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Der Wert der eigenen Identität - Experten sprechen in Leipzig über soziale Netzwerke

Der Wert der eigenen Identität - Experten sprechen in Leipzig über soziale Netzwerke

Unter der Überschrift „Soziale Netzwerke, Fluch oder Segen?“ diskutierten am Dienstag beim Medientreffpunkt Mitteldeutschland Experten aus Praxis und Theorie über die Frage, wie sozial diese wirklich sind.

Leipzig. Auf dem Podium saßen neben Publizist und Blogger Peter Glaser sowie Maximilian Schenk, stellvertretender Leiter Recht bei den VZ-Netzwerken, auch Vertreter der Verbraucherzentrale Sachsen, der Universität Leipzig, der Medienanstalt Sachsen-Anhalt sowie eine PR-Beraterin.

Die Experten machten einen grundlegenden Fehler – sie diskutierten vor allem über Facebook. Selbst die Anwesenheit des VZ-Netzwerke-Juristen Schenk sorgte nur für wenige thematische Ausreißer in Richtung anderer sozialer Netzwerke. Die Einseitigkeit gipfelte sogar darin, dass der VZ-Vertreter auf Anfrage von Moderatorin Eleni Klotsikas angeben musste, ob er denn über ein Facebook-Profil verfüge. Ja, seine Frau habe ihn angemeldet, weil sie selbst auch das Netzwerk nutze. Bis heute sei er aber nicht mit ihr dort befreundet. Warum, sagte er nicht. Bernd Schorb, immerhin Professor für Medienpädagogik und Weiterbildung am Institut für Kommunikations- und Medienwissenschaft an der Universität Leipzig, gab gar zu, eine „digitale Randerscheinung“ zu sein. „Man findet mich nicht bei Facebook. Dafür gibt es auch Gründe. Ich muss da nicht dabei sein, denn die Leute kommen zu mir“, sagte er. Allerdings sei er Mitglied in einer Art Altennetzwerk und habe dort 14 Freunde. PR-Beraterin Christiane Sohn aus Leipzig sei bei Facebook mit 650 Personen verknüpft, die ausschließlich berufliche Kontakte seien. „Meinen privaten Freunden habe ich gesagt, das ich sie ja ohnehin sehe und treffe und auf Facebook nur jobtechnisch unterwegs sein will“, erklärte sie. Auch bei XING verfolge sie diese Strategie.

Peter Glaser bedauerte, dass einem bei Facebook der Begriff des Freundes „aufgezwungen“ werde. „Ich habe keine Möglichkeit, zu differenzieren, alles sind automatisch Freunde. Ich würde sie darum eher als Kontakte bezeichnen“, meinte er. Immerhin 1600 Personen würde er bei Facebook vereinen, bei Twitter folgen ihm rund 4500. „Ich freue mich, wenn man mich als eine Art Sendestation wahrnimmt. Vor allem bei Twitter ist man ja angehalten, Sachen sehr kurz zu pointieren“, so Glaser, der in seinem Blog "Glaserei" hauptsächlich Fundstücke aus dem Netz in Form von Bildern und Videos sammelt.

Der Einstieg in die Diskussion wirkte zeitweise, als fände diese nicht auf dem Medientreffpunkt 2011, sondern 2005 statt. So wurden Sinn und Zweck der Kommunikation auf Facebook erörtert. Friederike Wagner von der Verbraucherzentrale Sachsen, die Schüler im Umgang mit dem Internet berät, meinte, dass der Austausch im Netz nur eine weitere Form der Kommunikation sei und nicht unbedingt Ersatz. Peter Glaser verglich Facebook mit der größten Wohngemeinschaft der Welt, Professor Schorb widersprach und verwies auf imaginäre „kleine Räume“, von denen man sich bewusst machen solle, dass sie nicht abschließbar seinen und jeder hinein könnte. Maximilian Schenk von den VZ-Netzwerken durfte erklären, dass dies etwa bei SchuelerVZ „natürlich möglich“ sei, die Kommunikation in sozialen Netzwerken sogar Realitäten abbilde und nicht fiktiv sei. Selbstverständlichkeiten, die auf einem Fachkongress wie dem Medientreffpunkt eigentlich nicht hätten angesprochen werden müssen.

Auch die Preisgabe persönlicher Daten und der Tatsache, dass jeder selbst entscheiden und kontrollieren müsse, welche Daten er veröffentlicht, wurde thematisiert. „Wir zahlen mit unseren Daten, auch wenn Facebook gratis ist. Das Bewusstsein dafür zu wecken, ist sehr schwierig“, so Friederike Wagner von der Verbraucherzentrale. Insofern sei der Begriff „soziales Netzwerk“ falsch ausgelegt, meinte Bernd Schorb von der Uni Leipzig. „Sozial heißt hier eben nicht sozial im Sinne von Bedürftigkeiten abschaffen und Gleichnisse herbeizuführen“, sagte er. Auch das war nichts neues, ebenso wenig wie die folgende Ausführung von Maximilian Schenk, dass bei den VZ-Netzwerken deutsches Recht und deutsche Datenschutzbestimmungen gelten würden. „Bei uns zahlt man also nicht mit den Daten.“

Der einzige Experte im Podium, der die Diskussion ein wenig in Richtung Aktualität und praxisnahe Anwendung hätte ziehen können, war Peter Glaser. Umso grotesker wirkte es darum, dass er soziale Netzwerke nicht als Abbildung der Realität sehe, weil man sich nicht mehr grüßen würde. „Ich halte es für eine große kulturelle Errungenschaft, sich zu begrüßen und zu verabschieden. Bei Facebook und anderen Netzen herrscht ein Zustand von Permanenz. Hier wird der Begriff 'sozial' uminterpretiert. Insofern finde ich es wichtig, sich die Frage zu stellen, wie können und wollen wir miteinander umgehen?“

Die fehlende Relevanz der Diskussion, das Aussprechen von Selbstverständlichkeiten und Binsenweisheiten war es dann auch, die kurz vor Ende Joachim Horn auf die Palme brachte: „Ich habe gerade einen Tweet abgesetzt, in dem ich sage, dass diese Diskussion langweilig ist und nur über Probleme geredet wird. Das ist typisch deutsch“, meinte der Journalist. Professor Schorb konnte diese Kritik nicht verstehen. „Wir haben festgestellt, dass soziale Netze auch Leben bedeutet – mit allen guten und schlechten Seiten“, sagte er. Wenigstens Peter Glaser konnte sich dann zur Aussage hinreißen lassen, dass die eigentliche Qualität der Kommunikation ein nicht zu unterschätzender Wert sei. „Dinge zu teilen und mitzuteilen, was einem gefällt, sind wichtig. Vor dem Schreibtisch zu sitzen und zu wissen, dass da Leute sind, die einem eine Frage beantworten können, ist wunderbar. Ich lerne durch das Netz sehr viel“, so Glaser. Was auf das Fachpublikum wohl nur in Ausnahmen zutraf.

Daniel Große

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