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Die 150-Jährigen gönnen sich ein Geburtstagsbuch

Die 150-Jährigen gönnen sich ein Geburtstagsbuch

Der eine ist jüngst 75 geworden, der andere feiert in Kürze. Der eine ist Bild-Künstler, der andere tut was mit dem Wort. Beide lachen, sagt man in ihrer Gegenwart: "Uns vereint gleicher Sinn, gleicher Mut -" Genau, das Weltjugendlied, erstmals gesungen 1947. Hirsch wie Gosse waren da noch Kinder in schwerer Nachkriegszeit.

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Arbeiten gern zusammen: Karl-Georg Hirsch (links) und Peter Gosse.

Quelle: Thomas Mayer

Gleicher Sinn? Weil sie 75 wurden, werden, gönnen sie sich den Luxus eines gemeinsamen Geburtstagsbuches, als Leporello mit dem Druckkunstmuseum Leipzig ediert, Holzschnitte von Hirsch, Gedichte von Gosse. Im ersten Gedicht des Bandes beschreibt der Dichter den Grafiker. Der hat nicht nur in Leipzig ein Zuhause, sondern auch im weiten Land südlich der Stadt:

"Holzschneider Hirsch - Welch Hölle, und gedoppelt: Einerseits / Das eiserne Gekreisch der Eisenbahnen / Nach Chemnitz nüber und von Chemnitz her / Keine sechs Meterchen (ich untertreibe / Nicht üppig) draußen vor dem Werkraum-Fenster; / Und hinterrücks, so dass der Stuhl erbebt, / Kaum unterbrochnes Dröhngejaul der Laster."

Hirsch lebt oft in Dölitzsch, einem Ortsteil von Narsdorf, und hier gleich am Bahnhof. Er weiß, wenn die Züge fahren.

Gosse lebt still in Leipzig-Wahren. Vom Balkon blickt er nur ins Grün. Hier entstehen Gedichte, Essays, hier sucht und findet er seine Worte.

Hirschs Heimatstadt ist Leipzig, geboren wurde er in Breslau. Er sieht sich nicht als Leipziger Künstler, agiert er doch vor allem als Holzschneider darüber hinaus, ist gefragt als Illustrator, unter anderem für die Büchergilde Gutenberg und die Insel Bücherei. Hirsch ist Gutenberg-Preisträger. An der hiesigen Hochschule für Grafik und Buchkunst lernte und lehrte er.

Gosse ist auch kein Regional-Dichter. Er stammt aus Leipzig, unterrichtete Lyrik am Literaturinstitut, als das noch den Namen Johannes R. Becher trug und war in den Jahren der Neuorientierung nach 1990 dessen kommissarischer Direktor.

"Kaum zu glauben: Wir werden 150", sagt Hirsch, "da ist ja Napoleon gar nicht mehr so weit." Die alt gewordenen, aber rüstigen Herren, erinnern sich. Man habe immer schon zusammen gearbeitet. Hirsch: "Wir saßen beisammen und kamen auf Ideen, Du hattest den Text, wir die Bilder. Weißt Du noch, als Du mit den Gedichten von Raisa Achmatowa ankamst? Die Dichterin aus Tschetschenien kannte kein Mensch, wir ahnten ja auch nicht, wie nahe uns ihre Worte einmal gehen würden - denken wir an das Schicksal ihres Volkes in der jüngeren Vergangenheit."

Gosse erzählt ein Schmankerl über das "Zensurgesicht der DDR". Man brauchte für Kunstpublikationen keine Druckgenehmigung "von oben" bei einer Auflage bis 99 Exemplaren, wenn die Schrift, die Dichtung, Bestandteil des Bildes war. Für den heutigen Spottpreis von etwa 150 DDR-Mark fanden damals Blätter von Hirsch und Kollegen samt Lyrik reißend Absatz. Hirsch wie Gosse nennen sich "Anstoßer", zig Grafikmappen und weitere feine Editionen, zum Beispiel für den Leipziger Bibliophilen-Abend, wurden ediert. "Was damals erschien, taucht heute kaum noch auf, ist wie vom Erdboden verschwunden. Ich mutmaße, dass unsere Arbeit so schlecht nicht gewesen sein kann", sinniert Hirsch.

Der Bildermacher über den Dichter: "Peter Gosse braucht man als Zeitgenossen und Weggefährten. Es ist wichtig zu wissen: Da sitzt in Leipzig einer und schreibt in Deinem Sinne, so was hält einen aufrecht, zu allen Zeiten." Gosse über Hirsch: "Heimat - was für ein Begriff!? Es reichen einige wenige famose Burschen wie dieser Karl-Georg Hirsch, um das Gefühl zu haben: Hier ist man zu Hause."

"Todin" heißt ihr neues Buch. Gosses Wortschöpfung bedarf der Aufklärung seitens des Dichters: "In fast allen Sprachen ist der Tod weiblich, nur im Deutschen nicht. Ich wollte also ein bisschen selbstherrlich in unsere Sprache eingreifen. Auch scheint es mir ganz tröstlich zu sein, wenn der Tod weiblich ist."

Mit 75 komme man eben auf diese Themen, sagt Gosse. Für Hirsch war der Tod schon als Kind eine nicht fremde Erscheinung. Mit der Mutter musste er im Januar 1945 aus Breslau fliehen, der Bruder, 16 Jahre jung, war kurz zuvor gerade gefallen, auf dem Weg der Vertreibung sah der kleine Karl-Georg viel Elend. Hirsch: "Der Tod ist für mich ein ständiger Lebensbegleiter."

Zurück ins Leben. Was kommt? Beide unisono: "Weitermachen. Ohne Arbeit können wir nicht. In der Sonne sitzen und den Bauch wärmen, das geht gar nicht." Auch können sie sich noch wunderbar aufregen. Was halten die Herren vom neuen Wagner-Denkmal? Gosse: "Ein schlechter Witz." Hirsch: "Absolut dilettantisch und unter dem Niveau des DDR-Laienschaffens. Nicht mal das Maß passt zum Sockel Klingers. Die Kunst ist frei, und jede Stadt muss sich aburteilen lassen für das, was sie zugelassen hat. Das Denkmal steht nicht in irgendeinem Garten, sondern im öffentlichen Raum." Hirsch und Gosse stehen, wie zu lesen, mit 75 mitten im Leben.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 12.08.2013

Tom Mayer

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