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Die Kulturgeschichte des Tattoos im Grassimuseum

Ausstellung im Museum für Völkerkunde Die Kulturgeschichte des Tattoos im Grassimuseum

Am Freitag eröffnet eine Ausstellung, die Leipziger Tätowierte zeigt und ihre Geschichten erzählt. Präsentiert werden außerdem Skulpturen, Fotos und Zeichnungen aus aller Welt zum Thema Piercing und Tattoo.

V.l.: Protagonistinnen Maria Renner, Tiffany Bals, Direktorin Nanette Snoep und Protagonistin Petra Fritzsche in der Ausstellung.
 

Quelle: André Kempner

Leipzig. Warum Nanette Snoep diese Ausstellung in Leipzig wollte, dazu hat sie eine ganz persönliche Geschichte. „Ich bin 2015 von Paris nach Sachsen gekommen und habe mich gefühlt wie in einem lebendigen Museum. So viele Menschen mit Piercings und Tattoos hatte ich noch nie vorher auf einem Fleck gesehen“, erzählt die Direktorin der Völkerkundemuseen in Leipzig, Dresden und Herrnhut am Donnerstag. Diese tätowierten und gepiercten Leipziger wollte die Niederländerin ins Museum holen.

Das tut sie mit der Ausstellung „Grassi invites #4: Tattoo und Piercing – Die Welt unter der Haut“, die am Freitag im Leipziger Museum für Völkerkunde eröffnet. „Wir wollten eine Brücke bauen zwischen Leipzig und der restlichen Welt“, sagt Snoep. Denn Tattoos waren außerhalb von Europa schon sehr früh sehr beliebt, unter anderem bei den Maori in Neuseeland. Der Mittelpunkt der Ausstellung sind die Bürger und ihre Geschichten. Im März hatte das Museum unter dem Motto „Grassi invites“ alle tätowierten Leipziger eingeladen, sich fotografieren zu lassen und ihre Geschichte hinter dem Tattoo oder Piercing zu erzählen. So entstand ein „Living Archive“ – ein lebendiges Archiv, eine Momentaufnahme der sächsischen Tattookultur im Jahr 2017. 130 Menschen sind gekommen. Die Geschichten und Bilder von ihnen können Besucher der Ausstellung an zwei Bildschirmen anhören und ansehen.

In der DDR waren Tattoos verpönt

Außerdem wurden zwölf Protagonisten ausgewählt, deren Fotos im letzten Ausstellungsraum in langen Bannern von der Decke hängen. Unter ihnen ist auch Petra Fritzsche, am ganzen Körper tätowiert. „Eine Freundin hat gesagt, ich soll mich doch dort fotografieren lassen“, erzählt sie. Ihre Tattoos hat sie vor allem aus dekorativen Zwecken. „Ich finde sie einfach nur schön.“ Andere Menschen haben schwerwiegendere Gründe für ein Tattoo. „Wir haben uns im Vorfeld die Frage gestellt: Warum lässt man sich ein Tattoo stechen?“, sagt die Ethnologin Lydia Hauth, die gemeinsam mit Kevin Bress die Ausstellung kuratiert hat. Themen, die immer wieder aufgetaucht seien: heilen, schützen, erinnern und sich verwandeln. Da ist aber auch ein Chemiker, der Kaffee so sehr liebte, dass er sich die chemische Formel für das Getränk tätowieren ließ.

Leipzigerin Petra Fritzsche ist eine der zwölf Protagonistinnen der Ausstellung

Leipzigerin Petra Fritzsche ist eine der zwölf Protagonistinnen der Ausstellung.

Quelle: André Kempner

In der Ausstellung werden Skulpturen, Fotografien und lebensgroße Tuschezeichnungen präsentiert, aber auch Tätowiermaschinen aus verschiedenen Jahrzehnten und Videos, die das Stechen zeigen. „Tattoos sind ein globales Phänomen, nicht einfach nur ein Modetrend“, sagt Kurator Bress. Besonders eindrucksvoll sind die Fotografien des berühmten Tätowierers Herbert Hoffmann (1920 – 2010). Hoffmann kämpfte dafür, Tattoos gesellschaftsfähig zu machen und porträtierte zwischen 1950 und 1970 etwa 400 Tätowierte, die auf seinen Bildern ganz selbstverständlich posen. Dem gegenüber sind Fotos des Leipziger Fotografen Erasmus Schröter gestellt.

Er fotografierte in der DDR Menschen, die sich im Gefängnis tätowieren ließen und ihren Körperschmuck offen trugen, obwohl Tattoos damals verpönt waren. Im gleichen Raum: Schriften, unter anderem von dem italienischen Arzt Cesare Lombroso aus dem Jahr 1896, der durch Studien belegen wollte, dass alle Tätowierten Verbrecher sind – ein Vorurteil, das einem in abgeschwächter Form auch heute noch begegnen kann. Die Schau verknüpft multimedial verschiedene Kulturen und zeigt, dass Tattoos auf der ganzen Welt in ganz unterschiedlicher Form existieren.

Dabei erheben die Macher keinen Anspruch auf Vollständigkeit. „Wir wollten eine intime Ausstellung, keine Übersichtsausstellung“, sagt Snoep. Es sei eine sehr schöne Erfahrung gewesen, gemeinsam mit Leipzigern eine Ausstellung zu bauen.

Besonders wichtig ist den Organisatoren das lebendige Archiv, das noch nicht abgeschlossen ist: Wer sein Tattoo zeigen und die Geschichte dahinter erzählen möchte, kann sich jederzeit mit eigenen Fotografien ans Museum für Völkerkunde wenden: grassi-tattoo@skd.museum.

Von Sophie Aschenbrenner

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