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Lokales Plagwitz – der Stadtteil, der sich gewandelt hat
Leipzig Lokales Plagwitz – der Stadtteil, der sich gewandelt hat
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09:23 12.04.2019
Da waren die Scheiben noch ganz: Der Konsum im Westwerk am Abend der Eröffnung bei festlicher Beleuchtung. Quelle: Foto: André Böhmer
Leipzig

Die Umrisse zacken sich durchs Glas wie Grenzen auf Landkarten. Doch nach dem Anschlag auf den Mittwochabend eingeweihten Konsum steht wohl keinem der Sinn danach, auf Ästhetik eingeworfener Fensterscheiben zu achten. In über 50 Scheiben der großen Westwerk-Halle klaffen Löcher, die der Wut entstammen. Wut über eine weitere bauliche und strukturelle Veränderung in Plagwitz.

Wieder mal taucht das Stichwort Gentrifizierung auf, Synonym für Verdrängung von Altmietern durch die sanierungsbedingte Aufwertung eines Stadtteils. Bevor das Gelände an der Karl-Heine-Straße in den letzten Jahren in Stand gesetzt wurde, hatten Kreative das baufällige Westwerk als Unterkunft genutzt und damit ein Achtungszeichen in der Kulturszene gesetzt. 2017 demonstrierten sie vergeblich gegen die Kündigung ihrer Verträge – im Fokus der Verein Sublab und die Galerie Westpol. Die Protestler verwiesen auf die Symbolik eines „Ortes für einen unkommerziellen, kreativen und subversiven Charakter, den Leipzig zunehmend einbüßt“.

52 Scheiben bei Anschlag eingeworfen

Gut zwei Jahre später wurde am Mittwoch der neue Konsum-Supermarkt im Westwerk eingeweiht, 250 geladene Gäste stießen auf die Filiale an. Nur Stunden nach der Feier platzte die Glashülle der großen Halle. Laut Polizei schlugen Unbekannte um 1.22 Uhr bis zu 52 Fenster ein und flüchteten. Am Donnerstag Mittag tauchte auf dem Szeneportal Indymedia ein vermutlich von Linksextremisten verfasstes Bekennerschreiben auf. „Wir haben in letzter Zeit das Westwerk betrachtet und sind unserem Impuls nachgegangen, angesichts der drohenden Konsumeröffnung einige Steine, Bitumen und Buttersäure da zulassen“, heißt es darin, und außerdem: „Verdrängung hat viele Gesichter, eines davon haben wir heute Nacht eingeschlagen.“

Auf den neuen Konsum-Supermarkt im Leipziger Westwerk ist in der Nacht vor der Eröffnung ein Anschlag verübt worden. Unbekannte Täter warfen mehr als 50 Scheiben am Gebäude ein und verteilten Buttersäure. Vor dem Gebäude gab es auch am Tag danach erneut Proteste.

Die neue Ermittlungsgruppe „LE“ (Linksextremismus) übernahm den Fall. Die beim Landeskriminalamt angesiedelte Einheit aus Beamten der Polizeidirektion Leipzig und des Polizeilichen Terrorismus- und Extremismus-Abwehrzentrums war vor wenigen Monaten gegründet worden.

„Wir haben die Kulturmacher nicht vertrieben“

Da nicht der Supermarkt selbst, sondern die große Westwerk-Halle davor beschädigt ist, nahm der Konsum am Donnerstagmorgen regulär den Betrieb auf. Die Höhe des entstandenen Schadens ist bislang noch nicht bekannt. Natürlich weiß Konsum-Vorstand Dirk Thärichen um die Diskussionen rund ums Westwerk, um Veränderung der Mieterstrukturen, um die Abwehrhaltung, denn auch zur Eröffnung und noch Donnerstag waren Gentrifizierungs-Gegner am Westwerk präsent. „Wir haben die Kulturmacher nicht vertrieben“, betonte Thärichen und schätzte, der Unmut richte sich gegen den Vermieter des Westwerks.
„Dass der Konsum ins Westwerk eingezogen ist geht gar nicht! Durch solche Ansiedlungen kommt Geld nach Plagwitz, dann steigen die Mieten und die Pioniere des Westens werden damit verdrängt. Das ist das Ende der Karl-Heine-Straße“; meint Anna. Quelle: André Kempner

Sterzing: „Wo gehen die Leute einkaufen, die die Steine geworfen haben?“

Dieser – Geschäftsführer Peter Sterzing – verweist auf über 40 Künstler und 120 weitere Mieter und betont: „Ein Großteil der Mieten liegt weit unter dem Durchschnitt der Umgebung. Wir sind nie ein kommunales Projekt gewesen, sondern müssen uns von Anfang an selbst über Wasser halten und finanzieren.“ Der Geschäftsführer kann nicht nachvollziehen, dass ausgerechnet der Konsum Ziel des Anschlags war. „Das ist ein Leipziger Unternehmen, ein Nachbar aus Plagwitz. Wo gehen die Leute einkaufen, die die Steine geworfen haben: Rewe? Lidl? Aldi? Netto? Kaufland?“

Bis zum Beginn der 2000er Jahre lag Plagwitz – trotz der Künstlerhochburg in der Spinnerei – noch außerhalb jeder Boombewegung. Die einzigen Kultur-Magneten auf der Karl-Heine-Straße bildeten die Schaubühne Lindenfels und das kleine Cineding-Kino. Der Felsenkeller ragte marode in die Höhe, „Kneipenszene“ wäre ein zu großes Wort für die wenigen Gastro-Einrichtungen gewesen, und der Sanierungsbedarf von Wohnraum war offensichtlich.

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Die 2000er: Plagwitz wird zum Szene-Viertel

Auf niedrigerem Level passierte in den nächsten Jahren das, was Industriepionier Karl Heine in großem Stil Mitte des 19. Jahrhunderts vollbracht hatte: Plagwitz zu einem prosperierenden, pulsierenden Stadtteil zu machen. Galerien entstanden, die Zahl von Kneipen und Restaurants schien förmlich zu explodieren, das Figurentheaterzentrum Lindenfels Westflügel kam 2005 hinzu, seit Ende 2014 zieht der Felsenkeller vor allem junges Publikum an. Und natürlich das Westwerk.

Die Situation in aufblühenden Leipziger Stadtteilen ist klar: Ohne Sanierung würden Immobilien verrotten, mit Sanierung zieht es höhere Mieten und eine andere Klientel nach sich. Quasi symbolisch für die Entwicklung steht an der Zschocherschen Straße seit einem halben Jahr ein neuer Rewe-Supermarkt – genau an der Stelle, an dem einst der Club Victor Jara Partygänger anzog.

„Gewalt ist nicht tolerierbar“

Plagwitz kippt vom alternativen Szene-Viertel zum Vorzeige-Kiez gehobenen Standards. Der nächste Schritt, so fürchtet man in der Szene, könnte das Schließen von Kneipen zu Gunsten anderer Vermieter-Nutzung sein. Mahnende Beispiele sind dicht gemachte Kult-Läden wie das Four Rooms im Täubchenweg oder das So&So am Eutritzscher Freiladebahnhof. Somit scheinen die Bedenken nicht unberechtigt, dass sich die Karl-Heine-Straße weiter verändert, weg vom Urwuchs.

Die Stimmung ist aufgeheizt, erst recht seit dem Steinwurf. „Wir sind dafür, dass jeder seine Meinung sagen darf, aber Gewalt ist nicht tolerierbar“, so Thärichen.

Von Mark Daniel  und Robert Nößler

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