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Lokales Die Leipziger Chilenen - Von den Tücken eines Neuanfangs in Deutschland
Leipzig Lokales Die Leipziger Chilenen - Von den Tücken eines Neuanfangs in Deutschland
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23:59 29.11.2013
Macela, Tomas, Klein-Magdalena und Gabriel. Quelle: André Kempner

Vater Tomas hatte da acht Jahre in einem großen Hafenbetrieb im Bereich Controlling, Verwaltung, Wartung und Innovationsmanagement gearbeitet. Dann hatte er den Job gekündigt; die Familie verkaufte Wohnung und Auto, ließ Freunde und Verwandte zurück - weil der Wissensdurst den Vater gen Deutschland zog.

"Deutschland hat im internationalen Vergleich eine starke Volkswirtschaft. Ich fand es spannend zu erfahren, wie das läuft", sagt Tomas, der bereits an der Deutschen Schule in Chile gelernt hatte, 1996 Austauschstudent in Hamburg war. Deutsche Vorfahren gab es bei Labras auch: "Sie wanderten Ende des 19. Jahrhunderts von Radebeul nach Chile aus", so der junge Mann.

Nicht von ungefähr entschied er sich fürs General-Management-Studium (MBA) an der HHL Leipzig, das auf die Vermittlung von Management- und Führungsfähigkeiten im globalen Kontext setzt. "Ich hatte recherchiert. Die HHL versprach genau das, was ich suchte. Unternehmergeist, internationales Klassenprofil, hochqualifizierte Dozenten", so Tomas, für den aber auch klar war: nicht ohne die Familie!

"Am schwierigsten war es mit der chilenischen Ausländerbehörde, von der lange Zeit keine Aufenthaltserlaubnis für Deutschland zu bekommen war", erzählt Tomas. Gern wären sie 2012 schon im August gekommen. Schließlich musste bis zum Studienbeginn im September viel erledigt werden. Selbst so etwas wie das Einrichten eines Kontos war für Tomas in deutschen Landen nicht leicht. Allein hierfür galt es zig Belege und Dokumente zwecks Vorlage bei der hiesigen Ausländerbehörde beizubringen. "Bei der Wohnungssuche waren uns ein Freund und seine Frau in Nürnberg behilflich, die uns via Internet Wege ebneten, bis wir in Gohlis etwas Passendes fanden", erzählt Tomas. Regelrecht Glück gehabt habe man mit dem Kita-Platz für Gabriel. "In einer Kita nahe des Uni-Klinikums klappte es recht schnell. Und wir sind froh darüber! Uns ist es schon wichtig, dass der Junge Deutsch lernt, und dort gelingt das ganz gut."

Was Gabriel, ein aufgewecktes Kerlchen, gleich demonstriert, indem er mit vier Fingerchen und einem Strahlen sein zartes Alter im feinsten Deutsch mit "vier" angibt - um sogleich wieder mit Mama Macela ins gewohnte Spanisch zu wechseln. Seit einem Jahr geht der Knirps in die Kita. Anfangs habe er es schon schwer gehabt, sagt der Vater. "Er verstand die Erzieherinnen nicht. Sie mühten sich aber sehr, damit er sich wohl und integriert fühlt."

Für Mutti Macela, eine ausgebildete Sonderpädagogin, war der große Umzug auch nicht leicht. Im Gegensatz zu ihrem Mann konnte sie auf keine Deutschkenntnisse bauen. Sie sei froh, dass zumindest er die Sprache spricht, vor allem, wenn man zum Beispiel mit den Kindern zum Arzt muss. Macela ist es allerdings, die tags, wenn Tomas studiert, Kinder und Haushalt versorgt. Die junge Frau schmunzelt: Sie hat sich ein tolles Wörterbuch zugelegt, in dem die nötigsten Dinge des täglichen Bedarfs bebildert sind. "Zuerst bin ich damit zum Bäcker, zu Aldi und die anderen Geschäfte", sagt sie. "Inzwischen kennen mich die Mitarbeiter dort und helfen." So ein paar Basis-Worte hat sie auch schon drauf, und mit der überall auf der Welt verständlichen Hand-und-Fuß-Gestik kommt sie nun zurecht. Im absoluten Verständigungsnotfall ruft sie einen Freund in Karlsruhe an, der dann via Telefon für sie übersetzt. Und wird es ganz brenzlig, kann sie auch eine in Leipzig lebende Freundin aus Argentinien bitten. Weitgehend muss die kleine Familie aber ihren Alltag selbst auf die Reihe bringen, den sie von Erspartem, von Tomas' HHL-Stipendium und einem kleinen Kredit seines ehemaligen Arbeitgebers in Chile finanziert. Und auch wenn Tomas festgestellt hat, dass das Leben in Deutschland etwas preiswerter sei als in der Heimat: "Große Sprünge" sind nicht drin. Er und seine Frau versuchen jedoch, den Kindern ein möglichst unbeschwertes Leben zu ermöglichen.

Macela hat Leipzig übrigens bislang als "super kinderfreundlich" empfunden. "Hier gibt es im Gegensatz zu Chile viele Spielplätze, viele Angebote für Kinder überhaupt. Ich kann mit ihnen in Schwimmbäder gehen, in schöne Parks wie das Rosental", sagt sie. "Im Sommer fahren wir an den Wochenenden auch gern an den Cospudener See", ergänzt Tomas und erwähnt noch stolz, dass Gabriel jüngst "hier im Gohliser Wohnviertel" Fahrradfahren gelernt hat. Wobei der Papa sogar eine gewisse Beruhigung ausstrahlt, wenn er anmerkt: "Ich finde in Leipzig gut, dass die Straßen für Radfahrer allgemein nicht so gefährlich sind wie in Chile."

Auch er versucht nach Kräften, Zeit mit Frau und Kindern zu verbringen. Gebüffelt fürs Studium hat er nachts. Mit durchschlagendem Erfolg übrigens! Bereits nach zwölf Monaten hatte er das MBA-Studienprogramm absolviert, Sachsens Wissenschaftsministerin Sabine Schorlemer ehrte ihn kürzlich für diese "hervorragende akademische Leistung". Aktuell steckt der 34-Jährige in einem Praktikum bei Amazon. Er will noch an der HHL seine Masterarbeit schreiben. "Dann wollen wir nach Chile zurück", sagt Tomas.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 30.11.2013

Angelika Raulien

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