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Lokales Pflegeeltern auf Zeit: Leipzig fehlen Familien
Leipzig Lokales Pflegeeltern auf Zeit: Leipzig fehlen Familien
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14:32 29.10.2018
Bereitschaftspflegemutter seit über 13 Jahren: Freya Turban mit Paul. Quelle: Kempner
Leipzig

Wenn Paul lächelt und die braunen Augen blitzen, wird das Herz weich wie Camembert. „Ein fröhlicher, unkomplizierter Junge“, sagt Freya Turban über das 21 Monate alte Kind. Das war nicht immer so. Als Paul* bei einer medizinischen Untersuchung vor einem knappen Jahr die Leipzigerin anstrahlte, hob die dabeisitzende behandelnde Ärztin die Augenbrauen: „Ich habe ihn vorher noch nie lächeln sehen.“ Im November 2017 entzog das Jugendamt Paul seiner suchtkranken Mutter, die sich nicht mehr um ihn kümmern konnte. Bis geklärt ist, wo er auf längere Sicht leben wird, wohnt der Junge bei Freya Turban und ihrem Mann. Bereitschaftspflege heißt das Modell, das die Diakonie betreut. Am Donnerstag lädt sie zu einem Infoabend ein.

Kinder brauchen intensive Zuwendung

Es sind harte Schicksalsverläufe und Notsituationen, die den Allgemeinen Sozialdienst des Jugendamts veranlassen, Kinder in prekärem familiären Umfeld in seine Obhut zu nehmen: Häusliche Gewalt, Drogenkonsum oder psychische Überforderung der Eltern machen ein Handeln notwendig. Die Bereitschaftspflege kann verhindern, dass betroffene Kinder im Alter bis zu drei Jahren in ein Heim kommen; so bleibt ein familiärer Kontext gewahrt, und die Zöglinge bekommen individuelle Zuwendung.

Wie lange sie bleiben, bis sie zu den Eltern zurückkehren, in eine Pflegefamilie oder eine Einrichtung kommen, variiert zwischen einigen Tagen – selten – und mehreren Monaten – oft. Paul ist das 21. Kind, das im Haushalt von Freya und Hans-Joachim Turban lebt; mal ganz abgesehen davon, dass der Pastor in der Koinonia-Gemeinde und die gelernte Erzieherin zwei leibliche Söhne und drei Töchter im Alter von heute 23 bis 36 groß gezogen haben.

Wohl wollendes Umfeld ist wichtig

Den Anstoß für die Elternschaft auf Zeit gab ihre Bekannte Marion Wiegand von der Diakonie Leipzig, die 2001 die Bereitschaftspflege aus der Taufe hob. „Als sie mich damals fragte, ob wir uns das vorstellen könnten, haben wir noch gewartet, bis unsere beiden Jüngsten aus dem Gröbsten raus waren“, berichtet Freya Turban. 2006 kam sie auf die Frage zurück; seitdem leben mit wenigen Unterbrechungen kleine Kinder bei den Turbans. Die Hauptarbeit liegt bei der 57-Jährigen, doch natürlich funktioniert das Konstrukt nur, weil ihr Mann (64) es mitträgt. „Ein wohl wollendes Umfeld ist ohnehin sehr wichtig, manchmal schafft man nicht alles allein“, erklärt sie, denn durch den problematischen sozialen Hintergrund der Zöglinge handelt es sich nicht immer um pflegeleichte Fälle. Turban denkt an die Zeit mit einem Jungen zurück, dessen Aggressivität und Verhaltensauffälligkeit sich erst allmählich besserten. Umso beglückender für die Pflegemutter, die positive Entwicklung des Kleinen mitzubekommen, „das ist immer wieder einfach wunderschön“.

In der Natur des Jobs liegt der wiederkehrende Abschiedsschmerz. „Ich hätte es nie gedacht, aber die Liebe zu den anvertrauten Kindern kann ebenso groß wie die zu denen eigenen sein“, sagt Turban. „Ein Stück Herz geht immer mit, wenn sie sich lösen.“ Das passiert stets in schleichenden Schritten, um es für beide Seiten zu erleichtern. Manche Kinder sieht Turban ab und zu wieder, manche nicht – das ist ebenso unterschiedlich ausgeprägt wie der Wunsch der leiblichen Eltern, ihr Kind zu sehen. Begegnungen finden in einem Spielzimmer der Diakonie statt. Pauls Mutter beispielsweise ist dazu noch nicht im Stande, sein Vater trifft ihn regelmäßig.

Emotionale Stabilität ist wichtig

Wer eine Bereitschaftspflege übernehmen möchte, sollte ausgeglichen und emotional gefestigt sein, neben Kinderliebe Erfahrung in Sachen Erziehung haben und keiner anderen Tätigkeit nachgehen – damit die Zöglinge nach einer schwierigen Vergangenheit zur Ruhe kommen, besuchen sie keine Kita. Bereitschaftspflegeeltern bekommen eine Aufwandsentschädigung und alles gestellt, was für das Umfeld des Kindes wichtig ist – Möbel, Kinderwagen oder Spielsachen beispielsweise. Auch für psychologische Unterstützung sorgt der Träger. Mindestens einmal im Monat kommt ein Berater zur Familie nach Hause, im selben Rhythmus nehmen die Pflegeeltern an Schulungen teil. Freya Turban betont: „Ich fühle mich von der Diakonie sehr gut betreut.“

Ist es aus ihrer Sicht vor allem ein Versagen des Staates, das Tätigkeiten wie die Bereitschaftspflege nötig macht? „Deutschland hat ein gut ausgebautes soziales Netz“, widerspricht sie, „das Problem liegt meist an Eltern, die sich ihrer Verantwortung für ein neues Leben nicht bewusst sind, weil sie das eigene kaum meistern können.“

„Ich bekomme sehr oft sehr viel zurück“

Freya Turban, ein Mensch mit einem gesunden inneren Haushalt zwischen Pragmatismus und Emotionalität, ist froh darüber, dass sie damals zugesagt hat. „Von den Kindern bekomme ich sehr oft sehr viel zurück“, sagt sie, „ein glückliches Gesicht macht auch mich glücklich.“ Und gerade gibt’s wieder eins: Paul lächelt.

Die Diakonie sucht weitere Pflegefamilien, die Kinder in einer Notsituation kurzfristig und vorübergehend aufnehmen. Einen Infoabend gibt’s am Donnerstag, 1. November, von 19 bis 21 Uhr bei der Diakonie im Zentrum, Nikolaikirchhof 3; eine Anmeldung ist nicht erforderlich. Am 7. November startet ein kostenloser Kurs zur Vorbereitung auf diese Aufgabe. Der neunwöchige Kurs findet immer mittwochs von 10 bis 12 Uhr statt. Weitere Informationen gibt Marion Wiegand von der Diakonie Leipzig unter der Rufnummer 0341 58617213. *Name zur Wahrung der Anonymität geändert

Von Mark Daniel

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