs und haben ihn um Lösung des Problems gebeten. Als er ratlos sagte: ‚Was soll ich da jetzt machen?’, haben wir ihm ein Berufungsschreiben diktiert, in dem stand, dass ich den Betrieb übernehme. Das hat er unterschrieben. Eine meiner ersten Amtshandlungen war, Leute zu entlassen und Tiere abzuschaffen, aber vieles davon war vorher schon eingeleitet worden“, erzählt J. von einer turbulenten Zeit. „Wir sorgten dafür, dass alle eine ordentliche Abfindung bekamen.“

Start als Privatunternehmer

1993/94 wird der Betrieb der Stadt, die 1935 das Gut mit Schloss und Park von den Hohenthals gekauft hatte, rückübertragen. Zu DDR-Zeiten ist das Gut verstaatlicht worden, wird nun durch die Treuhand der Stadt zurückgegeben. Die Stadt schreibt den Knauthainer Besitz in drei Losen aus: den alten Hof, das Schloss und die Gebäude des jetzigen Reiterhofes. „Meine Frau und ich versuchten, uns auf alle drei Lose zu bewerben.“ Seine Frau hatte er in Meißen beim Studium kennengelernt. Sie leitet dann den Gartenbaubetrieb in Großzschocher in der Ellrodtstraße und muss auch dort die Abwicklung vorantreiben. Sie haben ein umfassendes Konzept, versuchen, Partner für das Schloss zu finden, Hotelfirmen oder andere Anbieter, die zu Pferden passen, aber es funktioniert nicht. „Von Vorteil war, dass wir schon arbeiteten, zwar als Stadtbetrieb, aber wir warteten nicht ab. Wir hatten noch unseren Kundenstamm aus der DDR, Pferde waren da und die Ausbildung von Kindern lief auch weiter. Wir haben alles am Laufen gehalten und konnten so Geld erwirtschaften. Am Ende waren wir nur noch zehn Mann auf dem Gut. Auf dem Gelände des jetzigen Reiterhofes hatte sich die Speditionsfirma Peisker und Söhne eingemietet.“ Im März 1995 bekommen die J.’s endlich den Zuschlag für ein Los mit der Prämisse, in einem Jahr vom alten Gut in den jetzigen Reiterhof zu ziehen. „Wir haben als private Firma angefangen. Die ersten zehn Jahre waren nicht einfach. Es war und ist uns wichtig, den Mitarbeitern jeden Monat pünktlich den Lohn zu überweisen“, berichtet J. von den Anfängen mit acht Mitarbeitern. 116 Hektar Land werden mit übernommen, zum Beispiel die Flächen des ehemaligen Fortunabades, der Zschochersche Winkel und das Elsterflutbett. Da man nur auf gekennzeichneten Reitwegen reiten darf, haben die J.’s Flächen gepachtet, um gleich vom Reiterhof aus ungehindertes Reiten ermöglichen zu können. Und die Wiesen liefern das Heu, das auf einem Reiterhof in Unmengen gebraucht wird. Normalerweise wird nur aus dem ersten Schnitt Heu gemacht, wenn nötig auch aus dem zweiten. Manchmal gibt J. Heu ab, für die Bisons am Cospudener See oder an den Stadtforst für den Wildpark.

Einer der größten Reitsportvereine in Sachsen

Das Reitgestüt ist heute ein normaler Pferdebetrieb mit riesigem Schulbetrieb und Pensionspferdehaltung. 100 Pferde stehen in der Anlage, davon 60 private, 20 werden im Schulbetrieb eingesetzt, der Rest dient der Nachzucht.„Unser Betrieb besteht eigentlich aus zwei Betrieben: Der eine ist der landwirtschaftliche Betrieb mit den Wiesenflächen und der Futterproduktion und der andere der Gewerbebetrieb mit dem Schulbetrieb, den Pensionspferden und dem Laden“, erklärt J. Mit 140 Mitgliedern und dem Vorsitzenden Rocco J. ist der Reitclub Leipzig-Knauthain e.V. einer der größten Reitsportvereine in Sachsen. Jedes Jahr wird ein Turnier ausgerichtet. „Zu den Sächsischen Meisterschaften waren in den letzten zehn Jahren Leute aus unserem Verein immer unter den ersten Dreien, beim Dressur- und Springreiten, aber auch beim Voltigieren.“ Sechs Reitlehrer arbeiten auf dem Hof und über den Verein gibt es noch acht weitere Trainer.

Generationen werden hier groß; J. findet es spannend, die Lebensläufe zu verfolgen. Er selbst reitet täglich, zwei bis drei Pferde am Tag: hoch ausgebildete, um sie in Schuss zu halten, und junge, um sie einzureiten. Auch J.’s Kinder reiten. (...) Aber er drängt die Kinder nicht, einen „Pferdeberuf“ zu ergreifen. „Sie sollen studieren, worauf sie Lust haben“, sagt er. Um den Fortbestand macht er sich keine Sorgen. „Der Mensch braucht bei der zunehmenden Technisierung einen Ausgleich. Pferde und Natur gehören dazu. Wenn man mit einem Pferd zusammen ist, kann man total abschalten, muss richtig runterfahren. Das genießen die Leute. Wir sind total ausgebucht und das wird sich wahrscheinlich in den nächsten Jahren nicht ändern.“

Im Laufe seiner Arbeit mit Pferden und Menschen hat er viel erlebt. An eine Geschichte erinnert er sich noch besonders: „Es war noch in der Zeit im VEG. Ich bin in den Stall gekommen. Darin gab es gemauerte Boxen. In einer Einzelbox, die eigentlich für einen Hengst bestimmt ist, stand eine kleine Vollblutstute. Auf einmal hörte ich ein ganz leises ‚Hilfe!’ Was war los? Ich bin zurückgegangen vor die Box und hörte wieder diesen leisen Hilferuf, sah aber niemanden außer der Stute. Ich begann, an mir zu zweifeln. Dann öffnete ich die Box und sah in der Ecke drei kleine Kinder kauern. ‚Unser Papa hat uns hier eingesperrt, damit wir uns an sein Pferd gewöhnen’, sagten sie zu mir. Zum Glück war das Pferd ein ganz liebes und hätte auch am liebsten um Hilfe gerufen wegen des ungewöhnlichen Kinderbesuchs in der Box. Ich habe die Kinder befreit und mit dem Vater ein ernstes Wörtchen gesprochen“, erinnert sich Rocco J.

Andrea Nabert veröffentlichte 2012 das Buch „Lebensbilder aus Knauthain, Knautkleeberg, Hartmannsdorf und Rehbach“. Die hier abgedruckten Auszüge über das Leben des Rocco J. sind daraus entnommen. Das Buch ist bei Pro Leipzig erschienen, derzeit aber nicht mehr lieferbar. In einigen Buchhandlungen gibt es noch Restexemplare.

Von Andrea Nabert

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