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Die Schule im Herzen – Leipziger Bürgerrechtlerin zieht in ihrem Buch Bilanz

Elke Urban Die Schule im Herzen – Leipziger Bürgerrechtlerin zieht in ihrem Buch Bilanz

Elke Urban, von 2000 bis 2015 Leiterin des Leipziger Schulmuseums, stellt ihr Buch „Voneinander lernen – Ost-West-Gespräche über Schule“ vor und wagt darin einen eigenen Blick auf zwei verschiedene Bildungssysteme.

Elke Urban mit ihrem neuen Buch „Voneinander lernen“.
 

Quelle: André Kempner

Leipzig.  In der Serie „Lange nichts gehört von …“ werden bekannte Leipzigerinnen und Leipziger vorgestellt, um die es zuletzt ruhig geworden war. Heute Elke Urban, ehemalige Leiterin des Schulmuseums.

Ort und Zeit sind gut gewählt. Im Umfeld der Erinnerung an den Entscheidungstag der Friedlichen Revolution stellt morgen Abend in der Runden Ecke Elke Urban, von 2000 bis 2015 Leiterin des Schulmuseums, ihr Buch „Voneinander lernen – Ost-West-Gespräche über Schule“ vor. Der Herbst 1989 und die darauf folgenden Veränderungen sorgten auch für Elke Urban dafür, dass sich ihr Leben grundlegend änderte. Die fünffache Mutter und Lehrerin, die 1975 wegen der zunehmenden Militarisierung und des politischen Drucks selbst in ihrem Musikunterricht den DDR-Schuldienst quittierte, trat am 8. Oktober 1989 mit Tochter Friederike in der Michaeliskirche dem Neuen Forum bei: „Mit zitternden Händen haben wir unterschrieben.“ Elke Urban war aktive Montagsdemonstrantin, sprach am 4. Dezember auf dem Augustusplatz über ihren Wunsch nach der Einheit Deutschlands und nach dem Ende sozialistischer Experimente. Sie gehörte zum Gründerkreis der Initiative Freie Pädagogik und war Initiatorin für die Gründung von Freien Schulen in Leipzig, arbeitete am Schulverwaltungsamt und sorgte mit ihren an den DDR-Alltag erinnernden Schulstunden in dem von ihr geleiteten Museum sogar bundesweit für Aufsehen und Anerkennung.

„Einmal Bürgerrechtlerin, immer Bürgerrechtlerin“, sagte Elke Urban bei einem früheren Gespräch: „Der 9. Oktober wird für mich mit der Erinnerung an das Friedensgebet und an die sich anschließende friedlich verlaufende Demonstration zeitlebens ein besonderer Tag sein.“ Diese Erinnerung weiterzutragen, vor allem auch an ihre neun Enkel, ist eine Aufgabe für die nach wie vor engagierte Frau. Mittlerweile im Rentnerdasein und somit gegenüber früheren Verantwortungen nicht mehr in der Pflicht, will sie aber schon noch was zu sagen haben. Aktuell mit ihrem Buch über Schule in Ost und in West.

Meinungen prallen aufeinander

Während ihrer Zeit am Schulmuseum führte sie im Zuge ihrer über 2000 „Heimatkunde“-Stunden Gespräche mit Lehrern aus Magdeburg und Braunschweig, aus Anklam und Hannover, aus Frohburg, Herford, Mainz, Oschatz und Bielefeld. Die Protagonisten redeten ohne Scheu, aus nachvollziehbaren Gründen treten sie in der Publikation nicht mit ihrem Namen auf. So weit, das hat auch Elke Urban erfahren müssen, geht die neue Freiheit doch nicht. Meinungen prallen aufeinander. Kerstin aus Anklam, Lehrerin für Geschichte und Russisch, verwahrt sich gegen die komplette Ablehnung des DDR-Bildungssystem und ist gegen die Gleichstellung der beiden deutschen Diktaturen des vergangenen Jahrhunderts: „Die Schule in der DDR bestand nicht nur aus FDJ und Pionieren. Reden wir endlich mal über den normalen Unterricht.“ Von Pro und Contra ist zu lesen. Es wird zum Beispiel deutlich, dass sich an der Schule Ost die Ausbildung in den naturwissenschaftlichen Fächern sehen lassen konnte und die Struktur der Bildung mit dem gemeinsamen Lernen bis zur achten und sogar bis zur zehnten Klasse durchaus Vorzüge für die „Spätzünder“ hatte.

Schule in Ost, geprägt von der SED-Diktatur, und in West in einer demokratisch-freiheitlichen Gesellschaft lässt Elke Urban Revue passieren. Sie zieht mit den authentischen Meinungen keinen Schlussstrich unter die Debatte, sondern weiß mit Kenntnis des Vergangenen, was zu tun ist: „Mehr Lehrer braucht das Land, die einheitliche Bezahlung sowieso, weniger Stundenausfälle, Abbau von Ressentiments auf Grund unterschiedlicher Lebenswege, Bildung nicht nur nach Pisa-Kriterien und mehr Augenmerk aufs gute Benehmen, Schulen mit modernem Ambiente. Und viel mehr.“

Das Buch als Bilanz

Das Buch ist Elke Urbans Bilanz ihres Engagements für die Bildung. Viele Jahre hat sie an der Veröffentlichung gearbeitet, zwischenzeitlich schien ihr Akku leer zu sein und sie wollte die Fördermittel, die ihr der Freistaat für das Projekt zur Verfügung stellte, rückerstatten. In dieser Situation war Dieter Schulz, Professor emeritus für Schulpädagogik der Leipziger Universität, der „Antreiber“, das Werk zu vollenden. Der Bildungswissenschaftler würdigt Urbans Begeisterung für das zeitgemäße Lehren und Lernen in seinem Vorwort und gehört mit Frank Richter, ehemals Chef der sächsischen Landeszentrale für politische Bildung, zu den weiteren Autoren der Dokumentation.

Morgen Abend geht Elke Urban damit in die Öffentlichkeit. Auch an 200 Leipziger Schulen erging die Einladung. Elke Urban gibt sich kämpferisch: „Mal sehen, ob die Fetzen fliegen …“

Elke Urban (Autorin und Herausgeberin im Auftrag des Fördervereins Schulmuseum e.V.), Voneinander lernen – Ost-West-Gespräch über Schule, Sax Verlag, 131 S., 14,50 Euro. – Das Buch wird morgen, 19.30 Uhr, im Lesesaal der Runden Ecke (BStU-Behörde), Dittrichring 22-24, vorgestellt.

Von Thomas Mayer

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