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Lokales „Geschwisterchen“ feiern Premiere in den Leipziger Cammerspielen
Leipzig Lokales „Geschwisterchen“ feiern Premiere in den Leipziger Cammerspielen
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12:36 15.09.2018
Kornelius Friz scheint über die Träume seiner Schwestern zu sprechen, eigentlich aber spricht er über sich. Quelle: Andre Kempner.
Leipzig

Kornelius Friz begrüßt die Gäste mit Handschlag, freundlich aber bestimmt spricht er sie mit ihrem Vornamen an und fordert sie auf, nach dem Händewaschen, gemeinsam ein wenig Zeit zu verbringen. Bei ihm gibt es Maultaschen. Nora Scherer lädt nebenan zum Sekttrinken ein. Bei Leon Imeri ist Kaffeeklatsch, und Johanna Landt schenkt direkt Schnaps aus. Wem nun in einen der vier Räume auf der Bühne zu folgen ist, das entscheiden die Gäste nicht selbst, das wird entschieden. Geschwister, das sind Menschen, die miteinander verbunden sind, ohne sich jemals einander ausgesucht zu haben. An dieses Faktum wird im Laufe des Abends aus verschiedenen Perspektiven erinnert.

Zu der Premiere von „Sister From ­Another Sister“ hatte das Leipziger Kollektiv „Die Geschwisterchen“ am Donnerstagabend in die Cammerspiele geladen. Die Künstlergruppe verspricht eine performative Annäherung an die Geschwisterliebe. Es ist ihre erste Inszenierung. Konzipiert, gestaltet und geschrieben wurde gemeinsam, die autobiografischen Anteile in den einzelnen Performances sind groß, bei Stefanie Hauser liefen die Fäden schließlich zusammen.

Die Maultaschen stehen wirklich auf dem Tisch, und wem zu Essen angeboten wird, der nimmt, anstandshalber. „Wollt ihr noch Maultaschen“, fragt Kornelius Friz in seinem kleinen Raum, abgetrennt von den anderen durch lose Tapetenbahnen.

Träume, Malerei und Schnaps

Kornelius Friz möchte über Träume sprechen. Bei Nora Scherer nebenan wird angestoßen und gemalt. Bei Leon Imeri dagegen bleibt es gesittet und ernst, während Johanna Landt sich vom vielen Schnaps beseelt kurz entschlossen mit allen verbrüdert und verschwestert, die bereit sind, ihr ein Geheimnis zu erzählen.Und so wird die Stimmung auf verschiedene Art und auf eine fast unangenehme Weise intim. Es ist wie auf einer Familienfeier. Die Aufmerksamkeit der Geladenen aber bleibt nicht im eigenen Raum. Immer wieder ist Stille, so dass auch das Geschehen links und rechts zu hören ist. Die vier Gastgeber sprechen auch übereinander. Zwar lassen sie verschiedene Narrative aufeinanderprallen, aber irgendwie gehören alle zusammen. Spätestens wenn die vier im zweiten Teil des Abends immer öfter in den Keller steigen, der ästhetisch zielsicher mit Briefen, Fotos und altem Spielzeug unter der Bühne gestaltet ist, wird es deutlich: Die vier sind Geschwister.

Geheimnisse und Vorwürfe

In angenehm authentischem Ton beginnen sie nun, untereinander Konflikte anzusprechen. Es geht um Geheimnisse und Vorwürfe, um alte Narrative und neue Rollen, doch um wirklich zu verstehen, dazu reicht die Darbietung nicht. Zu viele Literaturbezüge stellen die vier immer wieder in den Raum. In regelmäßigen Abständen ruft ein Lautsprecher zur „Familienchronik“ auf, dann springen die Geschwisterchen auf, rezitieren – in eindrucksvoll ausgearbeiteten Stimmchören – ihre Texte verwebt mit zahlreichen Figuren der Kunst und der Literatur. Sie reichen von Simone de Beauvoir und ihrer kleinen Schwester Hélène, über den biblischen Josef, der von seinen Brüdern verkauft wurde, bis hin zu den Geschwisterklüften in der Familie Mann und den Transgender-Schwestern und Matrix-Macherinnen Lana und Lilly Wachowski.

Geschwister können einander nicht aussuchen, das bleibt – und der Eindruck einer sehr dichten, intensiven und denkbar authentischen Performance. Zum Glück konnten „Die Geschwisterchen“ einander aussuchen und so zu diesem vielversprechenden Leipziger Performance-Kollektiv werden.

„Sister From Another Sister“ ist noch an diesem Samstag, um 20 Uhr in den Cammerspielen zu sehen. Die Karten kosten 8 bis 15 Euro.

Von Anna Flora Schade

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