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Der große Abenteuerspielplatz Leipzig - Eine Heimatgeschichte einer Leipzigerin

Der große Abenteuerspielplatz Leipzig - Eine Heimatgeschichte einer Leipzigerin

Petra Radke hat zwei Kinder alleine groß gezogen, "die beide erfolgreich ihr Masterstudium absolviert haben", wie die Lößnigerin stolz sagt. Sie selbst hat am Institut für Lehrerbildung in Leipzig studiert, ihren Abschluss als Unterstufenlehrerin und Erzieherin gemacht.

Auf Grund einer Erkrankung ist sie inzwischen berentet.

Es war ein grauer Herbstabend, als ich mit drei Jahren, Ende der 1950er-Jahre, mit meinen Eltern auf dem Leipziger Hauptbahnhof aus dem Zug stieg, der von einer riesigen Dampflok gezogen wurde. Meine Oma hatte mir vom Leipziger Zoo und seinen Tieren erzählt und ich wollte sofort dorthin. Doch das ging natürlich nicht, denn auf uns wartete die neue Wohnung im Leipziger Westen, in der Lützner Straße, die auch ein eigenes Zimmer für mich hatte.

Bisher kannte ich nur das ruhige Leben einer Kleinstadt an der Spree und so war ich überwältigt vom Trubel der Großstadt. Straßenbahnen kannte ich vorher gar nicht und nun fuhr ich jeden Tag mit ihnen zu meinem Kindergarten, der sich in der Nähe des für mich faszinierenden Brunnens mit den geflügelten Pferden (Mendebrunnen) befand. Die Bahnfahrten waren für mich jedes Mal ein Abenteuer, denn es gab dort so vieles zu erleben. Man konnte hinter dem Fahrer, der stehend die Bahn lenkte, alles genau verfolgen, wie er die Kurbel drehte, auf die Bremse trat oder ein Warnsignal abgab. Bei einer Schaffnerin in Uniform kaufte man die Fahrkarte, die von ihr mit einer Lochzange entwertet wurde. Es gab auch Straßenbahnen, die in der Mitte eine Plattform hatten, auf der man im Sommer gerne im frischen Fahrtwind stand.

In der neuen Wohnung hatte ich schnell meinen Lieblingsplatz gefunden - die breite Fensterbank im Wohnzimmer. Von hier aus hatte ich auch bei geschlossenem Fenster einen tollen Blick auf die belebte Straße vor unserem Haus. Gegenüber befanden sich die Edda-Lichtspiele, ein Kino mit rund 600 Plätzen, das von 1910 bis 1963 geöffnet war. Hier war am Wochenende nachmittags immer Kindervorstellung (Karte 20 Pfennig), bei der ich in eine Märchenwelt eintauchte, mit Filmen wie "Das tapfere Schneiderlein", "Der kleine Muck" und "Das singende, klingende Bäumchen".

Es war die Zeit, als noch abends die Gaslaternen angezündet wurden, auf Fahrrädern kamen dazu Männer mit langen Stangen angeradelt. Im Sommer rumpelten morgens Pferdewagen heran, die große Eisblöcke brachten, diese benötigte man für Eisschränke, denn elektrische Kühlschränke gab es noch nicht.

Auf dem gepflasterten Hof, auf den wir Kinder uns bei schönem Wetter oft zum Spielen trafen, gab es eine hohe Stange, an der die Teppiche zum Ausklopfen aufgehängt wurden - das war unser Klettergerüst. Ein Waschhaus gab es auch auf dem Hof, in dessen großen Holzbottichen die Weißwäsche gekocht wurde. Zum Friseur in unserem Haus ging ich sehr gern, denn beim Haareschneiden durfte ich immer auf einem Schaukelpferd sitzen. Viele kleine Läden befanden sich in unserer Straße. Da war der Bäcker, zu ihm brachte meine Mutti immer den Teig für die weihnachtlichen Stollen und es gab dort immer für uns Kinder leckere Kuchenränder zum Naschen. Von meinem Taschengeld holte ich mir gern in einer nahegelegenen Keksfabrik, von der aus ein Duft nach frischgebackenen Keksen die ganze Straße entlang zog, eine Tüte Kekskrümel für 10 Pfennig oder im Sommer leckeres Eis, eine Kugel für 10 Pfennig. Beim Fleischer, bei dem sich vor dem Geschäft schon oft in der Mittagspause immer eine Schlange bildete, in der ich mich geduldig einreihte, bis meine Mutti mich ablöste, gab es immer eine Wiener Wurst kostenlos für uns Kinder. Mit der Milchkanne holte ich frische Milch aus dem Lebensmittelladen und im Fischladen war ich Stammgast - wegen der leckeren sauren Gurken aus dem großen Fass.

Zu einem Weihnachtsfest, an dem der Schnee so hoch lag, dass man im Erdgeschoss erst aus dem Fenster klettern musste, um die Haustür vom Schnee zu befreien, war mein tollstes Geschenk ein Tretroller, auf dem man sogar beim Rollern sitzen konnte. Er begleitete mich viele Jahre und später, als ich noch ein Schwesterchen bekam, nahm ich sie auf dem Roller mit. Ich liebte unsere Ausflüge in den Clara-Zetkin-Park. Im Sommer konnte man dort auf dem Spielplatz mit der großen Elefantenrutsche und den vielen Klettergerüsten herumtoben und im Winter ging es zum Rodeln zur "Wartze" und zum Schlittschuhlaufen auf eine Spritzeisbahn oder einen Teich. Auf dem Platz vor dem großen Springbrunnen habe ich Rollschuhlaufen gelernt, mit meinem Roller war ich oft im Verkehrsgarten. Gern sah ich den Erwachsenen zu, die im Schachzentrum mit riesigen Figuren spielten oder bewunderte Hochseilartisten bei ihren waghalsigen Vorführungen. Auf der Parkbühne bin ich selber mit einem Kinderchor aufgetreten.

Gern besuchte ich mit meinen Eltern verschiedene Sportveranstaltungen. Besonders die Turn- und Sportfeste mit den beeindruckenden Sportschauen im Zentralstadion, das mein Vati in vielen freiwilligen Aufbaustunden als Student mit erbaut hatte, sind mir da in Erinnerung geblieben. Es gäbe noch viel mehr zu erzählen von Besuchen im Zoo, der Kleinmesse mit ihren Karussells, den Badeausflügen an den Auensee und den Paddeltouren auf dem Karl-Heine -Kanal.

Ich hatte eine sehr schöne Kindheit voller Erlebnisse, die unvergesslich mit unserer schönen Stadt verbunden sind und ich wünsche mir, dass vieles in unserer Stadt auch für unsere Kinder und Enkel bewahrt und gepflegt wird.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 30.04.2014

Petra Radke

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