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Lokales Die Osterzicklein - Eine Heimatgeschichte einer Leipzigerin, die auf dem Land aufwuchs
Leipzig Lokales Die Osterzicklein - Eine Heimatgeschichte einer Leipzigerin, die auf dem Land aufwuchs
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23:59 25.04.2014
Quelle: Privat
Leipzig

Eigene Kinder hat Elfriede Kühle nicht, plant aber unter anderem diese Zickleingeschichte in ein Erlebnis-Büchlein für ihre Nichten und Neffen mit aufzunehmen.

Jedes Jahr im Frühjahr, so um die Osterzeit herum, bekamen wir ein oder zwei kleine, weiße Zicklein. Die Ziege hatte zwei Kleine "gelegt", wurde dann lauthals verkündet, wenn wir früh aufstanden oder mittags aus der Schule kamen. Waren es männliche Tiere, so waren sie gedacht zur Kirmes im Oktober. Vielleicht auch für ein Familientreffen im August während der Schulferien. Handelte es sich um weibliche Tiere, so wurde meistens ein Zicklein, das besonders gesund und kräftig war, für die Zucht bestimmt. Es wurde "angebunden", hieß es da.

In einer großen Familie wie der unsrigen wurde die Ziegenmilch für die Milchsuppe benötigt. Die gab es täglich früh. Oder in den Malzkaffee zur Vesper am Nachmittag. Oder aber für Quark, der gut schmeckte. Besonders mir, weil ich außer Buttermilch keine Milch trank. Manchmal wurde kurz vor dem Kaffeetrinken schnell noch die Ziege gemolken. Auch ich habe sehr gern als Kind und Jugendliche auf diese Weise die Kaffeemilch besorgt.

Zicklein sprang ins Freie

In ihrem kleinen, abgetrennten Stallabteil neben dem des Pferdes, das Felix hieß, hatten die Zicklein wenig Bewegungsfreiheit. Deshalb drängten sie an regenfreien Tagen, wenn die Stalltür nur angelehnt war, ins Freie. Im Hof hinter der Gärtnerei sprangen sie, sich hier ihrer Freiheit bewusst, wild über jedes Hindernis. Und noch heute habe ich ihr fragendes Määäh, Määäh im Ohr. Zuweilen kam es auch vor, dass jemand die große Lattentür, die noch einen doppelten Maschendrahtaufbau trug und den Hof von der Gärtnerei trennte, aufgelassen hatte und die Zicklein, diese Situation blitzschnell erkennend, sogleich in und zwischen die offenen Frühbeete sprangen und sich selbst Grünes suchten.

Im August des Jahres 1949, die Osterzicklein, wiederum zwei und bereits ziemlich kräftig, tollten im Hofe herum. Auch die angrenzende Scheune, sofern aus Unachtsamkeit die Tür nicht richtig verschlossen worden war, war ihr Domizil. Und einmal gab es mitten in der Woche, als Abendbrot und nicht zur Kirmes (!), Zickelbraten. Ganz unverhofft. Es waren Schulferien und wir Kinder hatten tagsüber im Garten mitgeholfen. Als wir gegen Abend nach Hause kamen, stieg uns der köstliche Bratenduft in die Nase. Die große Fragerei begann. Doch wir erfuhren nichts. Was war geschehen? Es muss jemand die Scheunentür nur angelehnt haben. Die beiden Zicklein müssen in der Scheune gewesen sein. Ihre Leiber aufgebläht, konnten sie sich kaum auf den Beinen halten und wären im Hof von einer Ecke in die andere Ecke gewankt. Es blieb keine andere Wahl, wie mein Vater am Abend sagte, sie mussten spontan geschlachtet werden. Weiteres wurde von den Eltern und älteren Geschwistern nicht verraten. Das war schon verwunderlich. Ich kann mich erinnern, dass es während des Essens auffallend still war am Tisch.

Fleisch war noch rationiert

Erst nach einigen Tagen wurde darüber gesprochen. Da es in diesem Jahr viele Mäuse gab, stand irgendwo in einer Ecke in der Scheune ein Sack mit hellblau gefärbtem Weizen. Giftweizen. Der Sack war gut abgedeckt. Trotzdem entdeckten die Zicklein den Weizen und hatten davon gefressen. Da Fleisch noch rationiert war, konnte auf den Zickelbraten nicht verzichtet werden. Der Tierarzt wäre auch da gewesen.

Ein Zickel wurde immer zur Kirmes geschlachtet. Für einen ausreichenden Braten für die Familie und den Besuch. Aus dem Rest des Fleisches bereitete unsere Muttel Fleischsalat. Der schmeckte besonders gut. Welchen Beraten es zur Kirmes 1949 gab, daran kann ich mich nicht erinnern. Und dass der Tierarzt das Fleisch untersucht hatte, bezweifle ich heute. Dies wurde vermutlich nur zu unserer Beruhigung gesagt.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 26.04.2014

Elfriede Kühle

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