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Der organisierte Kollaps: Verkehrschaos auf Leipzigs Straßen

Der organisierte Kollaps: Verkehrschaos auf Leipzigs Straßen

Kein Tag vergeht ohne Chaos auf Leipzigs Straßen. Die Sperrung der Gerberstraße legt seit drei Wochen Teile des nördlichen Stadtzentrums lahm. Die Megabaustelle auf der Karli bringt Parallel-Trassen wie Harkort- und Arthur-Hoffmann-Straße an die Grenzen ihrer Belastbarkeit.

Der Radstreifen ist in der Pfaffendorfer Straße der einzige Bereich, wo der Verkehr noch fließt. Durch die Abtrennung werden Autos auf die Straßenbahngleise gezwungen - Linie 12 steht dadurch ständig im Stau.

Quelle: André Kempner

Leipzig. Irgendwo platzt auch noch jeden Tag ein Wasserrohr, müssen kurzfristig tiefe Schlaglöcher verfüllt und Absperrungen vor einsturzgefährdeten Häusern errichtet werden. Die Folge sind immer mehr Staus. Doch ist diese Entwicklung wirklich unausweichlich oder organisieren sich Leipzigs Stadtplaner gerade einen Verkehrskollaps?

Für Roland Quester, Sprecher von Baubürgermeisterin Dorothee Dubrau (parteilos), ist die Welt in Ordnung. Leipzig verfüge im Vergleich zu anderen Städten über "eine sehr leistungsfähige Verkehrsinfrastruktur" mit nur geringen Stauzeiten. 40 Prozent der Haushalte besäßen zudem gar kein Auto. Was er außer Acht lässt: Seit einiger Zeit erlebt Leipzig einen enormen Bevölkerungsboom, mit Zuwachsraten von bis zu 10 000 Einwohnern pro Jahr. Hält dieser demografische Trend an, könnte die Vision der 600 000-Einwohner-Stadt von Oberbürgermeister Burkhard Jung (SPD) durchaus schon in einigen Jahren Wirklichkeit werden. Nur: Ist Leipzig darauf eingestellt?

Schon heute zeigt sich die Kehrseite dieses Wachstums. Tausende Kita-Plätze fehlen. Auf dem Immobilienmarkt verknappt sich das Angebot an preiswertem Wohnraum. Und auch der Verkehr wird zunehmend zum Problem. Denn mehr Einwohner bedeuten trotz alternativer Mobilitätsangebote wie Car Sharing mehr Autos. Ende 2013 waren laut Kraftfahrtbundesamtes in Leipzig so viele Fahrzeuge zugelassen wie noch nie. Seit 2009 wuchs der Kfz-Bestand um sieben Prozent auf 235 002 Fahrzeuge. Allein im vergangenen Jahr stiegen die Zulassungszahlen um 4300.

Förderung der "autounabhängigen Mobilität"

Im Herbst soll die Ratsversammlung einen Stadtentwicklungsplan verabschieden. Zentraler Punkt darin, so Quester, ist die Förderung der "autounabhängigen Mobilität". Es gehe darum, den Verkehr von Fahrten zu entlasten, die nicht mit dem Privat-Pkw erbracht werden müssten. Die Hälfte der Wege, die die Leipziger im Auto zurücklegen, seien kürzer als fünf Kilometer. "Eine klassische Entfernung für Fahrräder", findet Quester. "Wir streben perspektivisch an, dass die Leipziger für ein Viertel der heute noch mit dem motorisierten Individualverkehr zurückgelegten Wege künftig Verkehrsmittel des Umweltbundes nutzen."

Doch das funktioniert nur, wenn der öffentliche Personennahverkehr (ÖPNV) für die Menschen bezahlbar bleibt - und rollt. In der Pfaffendorfer Straße lässt sich genau das Gegenteil besichtigen. Da stehen die Bahnen zwischen Autos im Stau. Verspätungen von zehn Minuten im Berufsverkehr sind nach Aussagen von Verkehrsbetriebe-Sprecher Marc Backhaus zurzeit normal. Der Umleitungsverkehr aus der Gerberstraße dient da nur partiell als Erklärung. Denn wie vielerorts in Leipzig engten die Stadtplaner den Raum für den motorisierten Verkehr auch in der Pfaffendorfer Straße zugunsten von Radwegen ein. Autos können nicht mehr neben den Bahnen fahren, sondern werden permanent auf die Gleise gezwungen. Dabei ließe sich viel sicherer und entspannter durch die benachbarte Löhrstraße radeln. Ähnlich sieht es in der Gohliser Straße aus. In der vierspurigen Georg-Schumann-Straße wurden zwei Fahrstreifen ohne Not Radwegen und Parkplätzen geopfert. Früh und nachmittags stottern die Bahnen dort hinter den Autos her oder werden von ihnen ausgebremst.

Der ADAC beobachtet seit Jahren einen wachsenden Einfluss der Rad-Lobby auf die Stadtpolitik. Bis 2020 will Leipzig den Anteil des Radverkehrs auf über 20 Prozent steigern, vor ein paar Jahren lag er noch bei 14 Prozent. "Das ist absolut richtig", sagt Hans-Georg Anders, Fachberater beim ADAC-Sachsen. Kontraproduktiv werde die einseitige Fokussierung aber dann, wenn andere Verkehrsarten dadurch verdrängt würden. Anders: "In den 90er Jahren gab es eine Festlegung der Stadtverordneten, den ÖPNV zu bevorrechtigen und zu beschleunigen. Das gilt heute nicht mehr." Leipzig müsse zu einer vernünftigen, ausgewogenen Verkehrspolitik zurückkehren, die Straßenräume optimal nutzt. Anstelle Radwege starr von Fahrbahnen abzutrennen, plädiert Anders für flexible Lösungen, Schutzstreifen zum Beispiel. Das sind durch gestrichelte Linien angedeutete Radspuren am Straßenrand, die von Autos bei Bedarf überfahren werden dürfen, etwa um Straßenbahnen vorbei zu lassen. Dies würde den Verkehr nicht nur in der Pfaffendorfer Straße flüssiger machen.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 09.08.2014

Klaus Staeubert

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