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Die Macht des Wortes - Doku zum Wandel der Gesellschaft von der Wende bis heute

Die Macht des Wortes - Doku zum Wandel der Gesellschaft von der Wende bis heute

Anlässlich des 25. Jahrestages der Friedlichen Revolution wird eine Dokumentation veröffentlicht, die eindrucksvoll den Wandel in der Gesellschaft von vor 25 Jahren zum Ausdruck bringt.

Leipzig. "Redefreiheit" heißt der fast 800 Seiten starke Band, der in den nächsten Tagen im Leipziger Universitätsverlag erscheint. Sein geistiger Vater: Volker Stiehler, heute 73 Jahre alt, bis zum Ruhestand 2007 mehr als 20 Jahre der Technische Direktor des Gewandhauses.

Es war der 9. Oktober 1989, 70 000 Demonstranten forderten auf dem Leipziger Ring den gesellschaftlichen Wandel ein, der Abend verlief friedlich, der "Tag der Entscheidung" ging in die Geschichtsbücher ein. Schon wenige Tage später begannen in der Stadt die öffentlichen Debatten, denen sich auch die lokale SED-Führung stellen musste.

Am 14. Oktober drängten 250 Bürger in den Academixer-Keller. In seinem Stammhaus war der Kabarettist Bernd-Lutz Lange als einer der "Leipziger Sechs" quasi Gastgeber und Wortführer. Die erste Aussprache stand unter dem Thema "Zur Medienpolitik in der DDR". Am Tag darauf nahmen an einem politischen Frühschoppen in der Moritzbastei 1500 Leipziger teil. Die Debatte in der Veranstaltungstonne wurde über Lautsprecher in alle Räume des Studentenklubs übertragen. Am 22. Oktober fand im Foyer des Gewandhauses der erste Gewandhaus-Dialog statt, geleitet von Kurt Masur. Im Herbst 1989 gab es in Leipzig insgesamt elf Dialog-Veranstaltungen mit insgesamt 9000 Besuchern und 1278 Diskussionsbeiträgen.

Volker Stiehler sei Dank: Er hatte sich schon seit 1996 intensiv mit der Geschichte der Gewandhaus-Dialoge beschäftigt und auch Tondokumente für eine erste Publikation verschriftet. Als Partner für seine Publikationen gewann er die mit Geschichte und Soziologie befassten Wissenschaftler Thomas Ahbe und Michael Hofmann. Stiehler sorgte mit seinen Recherchen nicht nur dafür, dass die Diskussionen im Gewandhaus der Nachwelt erhalten bleiben werden. Ihm war es in den vergangenen Jahren zudem gelungen, die Mitschnitte aus dem Academixer-Keller und aus der Moritzbastei ausfindig zu machen und mit nicht unerheblicher Mühe zu verschriften. Schließlich entdeckte er beim Leipziger Fotografen Gerhard Gäbler heimlich aufgenommene Tonaufnahmen. Gäbler hatte am 2. Oktober 1989, als Polizisten am Brühl eine Absperrung bildeten, eine Diskussion zwischen Bürgern und Polizei aufgenommen.

"Uns lagen zwölf zum Teil mehrere Stunden dauernde Tonbandmitschnitte vor. Mit der Fülle der Dokumente wuchs auch unser Anspruch an das Buch. Es wird ein umfassendes und genau recherchiertes Bild der ersten freien öffentlichen Debatten im Leipziger Revolutionsherbst des Jahres 1989 gezeichnet", sagt Volker Stiehler. Die Herausgeber entschieden sich für die akribische wörtliche Transkription - wohl wissend, dass damit die Lesbarkeit mancher Passage erschwert wird.

Ahbe und Hofmann ordnen die Debatten zeitkritisch ein. Die Tage nach dem 9. Oktober seien machtpolitisch offen gewesen. Die sogenannten einfachen Leute waren nahezu euphorisiert, endlich frei reden zu können. Meinten einige SED-Funktionäre, ihre Macht doch noch retten zu können, so waren andere zu Reformen bereit. Bernd-Lutz Lange forderte am 15. Oktober 1989 in der Moritzbastei: "Wir brauchen jetzt nicht Kosmetik, sondern Chirurgie." Tags darauf wurde auf der Montagsdemo das Plakat "Wir brauchen Chirurgie - keine Kosmetik!" getragen.

Stiehler und seine beiden Mit-Herausgeber waren über Jahre im eigenen Auftrag tätig. Für die neue Veröffentlichung konnten schließlich der hiesige Universitätsverlag und die Stiftung "Bürger für Leipzig" als Partner gewonnen werden. Private Spenden flossen, noch aber ist der Etat nicht ganz gedeckt. Man hofft auf weitere Zuwendungen. Am 12. Oktober wird das Buch am historischen Ort, im Academixer-Keller, präsentiert. Mancher, der vor 25 Jahren redete, wird dabei sein.

Thomas Ahbe, Volker Stiehler, Michael Hofmann (Hrsg.), "Redefreiheit - Öffentliche Debatten der Bevölkerung im Herbst 1989", Universitätsverlag Leipzig, 751 Seiten, 39,90 Euro.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 25.09.2014

Thomas Mayer

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