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Lokales Die Ephraim-Carlebach-Stiftung und der 9. November
Leipzig Lokales Die Ephraim-Carlebach-Stiftung und der 9. November
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08:01 10.11.2018
Ephraim Carlebach in der Amtstracht als Rabbiner um 1910. Quelle: privat
Leipzig

Ephraim Carlebach (1879 – 1936) war Rabbiner und Gründer und Direktor der Höheren Israelitischen Schule in Leipzig. Und das vor rund 100 Jahren. Nachdem die Nazis an die Macht gekommen waren, verließ er 1936 mit seiner Familie Leipzig und emigrierte nach Palästina. Die Pogromnacht vom 9. zum 10. November musste er also nicht miterleben.

Erinnerungen an eine Schreckensnacht

Anders erging es hingegen Eva Wechsburg, geb. Abelsohn, 1922 in Leipzig geboren, 1939 in die USA gelangt und heute in Los Angeles zu Hause. Jetzt, zum 80. Jahrestag jener Schreckensnacht, ist die alte Frau auf Einladung der Stadt wieder in ihrer Geburtsstadt und erinnert sich: „Mein Großvater war Kantor. Wir gehörten der Gemeinde der Synagoge in der Gottschedstraße an. Am 9. November in der Nacht hörten wir, dass da irgendwas losging. In bin dann morgens mit der Straßenbahnlinie 24 gefahren. Ich wohnte in der Gohliser Straße … und ich stand plötzlich vor meiner Synagoge, und sie war nicht mehr da. Da war die Synagoge, die seit 1855 in Leipzig gestanden hatte… Die nächsten drei Tage haben wir hinter den Gardinen in der Wohnung gestanden. Gohlis hatte eine gemischte Bevölkerung, es gab auch viele Juden, die dort mit anderen Familien wohnten. Wir haben gesehen, es gingen immer zwei Gestapoleute in ein Haus rein und drei, also die zwei und ein Jude, kamen wieder raus. Die haben sie ins Konzentrationslager gebracht. Wir hatten großes Glück.“

Vor 80 Jahre lebte auch Schlomo Samson in Leipzig. Hier war er 1923 geboren worden. Aus Israel ist er zum erneuten Gedenken zurückgekommen: „Es war am Vormittag des 10. November, als der aufgehetzte Pöbel auch in unser Haus eindrang … Nachdem sie sich überzeugt hatten, dass keine Männer anwesend waren, begnügten sie sich damit, alles Porzellan, Glas und die Fensterscheiben in Stücke zu schlagen und ein paar Möbelstücke zu zerhacken … Nach zwei, drei Tagen machte ich vorsichtig einen Spaziergang durch die Stadt und sah, dass man im Zentrum alle Schaufenster zerschmettert hatte. Unsere Synagoge, die Ez-Chaim-Synagoge, das heißt ,Baum des Lebens‘, war völlig ausgebrannt.“

Stiftung sammelt Erinnerungen

Diese Zeitzeugenberichte sind nur zwei Dokumente, die von der Ephraim Carlebach Stiftung für die Erinnerungs- und Aufklärungsarbeit genutzt werden. 1992 gegründet, arbeitet sie seither wirksam und initiiert und fördert in den Bereichen Kultur, Kunst und Denkmalpflege sowie Wissenschaft/Forschung Maßnahmen, die geeignet sind, an den Holocaust zu erinnern und jüdisches Wirken in Vergangenheit und Gegenwart zu würdigen. Auf den Passus in der Stiftungssatzung verweist Kerstin Plowinski, seit Gründung die Stiftungs-Geschäftsführerin. „Unser Namensgeber Ephraim Carlebach war vor allem eins – ein Verfechter der Toleranz im menschlichen Miteinander. Sein Lebensmotto ist also heute aktueller denn je“, sagt die promovierte Historikerin, die sich bereits zu DDR-Zeiten intensiv mit der Geschichte der Juden in Leipzig befasst hatte.

Angebote für modularen Unterricht

Ein Schwerpunkt der Stiftungsarbeit ist seit Jahren das Verfassen modularer Unterrichtsangebote. Man geht in die Schulen, sucht Kontakte und hat damit vielfachen und nachhaltigen Erfolg. So gibt es das Modul „Pogromnacht 1938“, das im Geschichtsunterricht der Klassenstufen 8 und 9 genutzt werden kann. Das Lernangebot steht wie die weiteren Themen (unter anderem „Die Synagoge“ oder „Jüdische Einwanderer ab 1989“) online. Ergebnisse eines Fotoworkshops der Ephraim Carlebach Stiftung mit Schülern der Rudolf-Hildebrand-Schule Markkleeberg im Rahmen des Projekts „November 1938 – Szenische Sequenzen des Erinnerns“ sind aktuell im Ariowitsch-Haus, dem jüdischen Kultur- und Begegnungszentrum in der Hinrichsenstraße, wo die Stiftung einen eigenen Ausstellungsraum nutzt, zu sehen.

Die Arbeit der Stiftung gegen das Vergessen mit Blick aufs Hier und Heute geht weiter. „Im Dialog gegen Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus in unserer Mitte“ heißt der Titel des neuen Projekts, mit dem man sich an die Jahrgangsstufen 8 bis 11 an Oberschulen, Gymnasien und Berufsschulzentren wenden wird. Während der Jüdischen Woche 2019 sollen erste Ergebnisse, etwa dabei entstandene Schauspiele, Rezitationen, Filme, präsentiert werden.

www.carlebach-stiftung-leipzig.de

Von Thomas Mayer

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