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"Die Musik Wagners vom Menschen Wagner trennen" - Jonathan Livny im Interview

"Die Musik Wagners vom Menschen Wagner trennen" - Jonathan Livny im Interview

Im November 2010 gründete der Jerusalemer Rechtsanwalt Jonathan Livny den ersten Richard-Wagner-Verband in Israel. Im Rahmen der Woche der Brüderlichkeit spricht er heute im Ariowitsch-Haus zum Thema „Warum gerade Wagner in einem jüdischen Land?“ Peter Korfmacher sprach mit ihm.

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Jonathan Livny, Gründer von Israels Richard-Wagner-Verband

Quelle: RichardWagnerVerband Leipzig

Leipzig. Frage: Ist der 200. Geburtstag Richard Wagners 2013 für Sie in Israel ein Thema?

Jonathan Livny:

Wir werden ihn offiziell nicht an die große Glocke hängen. Uns geht es nicht um Geburtstagsfeiern.

Sondern?

Wir wollen nicht die Person und ihren Geburtstag in den Vordergrund rücken, sondern uns darauf konzentrieren, dass man seine Musik hören kann. Denn noch immer gibt es viele, die mich fragen: Wie kann man diese Musik hören, die Musik von einem Mann, der ein Nazi war, eine Musik, die gespielt wurde, als Juden in die Vernichtungslager marschierten.

Und was antworten Sie denen?

Dass Wagner kein Nazi war, aus historischen Gründen. Hätte er später gelebt, wäre er wahrscheinlich einer gewesen. Und seine Musik wurde nicht beim Marsch in die Konzentrationslager gespielt, da gab es eher kleiner Besetztes.

Unabhängig von derlei Spitzfindigkeiten – können Sie die Vorbehalte gegenüber der Musik Richard Wagners bei vielen Ihrer Landsleute verstehen?

Natürlich verstehe ich das! Ich respektiere jeden, der so denkt und fühlt. Und dass Wagner ein schlimmer Antisemit war, daran kann ja kein Zweifel bestehen. Aber ich möchte, dass auch meine Position respektiert und verstanden wird. Ich kann die Musik Wagners vom Menschen Wagner trennen. Diese Musik ist so herrlich, wie kann man Musik verstehen, ohne Wagner zu hören? Wie kann man Musik des 20. Jahrhunderts verstehen, ohne Wagner zu kennen? Mein Vater hat mich gelehrt, Wagners Musik zu lieben. Und mein Vater war ein Opfer, seine ganze Familie wurde im Holocaust ausgelöscht..

2001 hat Daniel Barenboim erstmals öffentlich Wagner in Israel dirigiert. Hat das nicht geholfen?

Nein. Denn er hat zwei entscheidende Fehler gemacht. Er hat Wagner nach einem normalen Konzertprogamm gespielt, sozusagen als Zugabe. Zwar hat er vorher gesagt, er spiele nun Wagner, und wer das hören wolle, könne bleiben.Aber einen solchen Schritt kann man nicht als Überraschung gehen. Erst recht durfte der erste Wagner in Israel nicht von einem deutschen, einem Orchester aus Berlin kommen. Darum werden wir bei unserem ersten Konzert im Sommer israelische Musiker spielen lassen – wir werden nicht auf ein staatlich subventioniertes Orchester zurückgreifen, sondern uns selbst um die Finanzierung kümmern. Nur so kann man damit umgehen, dass das Wagner-Tabu in Israel vor allem ein Symbol ist.

Was meinen Sie damit?

Es ist der letzte Boykott einer Sache, die aus Deutschland kommt. Aus einem Land, das der beste Freund Israels in Europa ist. Und ich finde ihn unzeitgemäß. Mittlerweile steigen israelische Matrosen in deutsche U-Boote – Dönitz würde sich im Grabe umdrehen. Die Israelis lieben Mercedes – das war das offizielle Auto Adolf Hitlers. Und wer sich keinen Mercedes leisten kann, der will einen Volkswagen – den hat Hitler sozusagen erfunden. Regelmäßig treffen sich unserer Regierungen und tauschen sich aus, arbeiten eng zusammen. Da wird es Zeit, dass man Wagner hören darf. Jeder sollte das Recht dazu haben, ihn öffentlich zu hören. Und zu spielen. Und es setzt ja auch zaghaft ein gewisses Umdenken ein.

Woran machen Sie das fest?

Es gab unlängst Musik Richard Wagners in einer Schule. Die Direktorin hat vorher eine kleine Rede gehalten und angekündigt, man könne hinterher über die politischen Umstände dieser Aufführung diskutieren. Viele der rund 250 Besucher sind im Saal geblieben. Aber sie wollten nicht über Politik reden, sondern über die Musik. Was nur folgerichtig ist, denn an Israels Musikschulen und Musikhochschulen setzt man sich natürlich mit Wagner auseinander. Wie könnte man Musiker sein, ohne es zu tun?

Die Bayreuther Festspiele haben gerade notgedrungen ihre Kartenvergabe modifiziert, die Kontingente für die Verbände wurden eingedampft. Betrifft das auch Sie?

Natürlich. Eine bevorzugte Behandlung für den israelischen Verband gibt es nicht. Da ist die Enttäuschung mancher Mitglieder verständlich groß. Ich habe ihnen gesagt, kommt in den Verband, dann bekommt ihr leichter Karten für Bayreuth, und daraus wird nun nichts. Aber ich habe auch festgestellt, dass viele Mitglieder schon längst in Bayreuth waren, als Privatperson, und es den meisten um die gleiche Sache geht wie mir: Sie wollen Wagner in Israel hören. Nicht nur auf CD, was ja nie ein Problem war, sondern öffentlich, regelmäßig, im Konzert.

Spielt für Sie und Ihren Verband Leipzig als Wagner-Stadt eine Rolle?

Jeder Ort, wo man Wagner auf höchsten Niveau hören, wo man Menschen treffen und sich mit ihnen über Wagner austauschen kann, ist für uns von Interesse. Auch in diesem Zusammenhang hat es für mich einen hohen Symbolwert, wenn ich als Vorsitzender des israelischen Wagner-Verbandes in Leipzig spreche – im Rahmen der Woche der Brüderlichkeit, bei der es um die Annäherung von Juden und Christen geht.

Interview: Peter Korfmacher

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