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Der angstfreie Zeuge

Der angstfreie Zeuge

In Leipzig wurde jetzt ein Modellprojekt gestartet: Opfer von Straftaten, die in Verfahren aussagen müssen, sowie auch weitere Zeugen werden auf ihren Wunsch hin direkt vor Ort im Amtsgericht von Opferschutzverbänden beraten.

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Simulierte Szene: Opferbetreuer begleiten Zeugen vor Gericht.

Quelle: André Kempner

Mit diesem Angebot an Betroffene betreten Justiz und freie Träger der Opferhilfe im Freistaat Sachsen Neuland.

Was ziehe ich an? Darf ich in den Verhandlungssaal einfach so hineinplatzen? Wie läuft ein Prozess ab? Wer sitzt wo? "Allein schon Unkenntnis über technischen Abläufe kann bei Zeugen für große Unsicherheit sorgen", weiß Amtsgerichtspräsident Michael Wolting. Antworten darauf könnten ein Stück weit Befürchtungen nehmen. An derlei Informationen dockt die psychosoziale Prozessbegleitung an, die den Zeugen durch Aufklärung und Beratung Ängste nehmen, sie psychisch stabilisieren will. Opferberater betreuen Betroffene - sofern sie es wünschen - auf den verschiedenen Etappen eines Strafverfahrens: von der Anzeigenerstattung bis zum Abschluss eines Prozesses. "Eine ältere Dame, die Opfer eines Handtaschenraubes geworden ist und noch nie in einem Gerichtssaal war, zittert allein schon bei dem Gedanken, dass sie dem Angeklagten während des Verfahrens begegnen wird, am ganzen Leib", sagt Andreas Edhofer, Geschäftsführer der Opferhilfe Sachsen. "Unsere Aufgabe ist es dann zu verhindern, dass Opferzeugen wie zum Beispiel die Seniorin noch einmal traumatisiert werden. Wir beeinflussen sie nicht, versuchen aber, ihre Aussagetüchtigkeit zu verbessern. Selbst ein aufmunternder Blick kann schon helfen", meint Edhofer. Zumal Verteidiger, die ihre Mandanten zu entlasten versuchten, "nicht zimperlich" bei der Befragung von Zeugen seien. "Für ein Opfer, das vergewaltigt wurde, ist das schlimm."

Der Verein Opferhilfe Sachsen, der außer in Leipzig noch in sieben Städten des Freistaates professionelle Beratungseinrichtungen betreibt, ist nun auch Partner der Justiz bei dem jetzt gestarteten Modellversuch. So werden Opferberater wie der Sozialpädagoge Franz Eder zu den Sprechzeiten (siehe nebenstehender Beitrag) im Gericht vor Ort sein, um dort ihr Angebot zu unterbreiten. Das schließt auch die Besichtigung eines Verhandlungssaals ein. Allein bei der Leipziger Beratungsstelle suchten Eders Angaben zufolge voriges Jahr 400 Personen Rat, bei 80 davon schloss sich eine Zeugenbegleitung an. Ein weiterer Partner ist der Leipziger Verein Frauen für Frauen, der Opfer sexualisierter Gewalt begleitet. "Dabei habe ich es schon erlebt, dass Zeugen während des Prozesses über sich hinausgewachsen sind und die Kraft gefunden haben, den Beschuldigten sogar anzusprechen. Wenn sie mit einem solchen Energieschub aus dem Verhandlungssaal herausgehen, ist das einfach klasse", sagt Beraterin Susanne Hampe. Als dritte Institution mit im Boot ist der Verein RAA Sachsen-Leipzig, der Opfer politisch rechtsmotivierter und rassistischer Gewalt unterstützt. Das Gericht erhofft sich, aufgrund des Angebots die "Aussagebereitschaft der Zeugen zu fördern" und somit die Wahrheitsfindung zu unterstützen, sagt Präsident Wolting. "Wir möchten gute und angstfreie Zeugen." Am Amtsgericht Leipzig werden in Strafverfahren jährlich etwa 3400 Zeugen angehört, so Strafrichterin Claudia Webers. Der Gerichtschef ist gespannt, wie das Projekt angenommen wird. Seinen Angaben zufolge kann das Angebot ebenso von Zeugen genutzt werden, deren Verfahren am Landgericht oder an Amtsgerichten der Region laufen wird.

Auch aus Dresden wird mit Inte-resse auf Leipzig geschaut: "Wer Opfer einer Straftat wird, hat Anspruch aufeine professionelle Beratung und Begleitung im gesamten Strafverfahren. Am Amtsgericht Leipzig wollen wir neue Wege der Zusammenarbeit von Opferhilfeeinrichtungen mit der Justiz erproben", so Justizminister Jürgen Martens (FDP).

 

 

Hintergrund:

Durch die psychosoziale Prozessbegleitung sollen die Opfer schwerer Straftaten einen mit den Verfahrensabläufen vertrauten Beistand erhalten, der auf die spezifischen Belastungen und die Belastbarkeit des Zeugen achtet und entsprechend reagiert. Dabei sei der Einstieg der Helfer in jedem Verfahrensstadium möglich, betont Birgit Ackermand vom sächsischen Justizministerium. Laut der stellvertretenden Ministeriumssprecherin kann die Begleitung schon bei der Anzeigenerstattung beginnen oder erst mit der Begleitung während des Strafverfahrens einsetzen. Die Betreuung ist kostenlos.

Den Begriff der psychosozialen Prozessbegleitung hat der Gesetzgeber mit dem Zweiten Opferrechtsreformgesetz 2009 in die Strafprozessordnung (StPO) aufgenommen. Paragraf 406h der StPO sieht vor, dass Opfer von Straftaten insbesondere auch darauf hinzuweisen sind, dass sie Unterstützung und Hilfe durch Opferhilfeeinrichtungen erhalten können. Psychosoziale Prozessbegleitung hat aber keine rechtsberatende Funktion und ersetzt oder umfasst auch keine rechtliche Beratung sowie auch keine Therapie.

 

 

Service:

Amtsgericht Leipzig: Bernhard-Göring-Straße 64. Telefon: 034149400.

Hinweise zu Rechten und Pflichten von Zeugen erteilen die Gerichtsmitarbeiter Michaela Wandt-Milosev und Dirk Schaubitzer dienstags 9 bis 11.30 Uhr sowie 13 bis 17 Uhr, donnerstags 9 bis 11.30 Uhr sowie 13 bis 15.30 Uhr. Telefon: 03414940-701 oder -730.

Die psychosoziale Prozessbegleitung im Amtsgericht wird in der vierte Etage, Zimmer 443, angeboten. Dort sind immer dienstags von 9 bis 12 und 13 bis 17 Uhr Mitarbeiter der Opferhilfe Sachsen zu erreichen. In Leipzig hat die Opferhilfe ihren Sitz in der Fockestraße 8c, Telefon: 03412254318.

Zudem ist im Amtsgericht jeden 2. Donnerstag im Monat von 9 bis 12 Uhr der Verein Frauen für Frauen zu erreichen, der sich auf die Betreuung von Zeugen und Opfern sexualisierter Gewalt spezialisiert hat. In Leipzig sitzt der Verein in der Karl-Liebknecht-Straße 59, Telefon: 03413919791.

Auch der Verein RAA Sachsen-Leipzig, der Betroffene rechtsmotivierter und rassistischer Gewalt unterstützt, beteiligt sich am Projekt. Seine Sprechzeiten im Gericht stehen noch nicht fest. Der Vereinssitz in Leipzig ist im Peterssteinweg 3; Telefon: 03412618647.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 07.03.2013

Sabine Kreuz

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