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Die Karte, die nie ankam

Die Karte, die nie ankam

Im kommenden Herbst ist es 25 Jahre her, dass mit der Friedlichen Revolution der SED-Unrechtsstaat kapitulieren musste. Auf dem Weg dahin gab es einige markante Ereignisse, die zu dem weltgeschichtlichen Umbruch beitrugen.

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DDR-Postkarte von Leipzig (Symbolbild)

Quelle: Günther Hunger

Leipzig. Bürgerrechtler Uwe Schwabe verschickte damals eine Karte, die nie ankam.

Ein wichtiges Datum war ohne Frage der 17. Januar 1988, als in Berlin Oppositionelle um den Liedermacher Stephan Krawczyk den alljährlichen Demonstrationszug für die von der SED verordnete Liebknecht- und Luxemburg-Ehrung nutzten, um mit dem auf einem Transparent zu lesenden Luxemburg-Zitat "Freiheit ist immer Freiheit der Andersdenkenden" die Staatsmacht herauszufordern. Die Stasi griff zu, verhaftete die unliebsamen Teilnehmer.

Tage danach wurden in einer zweiten Verhaftungswelle unter anderen Freya Klier und Bärbel Bohley inhaftiert. Am 2. Februar 1988 wurden Klier wie Krawczyk in den Westen abgeschoben, auch Bohley zwang man später.

Mit dem Protest der Opposition in Berlin regte sich zugleich erheblicher Widerstand in Leipzig. Uwe Schwabe, damals 25 Jahre jung, war aktiv in der Bürgerrechtsszene. Er schickte eine Postkarte ins Stasigefängnis an Freya Klier, die diese freilich nicht erreichte, in ihren Stasiakten aber "überlebte". "Viele Menschen sind tief erschüttert von den Ereignissen in unserem Land. Wir werden Dich auch in diesen Stunden nicht allein lassen. Jeden Abend finden Veranstaltungen zu Euren Ehren statt -", schrieb Schwabe Ende Januar an Freya Klier in den Stasiknast.

"Die Karte, die nie ankam, ein tolle Karte, ich hätte gerne Dich als Kontaktperson in der Zelle gehabt statt Wolfgang Schnur (der Anwalt war, wie sich später herausstellte, selbst für die Stasi tätig; Anm. d. A.)", sagte Freya Klier erst vor einigen Monaten gegenüber Schwabe, nachdem sie in den Akten die Karte aus Leipzig entdeckte. Für Schwabe war die Postkarte ein "bewusstes Zeichen an die Stasileute", dass sie ihn und seine Mitstreiter zwar verhaften und verurteilen können, aber es nie erreichen werden, die Opposition mundtot zu machen

Schwabe und mit ihm Christoph Motzer, Frank Richter, Frank Sellentin und weitere Vertraute hatten sich schon am 21. Januar 1988 mit einem Offenen Brief, der in der DDR-Bürgerrechtsszene kursierte, an den Staatsratsvorsitzenden Erich Honecker gewandt: "Wir sind sehr betroffen von den Vorgängen gegen Teilnehmer der Gedenkmanifestation zu Ehren von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg. Wir können nicht verstehen, dass Teilnehmer an der Demonstration gehindert wurden, Plakate mit Zitaten der zu Ehrenden zu entfalten - Ist es nicht im Interesse der Politik der DDR die revolutionären Gedanken Karl Liebknechts und Rosa Luxemburgs und ihre Vorstellungen vom Sozialismus offen zu diskutieren und zu verwirklichen? - Wir erwarten eine schriftliche Antwort auf unser Schreiben. Hochachtungsvoll - Mitglieder der Initiativgruppe Leben und der Arbeitsgruppe Menschenrechte Leipzig."

Antwort kam natürlich nie. Auch dieser Brief wurde aber aktenkundig. Die Überwachung der Oppositionellen nahm nach dem Protest in Berlin verschärfte Formen an. Beispielsweise richtete die Stasi für die Observierung Schwabes gegenüber dessen Wohnung im Grünauer Deiwitzweg einen Beobachtungspunkt im gegenüberliegenden Kindergarten ein. Die Stasi nannte ihren operativen Vorgang gegen Schwabe und Co. "Spinne", hatte darin unter anderem zu protokollieren, dass für die Freilassung der in Berlin inhaftierten Bürgerrechtler im Bezirk Leipzig durch "unbekannte Täter" 300 Flugblätter verteilt worden waren.

Der Protest gegen die Verhaftungen von Klier und Freunden bildete eine neue Dimension im Widerstand gegen die SED-Diktatur. "Die Aktionen des Staates hatten landesweit zu Protesten geführt, und die Bürgerrechtsbewegung fand dabei ein neues Selbstbewusstsein. Die Stasi glaubte wohl, uns unterdrücken zu können, sie erlebte aber genau das Gegenteil. Manch ein Mitglied einer Bürgerrechtsgruppe sagte sich: Wenn die im Knast sitzen, müssen eben andere nachrücken", weiß Schwabe.

Nicht nur er ist übrigens längst der Meinung: "Im Januar 1988 begann in Berlin das Ende der DDR." Der Ex-Bürgerrechtler, der sich heute im Zeitgeschichtlichen Forum Leipzig um die Aufarbeitung auch seiner eigenen Geschichte kümmern kann, geht sogar so weit zu sagen, dass für ihn mit der Verhaftung von Freya Klier und Stephan Krawczyk seine Art Radikalisierung begann, ungeschützter gegen den SED-Staat aufzutreten.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 08.01.2014

Tom Mayer

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