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Lokales Die Nacht des Schreckens und der Gewalt – ein Leipziger Zeitzeuge erinnert sich
Leipzig Lokales Die Nacht des Schreckens und der Gewalt – ein Leipziger Zeitzeuge erinnert sich
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12:35 09.11.2018
Die einst prunkvolle Gemeindesynagoge in der Gottschedstraße brannte unter den Augen vieler Schaulustiger bis auf die Mauern aus. Quelle: Foto: Stadtgeschichtliches Museum
Leipzig

Es war ein harmloser Schülerstreich: Schlomo Samson, der damals Werner hieß und 14 Jahre alt war, hatte zum Purim-Fest ein Theaterstück verfasst, in dem der böse Judenfeind Haman als „Ministerpräsident Generaloberst Haman“ bezeichnet wurde. Das Stück wurde erstmals bei den Pfadfindern aufgeführt. In der Purim-Geschichte wird die schöne Jüdin Esther selbst Königin. Sie kann den König beeinflussen und Haman wird am Ende dafür bestraft, dass er alle Juden umbringen wollte. Die Aufführung kam gut an, der jüdische Frauenverein wollte sie ebenfalls in seinem Saal zeigen. Das wiederum musste seit 1937 von der Kulturabteilung der NSDAP-Kreisleitung genehmigt werden. Der 14-Jährige ging selbst hin, hatte vorsorglich im Manuskript das verdächtig erscheinende Wort Ministerpräsident durchgestrichen und an der Stelle ein rechteckiges Loch in das Papier gerissen. Doch das half nichts, kurz vor den Sommerferien 1938 wurde er von der Gestapo verhört. Die Nazis warfen ihm vor, er habe darin grob und in übelster Weise Generalfeldmarschall Hermann Göring – damals Ministerpräsident von Preußen – verhöhnt und beleidigt. „Ich bin von der Schule geflogen“, erinnert sich Schlomo Samson, heute 94 Jahre alt. Er lebt seit 1946 mit seiner Familie in Israel, im religiösen Kibbuz Schluchoth an der jordanischen Grenze. Und er nimmt die in seinem Alter strapaziöse Reise in seine Geburtsstadt Leipzig in Kauf, um auf Einladung des Schulmuseums jungen Leute seine Geschichte als Holocaust-Überlebender zu erzählen.

Er gehört zu den Menschen, die die Pogromnacht vom 9./10. November 1938 erlebt haben und sich bewusst daran erinnern können. „Nach 80 Jahren, das sind drei Generationen, besteht die Gefahr, dass Jugendliche von heute nicht verstehen können, wie integriert wir Juden damals in Leipzig waren“, sagt er und erzählt vom Leben, bevor die Nationalsozialisten die Macht ergriffen. „Im Walhall war ich mehr zu Hause als in der Synagoge“, erzählt der Opernfreund. Seine Familie wohnte in der Gustav-Adolf-Straße 21, später in der Gottschedstraße. Er besuchte zunächst die 40. Volksschule (heute Sportmittelschule), dann die Höhere Israelitische Schule (heute die Zentralbücherei für Blinde), die Ephraim Carlebach einst gründete.

Mit „Polenaktion“ ging der Terror los

Der Vater kam wie viele einst aus Polen ins „Land der Dichter und Denker“. Allein in Leipzig lebten 1938 etwa 3000 Ostjuden aus Polen und der Sowjetunion, oft als Staatenlose. Die polnische Regierung hatte angekündigt, dass alle Polen, die sich nicht zum 31. Oktober 1938 in ihrer Heimat registrieren lassen, die Staatsbürgerschaft verlieren. Mit der „Polenaktion“ am 28. Oktober 1938 wies das NS-Regime daher 18 000 Ostjuden schlagartig aus, verfrachtete sie meist in Züge, um sie über die Grenze abzuschieben. „Teilweise wurden die Leute im Pyjama auf die Straße gezerrt“, erzählt Schlomo Samson. Und erinnert auch daran, wie der polnische Konsul Feliks Chiczewski damals das Konsulat in der Wächterstraße öffnete und 1300 Leipziger Juden Zuflucht bot. Die „Polenaktion“ scheiterte am nächsten Tag. Das Nachbarland ließ nur wenige Züge hinein, schloss dann die Grenze. Der größte Teil der zusammengetriebenen Menschen kehrte an seine Wohnorte zurück, auch jene aus dem Konsulat. Der Großvater war zu jenem Zeitpunkt schon tot, der Vater Josef aus Deutschland ausgewiesen.

Mit der Pogromnacht vom 9./10. November folgte eine weitere Terrorwelle. Da wurden in Deutschland über 1000 Synagogen angebrannt. In Leipzig betraf dies die Ez-Chaim-Synagoge am Apels Garten sowie die Große Gemeindesynagoge in der Gottschedstraße. Die Brodyer Synagoge Keilstraße und die Ohel-Jacob-Synagoge in der Pfaffendorfer Straße wurden demoliert, blieben von den Brandstiftern insofern verschont, da sie in Gebäuden integriert waren, in denen Menschen lebten. „Weniger in die Geschichte eingegangen ist, dass bereits am 10. November tausende Menschen in Konzentrationslager gebracht wurden“, so der Zeitzeuge.

Mitten in der Stadt wurden hunderte jüdische Bürger angegriffen und verhaftet, ihre Wohnungen und Geschäfte gezielt zerstört. Am schlimmsten traf es die jüdischen Bewohner in der Nordvorstadt rings um die Nord- und Löhrstraße. Sie wurden ins ausgemauerte Flussbett der Parthe getrieben, bis zur Verhaftung schikaniert und misshandelt. Auch bei Großmutter und Mutter Nina Samson, die mit zwei Kindern zu dieser Zeit in der Lortzingstraße wohnten, drang der Pöbel ein. Nachdem er sich überzeugt hatte, dass keine Männer im Hause waren, begnügte er sich damit, Porzellan, Glas und Fensterscheiben zu zerschlagen und Möbelstücke zu zerhacken.

Mit dem Kinderausweis nach Holland

Schlomo hat sich danach eine zeitlang bei einer befreundeten argentischen Familie aufgehalten. Als Folge des Purim-Theaterstücks war er von den Nazis gezwungen worden, Deutschland zu verlassen. Weil er einen bis 2. Dezember 1938 gültigen Kinderpass hatte, konnte er am 28. November die Grenze nach Holland passieren. Und kam zunächst bei Verwandten unter.

Nach dem Einmarsch der Deutschen Wehrmacht in Holland wurde er ins Arbeitslager Westerbork deportiert, später nach Bergen-Belsen. 1944 kam er zusammen mit seinen Eltern und seinem Bruder Siegfried auf die sogenannte „Palästina-Liste“, um gegen deutsche Gefangene in Palästina ausgetauscht zu werden. Er erkrankte 1945 an Flecktyphus und wurde noch am 9. April 1945 auf einer Irrfahrt im Güterwagen durch Deutschland transportiert. In Tröbitz in der Niederlausitz konnten Samson und wenige Überlebende dieses Transportes am 23. April 1945 von der Roten Armee befreit werden.

Von Mathias Orbeck

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