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Lokales „Die Entwicklung beim Thema Cannabis macht uns große Sorgen“
Leipzig Lokales „Die Entwicklung beim Thema Cannabis macht uns große Sorgen“
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00:37 18.03.2018
Professor Andries Korebrits ist Chefarzt der Kinder- und Jugendpsychiatrie am Helios Park-Klinikum in Leipzig.  Quelle: Foto: André Kempner
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Leipzig

Das Thema Cannabis steht momentan verstärkt in der Öffentlichkeit: Zum einen, weil Schwerkranke in bestimmten Fällen Cannabis auf Kassenrezept erhalten können, zum anderen wegen des überraschenden Statements von André Schulz: Der Chef des Bundes Deutscher Kriminalbeamter befürwortete jüngst eine komplette Entkriminalisierung von Cannabis-Konsumenten, weil „die Prohibition nicht zielführend“ sei. Entschieden dagegen spricht sich Andries Korebrits im LVZ-Interview aus – der Chefarzt der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie am Helios Park-Klinikum Leipzig registriert einen starken Zuwachs von Cannabis-abhängigen Jugendlichen und warnt dringend vor einer Verharmlosung der Droge.

Sie sind täglich mit Cannabis-Sucht konfrontiert. Wie beurteilen Sie den Vorschlag des Bundes Deutscher Kriminalbeamter?

Ich halte ihn für das falsche Signal. In unserer Kinder- und Jugendpsychiatrie verzeichnen wir in den letzten fünf Jahren einen starken Zuwachs von Cannabis-Abhängigen auf der Drogenstation. Diese Entwicklung macht uns große ­Sorgen. Die Entkriminalisierungs-De­batte und die Diskussion über Cannabis als Medizin verwässern einen klaren Fakt: Der Wirkstoff THC kann sehr gefährlich sein. Cannabis ist kein Schokoriegel.

Im Allgemeinen wird die Substanz nicht als gefährlich einsortiert.

Auch das ist ein großes Problem. Cannabis gilt als harmlose Modedroge, und das Beschaffungsnetzwerk dafür wächst. Was wenige wissen: Das Zeug, was man heute auf der Straße bekommt, ist um ein zigfaches stärker als noch vor 15 Jahren – mit entsprechend heftigerer Wirkung, zumal wenn Cannabis mit anderen Substanzen gestreckt ist.

Was kann THC bei Jugendlichen anrichten?

Generell sind Drogen für Jugendliche besonders schädlich, weil das Gehirn noch nicht vollständig entwickelt ist. Cannabis stört die Verbindung zwischen den Hirn-Arealen, es kommt zu kognitiven Defiziten, die Lernfähigkeit wird geschädigt. Lehrer können davon berichten – einige Schüler sind geistig nicht mehr in der Lage, dem Unterricht zu folgen. Letztlich kann es zu schweren Psychosen kommen, die teilweise nicht reparabel sind.

Wie viele stationäre Cannabis-Patienten haben Sie im Durchschnitt?

Bei rund 100 Aufnahmen im Jahr spielt bei 90 Prozent Cannabis eine sehr große Rolle, entweder als Hauptdroge oder neben Crystal Meth. Von 20 Patienten, die gleichzeitig auf Station sind, haben durchschnittlich 18 ein Cannabis-Problem.

Kommen die Patienten aus eigenem Willen zu Ihnen?

In unsere Aufnahmestation kommt ungefähr die Hälfte nach einer richterlichen Verfügung – wenn Eltern nicht mehr weiter wissen und sich ans Familiengericht gewendet haben. Andere suchen uns freiwillig auf.

Wie werden die Patienten behandelt?

Bei uns erfolgt die Entgiftung mit einer Dauer von zwei bis drei Wochen. Wer willens ist, weiter an der Abstinenz zu arbeiten, kann anschließend auf die Station für Psychotherapie.

Wie sieht der klassische Werdegang eines Cannabis-süchtigen Jugendlichen aus?

Irgendwann wird ein Jugendlicher zum ersten Mal gefragt, ob er einen Joint probieren will. Die Bereitschaft dafür wächst, wenn Alkohol im Spiel ist und wenn man sich durchs Mitmachen Anerkennung erhofft. Spürt man eine positive Wirkung, will man das wiederholen. Irgendwann wird Kiffen zum festen Bestandteil des Lebens, sogar zum wichtigsten Lebensinhalt. Es folgen Lustlosigkeit und Rückzug aus der Gesellschaft. Der Süchtige geht nicht mehr zur Schule, verliert Freunde, Eltern haben keinen Zugriff mehr.

Wie schwer ist es, davon wegzukommen? Gibt es eine Rückfallquote?

Eine offizielle Zahl gibt es nicht, denn viele Suchtfälle bleiben im Dunkeln. Wenn von den harten Fällen eine medizinisch-psychologische Behandlung nicht bis zu Ende durchgeführt wird, dürfte die Rückfallquote deutlich über 50 Prozent liegen. Das Problem ist: Kehren die Jugendlichen in ihr altes Milieu zurück, treffen sie ihre Dealer wieder – dann geht alles von vorn los. Leider hat die drogenspezifische Jugendhilfe zu wenig Möglichkeiten, die Betroffenen weiter zu betreuen.

Betroffen sind alle sozialen Schichten?

Ja. Der Cannabis-Konsum an Gymnasien beispielsweise ist mindestens so hoch wie an anderen Schulen. Unterschiedlich ist die Beschaffung: Die einen nehmen das Geld dafür aus der Portokasse der Eltern, andere begehen Diebstähle.

Bietet die heutige, auf Leistung getrimmte Gesellschaft mehr Anlass, sich mit Drogen zu betäuben?

Es liegt eher an einem anderen Faktor: Das Angebot von Drogen ist massiv gewachsen, sie sind omnipräsent – in den sozialen Medien, auf Parties, in der Promi-Szene. Drogenkonsum ist eine fatale Mode geworden, wird hoffähig gemacht. Und der soziale Druck mitzumachen, ist deutlich gestiegen.

Was können Eltern süchtiger Jugendlicher tun?

Wichtig ist, dass Eltern offen mit ihren Kindern darüber reden und eine Vertrauensbasis schaffen. Sie sollten ihnen das Signal geben, dass sie Cannabis-Konsum zwar nicht dulden, sie bei Problemen aber Ansprechpartner sind. Ein bedeutender Teil kommt auch den Schulen zu. Wenn Lehrer Drogenkonsum bemerken, müssen sie den Eltern Warnhinweise geben, beide Seiten müssen zusammenarbeiten.

Sie kommen aus den Niederlanden, die bei Befürwortern der Legalisierung lange als Vorbild galten. Inzwischen wurde die Zahl der Coffeeshops von über 1000 auf fast die Hälfte reduziert.

Ja, vor allem in grenznahen Kommunen hatte der Drogentourismus Überhand genommen. In vielen Orten darf Cannabis deshalb nur noch an Einheimische abgegeben werden. Das zeigt, dass die Entkriminalisierung ein heikles Thema ist. Ich frage mich, wie das in Deutschland umgesetzt wird, wenn Cannabis freigegeben werden sollte. Wird es hier Coffeeshops geben? Wie viel darf jeder konsumieren und welche Dosis darf Cannabis haben? Die Beschränkung ist ein wichtiger Punkt, wenn wir über Legalisierung reden.

Seit knapp einem Jahr ist die Droge als Medikament zugelassen. Einige Experten sehen diese Entwicklung mit großer Skepsis. Und Sie?

Cannabis soll das Wundermittel für Patienten mit chronischen Schmerzen oder Depressionen sein. In medizinischen Fachkreisen ist allerdings sehr umstritten, ob Cannabis wirklich eine therapeutische Wirkung hat. Generell kann man das so nicht sagen, und die Debatte ist noch nicht beendet.

Wie ist denn Ihre eigene Erfahrung mit Cannabis?

Ich habe das als Jugendlicher mal probiert, aber nicht viel gespürt. Glücklicherweise habe ich ziemlich früh die Finger davon gelassen.

Die Station der Kinder- und Jugendpsychiatrie an der Helios-Klinik hat 20 Betten für drogensüchtige Jugendliche. Sie kooperiert mit dem Jugenddrogenberatungs-Projekt „Drahtseil“ (Nikolaikirchhof 3). Dort bekommen Jugend­liche, Eltern, Lehrer und Andere Unterstützung (offene Sprechstunde dienstags 14–15 Uhr, Telefon 0341 225 298 06; jugenddrogenberatung@projekt-drahtseil.de).

Von Mark Daniel

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