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Der letzte Antrag des scheidenden Stadtrates Michael Burgkhardt

Der letzte Antrag des scheidenden Stadtrates Michael Burgkhardt

Leidenschaftlich hat sich Michael Burgkhardt in die Stadtpolitik eingemischt. Gut 20 Jahre lang. Nun wurden bei den jüngsten Kommunalwahlen die Karten neu gemischt - für den Vertreter der Bürgerfraktion, der fürs Neue Forum kandidierte, fällt kein Plätzchen mehr im neuen Rat ab.

Doch Burgkhardt wäre nicht Burgkhardt, nutzte er die Möglichkeiten des städtischen Parlamentarismus nicht bis Ultimo. Ein letzter Antrag ans "Hohe Haus" musste schon noch sein. Und der behandelt das Langzeit-Lieblingsthema des Doktors: "Dringlichkeit von Notarzteinsätzen in Leipzig". Eine Analyse selbiger fordert er nunmehr ein, woran sich möglichst der Ratsbeschluss knüpfen soll, "die Stadt werde unverzüglich Gespräche mit Kassenärztlicher Vereinigung, Krankenkassen und Sächsischer Landesärztekammer aufnehmen, um die Zahl der Notarzteinsätze zu senken und die der Notarztstandorte dem anzupassen".

Leipzig verfüge seit dem Jahr 1964 als eine der ersten Städte Mitteleuropas über eine flächendeckende, mobile medizinische Hilfe mit einem gleichfalls flächendeckenden Notarztsystem. "Letztlich geschaffen, um Menschen, die verunglückt oder schwer erkrankt sind, schnell zu helfen", holt Burgkhardt aus. Dieses Notarztsystem habe jedoch nichts mit dem Bereitschaftsdienst der Kassenärztlichen Vereinigung gemein, der gesetzlich "für die Grundversorgung der Bevölkerung außerhalb der Sprechstunden niedergelassener Ärzte zuständig ist". Der Notarztdienst nutze Spezialfahrzeuge des öffentlichen Rettungsdienstes. Mit Sondersignal, um fix zum Patienten zu kommen, ihn gegebenenfalls intensivmedizinisch zu behandeln und ins Krankenhaus zu bringen. Hausbesuche hingegen zählten nicht zu seinen eigentlichen Aufgaben. Zudem kosteten der Einsatz von Sonderfahrzeug und Notarzt das Mehrfache von einem ärztlichen Hausbesuch.

Wie berichtet, kreppt dieser Fakt Burgkhardt seit Langem. Er wird nicht müde, einschlägige statistische Quellen zu bemühen: Demnach kommt die Notarzteinsatzrate bundesweit aktuell auf rund 20 Einsätze je 1000 Einwohner im Jahr. Die für Leipzig betrug 1990 zunächst noch jährlich knapp 13 (pro 1000 Bürger), stieg stetig und erreichte im Vorjahr den deutschen Spitzenwert von 59 Einsätzen. "Für einen solchen exzessiven Anstieg gibt es keine medizinisch-inhaltliche Begründung, da nicht nachgewiesen werden kann, dass die Leipziger deutlich mehr schwerwiegende Erkrankungsfälle erleiden. Selbst Verkehrsunfälle mit Personenschaden sowie Arbeitsunfälle gingen spürbar zurück", argumentiert Burgkhardt. Da die hiesige Notarztarbeitsgemeinschaft ihrerseits beobachtet habe, dass tagsüber der Leipziger Notarztdienst prozentual deutlich mehr Patienten zu Hause behandelt als stationär einweist, sei anzunehmen, dass zumindest 40 Prozent der vom hiesigen Notarztdienst Versorgten gar keine wirklichen Notfälle sind. Sie seien eher der medizinischen Grundbetreuung zuzuordnen.

Durch die stete Zunahme von Einsätzen habe sich im Laufe der Zeit auch die Zahl der stationierten Notärzte erhöht, so Burgkhardt. Im Jahr 1990 seien neben den rund 500 000 Bürgern der Stadt auch noch 100 000 Einwohner des damaligen Landkreises mit betreut worden. "Eingesetzt waren da tagsüber drei Notärzte, derzeit sind es in Leipzig sieben Kollegen." Dies, so der Mediziner, sei dieselbe Zahl wie in Köln. Nur, dass die Domstadt am Rhein doppelt so viele Einwohner aufweise wie Leipzig. Überdies stünden der Messestadt noch zwei Hubschrauber zur Verfügung, stationiert im Schkeuditzer Ortsteil Dölzig.

Um nun die "echten" Notarzteinsätze zu klassifizieren, sei zunächst eine Einschätzung der Schweregrade nach dem international üblichen Schlüssel (dem sogenannten National Advisory Commitee for Aeronautics) vorzunehmen - und auszuwerten. "Und diese Auswertungen sind öffentlich zu machen, um auf ihrer Basis notwendige strukturelle Veränderungen einzuleiten", kommt Burgkhardt auf das Anliegen seines Antrags zurück. Die strukturellen, personellen und wirtschaftlichen Gründe sollten letztlich zu einer Reduzierung der Notarzteinsätze und -standorte führen. "Eine Verschlechterung der medizinischen Betreuung echter Notfallpatienten wird es dadurch nicht geben", betont der scheidende Stadtrat, der in dem Zusammenhang in der Vergangenheit immer wieder auf Stärkung der hausärztlichen Versorgung pochte.

Sein Antrag wird wohl vor September in keiner Ratssitzung mehr behandelt werden. Begleiten kann er die Sache selber also nicht mehr.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 14.06.2014

Angelika Raulien

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