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Leipzig Lokales Der lange Weg zur Messemagistrale
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12:12 20.06.2018
Die Zeichnung von 1972 zeigt auch Dinge, die nie gebaut wurden: so ein Hochhaus am Bayerischen Bahnhof, die Stadtautobahn Richtung Kurt-Eisner-Straße sowie Dienstleistungsquader an der Straße des 18. Oktober. Quelle: Zeichnung: Hans-Dietrich Wellner
Leipzig

Kurt Masur lebte hier 26 Jahre lang. Auch der Komponist Arndt Bause (und dessen noch bekanntere Tochter Inka) oder die Schauspielerin Christa Gottschalk gehörten zu den prominenten Bewohnern an der Messemagistrale – dem ersten großen Wohngebiet in Leipzig, das ab 1968 komplett in industrieller Fertigteil-Bauweise entstanden war.

Planungen wandert in die Schublade

Die Planungsgeschichte des Gebietes zwischen dem Bayerischen Bahnhof und der Technischen Messe reicht allerdings noch 100 Jahre weiter zurück. Ideen für eine Ausdehnung Leipzigs auf dem topographisch leicht erhöhten Gelände, wo einst viele Windmühlen standen und öfter Angreifer die Stadt belagerten, gab es schon seit 1865. Ein erster Bebauungsplan wanderte jedoch bald wieder zu den Akten. Erst 30 Jahre später – mit dem Wettbewerb zur Gestaltung eines Völkerschlachtdenkmals sowie der Anlage des Südfriedhofs – erhielt das Thema wieder mehr Schwung.

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Leipziger Wohngebiet „Straße des 18. Oktober“ wird 50- Ein persönlicher Rückblick

Zunächst war an eine 100 Meter breite Prachtstraße bis zum Denkmal an der Tabaksmühle gedacht. Stattdessen entstand eine deutlich bescheidenere Trasse, die am 5. März 1909 auf das Datum des entscheidenden Kampftages der Völkerschlacht getauft wurde: Straße des 18. Oktober. Der für die Stadterweiterung zuständige Hans Strobel legte 1911 einen neuen „Bebauungsplan für die Äußere Südostvorstadt“ vor. Er wollte die auf das Denkmal zuführende Prachtstraße als 46 Meter schmale, reine Wohnstraße anlegen – ganz ohne Verkehr. Sie sollte von herrschaftlichen, viergeschossigen Häusern mit Vorgärten gesäumt werden.

Völkerschlachtdenkmal gibt neuen Schub

Kurz vor der Eröffnung des Völkerschlachtdenkmals 1913 gewannen Georg Weidenbach und Richard Tschammer einen Gestaltungswettbewerb zur Internationalen Baufach-Ausstellung (IBA), aus der später die Technische Messe hervorging. Ihr Vorschlag ging noch weiter als der von Strobel: Der prachtvolle Boulevard sollte nun nicht nur bis zum Bayerischen Bahnhof reichen, sondern bis zum gerade fertiggestellten Turm des Neuen Rathauses – samt freier Sichtachse zwischen den nach damaliger Ansicht zwei wichtigsten Bauwerken in Leipzig.

Das Wohngebiet „Straße des 18. Oktober“ wird in diesem Jahr 50 – Eindrücke von der Leipziger Messemagistrale.

Nazis planten Prachbauten

Tatsächlich wurden ab 1914 die ersten Häuser im Eckbereich Johannisallee/Straße des 18. Oktober hochgezogen. Der Erste Weltkrieg brachte das Vorhaben zum Erliegen. Bald wuchsen stattdessen kleine Gewerbebetriebe und große Gartensparten rings um die Straße des 18. Oktober aus dem Boden. Neue Ideen entstanden: Mal sollte die Leipziger Universität komplett an diese Magistrale verlagert werden, mal zehn gewaltige Messehotels einen Übergang zu den Ausstellungshäusern in der Innenstadt schaffen. 1939 planten die Nazis riesige Geschäfts- und Parteibauten mit einem Meer aus klassizistischen Säulen. Doch all das wurde nichts.

Neuer Wettbewerb 1963

Erst 1963 führte die Stadt wieder einen Ideenwettbewerb durch. Auf dessen Grundlage legte das Büro des Leipziger Chefarchitekten Wolfgang Müller im März 1967 eine Zielplanung für ein sozialistisches Wohngebiet vor. An der Messemagistrale sollten nun 2156 Wohnungen, Internatsplätze für 3356 Studenten, zwei Schulen, drei Kindergärten samt Krippen, Kaufhalle, Schwimmbad, Sportplatz, Ambulanz sowie Gaststätten entstehen. Erstmals in Leipzig ein ganzes Quartier in industrieller Bauweise, um dem Wohnungsmangel seit Ende des Zweiten Weltkriegs schneller zu entgehen. Die Ausführungsplanung übernahmen Wolfgang Scheibe mit weiteren Architekten des VEB Baukombinates Leipzig sowie für die Landschaftsplanung Gerhard Scholz.

Studentenheime entstehen

Im Januar 1968 begann der Bau der Studentenheime, die künftig zu Messezeiten auch als Besucher-Herbergen dienten. Im August legte das Baukombinat mit den elfgeschossigen „Wohnscheiben“ vom Typ P2/11 los. Die Elemente dafür kamen aus dem gerade neu errichteten Plattenwerk in Wiederitzsch. Im Gegensatz zu den Typenbauten, die noch kurz zuvor am Ausgang der Windmühlenstraße am Bayrischen Platz hochgezogen worden waren, wies die neue Baureihe mehrere Vorteile auf. „Erstmals im Leipziger industriellen Wohnungsbau war es möglich, unterschiedliche Wohnungsgrößen von der Ein- bis zur Vierraumwohnung in einem Gebäude zu vereinen“, erklärt der Kunsthistoriker und Städtebau-Professor Thomas Topfstedt. Gleiches habe auch für die sieben Punkthochhäuser „Typ Erfurt“ gegolten, die ab März 1971 hinzukamen. Dies waren die ersten 16-geschossigen Wohnhochhäuser in Leipzig. Sie fanden später viele Nachfolger im Musikviertel, in Schönefeld, Mockau und Grünau. 1974 wurde die Messemagistrale fertiggestellt.

Hochhäuser wegen Grünanlagen

Auffällig ist, dass die Wohnungen ausschließlich in Hochhäusern entstanden. So sollte mehr Platz für Grünanlagen bleiben. An der Ostseite der Straße des 18. Oktober wurden alle Bauten unmittelbar neben der Magistrale angeordnet, um der Bauflucht der ersten Häuser von 1914 zu folgen. Hingegen schaffen an der Westseite Wiesen, Bäume, Erschließungsstraßen und Parkplätze viel Abstand zu den Abgasen und Lärm von der Magistrale – ein Ergebnis des Wettbewerbs von 1963.

Auf einem Teil der Abstandsflächen sollten noch Flachbauten für Dienstleister wie eine Post, Friseur, Sparkasse und eine Milchbar entstehen. Sie entfielen später ebenso wie eine tief im Boden liegende Stadtautobahn, die von der Kurt-Eisner- bis zur Leninstraße (heute Prager Straße) geplant war. Sie hätte unter der Bahnstrecke entlang mitten durch das Wohngebiet und die Johannisallee verlaufen sollen.

„Haifischzähne“ an der Fassade

„Nachdrücklich wurde auf eine zweckmäßige und großzügige Gestaltung der Freiflächen Wert gelegt“, lobt Professor Topfstedt. An der Konzeption hatte auch der Verband Bildender Künstler mitgewirkt. Charakteristisch sind zum Beispiel die „Haifischzähne“ an der Fassade jedes dritten Stockwerks der Elfgeschosser – sie markierten die an den Seiten liegenden Verteilungsgänge in den Etagen, in denen die Fahrstühle hielten.

Trotz konstruktionsbedingter Fugenrisse an Wänden und Decken oder Fehlern bei den Müllschluckern, die letztlich stillgelegt wurden: Die citynahen Wohnungen waren von Anfang an begehrt. Bis heute gibt es in der 50 Jahre alten Siedlung so gut wie keinen Leerstand. Sie ist zudem das einzige große Plattenbauquartier in Leipzig, das seine charakteristischen Gestaltungsmerkmale aus DDR-Zeiten bewahrt hat, hebt Topfstedt hervor.

Gewiss hatte die überdurchschnittlich gute Ausstattung auch damit zu tun, dass die Siedlung an der Protokollstrecke der DDR-Staatschefs zu den Messebesuchen lag. Im selben Haus wie Kurt Masur wohnte auch Horst Schumann, Chef der Staatspartei SED für den Bezirk Leipzig.

Schriftsteller Erich Loest beschrieb den Alltag „im Oktoberviertel“ in seinem 1978 erschienenen Roman „Es geht seinen Gang oder Mühen in unserer Ebene“. Das Buch wurde zensiert. Aus Protest dagegen übersiedelte Loest 1981 in den Westen.

Jens Rometsch

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