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Die Städte Leipzig und Bayreuth streiten, wem Wagners Klavier gehört

Die Städte Leipzig und Bayreuth streiten, wem Wagners Klavier gehört

Die Städte Leipzig und Bayreuth streiten um das Kompositionsklavier von Richard Wagner. Bevor die Angelegenheit sogar vor Gericht anhängig werden könnte, sprechen beide Seiten miteinander.

Kulturbürgermeister Michael Faber fährt heute ins schöne bayerische Land. Nicht der Besuch der Festspiele steht dabei an, denn die finden bekanntlich erst zu sommerlichen Zeiten statt, und dem jüngst verstorbenen Wolfgang Wagner wurde bereits vergangenen Sonntag mit einer Trauerfeier gedacht. Was tut also Faber in Begleitung rathäuslichen Juristenbeistands in der deutschen Wagner-Hochburg?

 Es geht um Richards Klavier. Das bekam der 1813 in Leipzig geborene Komponist 1864 von seinem größten Gönner, dem Bayern-König Ludwig II., geschenkt. Es handelt sich um ein Tafelklavier, ist Musikinstrument und Sekretär. Es stand bis 1944/45 im Haus Wahnfried. Der Bau der Villa, von Wagners königlichem Gönner mit 25 000 Talern bezuschusst, war 1872 begonnen, zwei Jahre später fertiggestellt und auch von Wagner samt seiner Familie bezogen worden. Dort vollendete er 1874 mit der Partitur der "Götterdämmerung" den "Ring des Nibelungen" und begann 1877 sein letztes Werk, die Oper "Parsifal", am genannten Klavier zu komponieren.

 Wagner starb 1883. Das Instrument blieb in Familienbesitz. In den letzten Kriegsmonaten 1944/45 ließ es Winifred Wagner (Ehefrau von Wagners Sohn Siegfried und Leiterin der Bayreuther Festspiele nach dessen Tod bis 1944), nach Leipzig bringen. Dazu Sven Friedrich, Direktor des im Haus Wahnfried untergebrachten Richard-Wagner-Museums mit Wagner-Nationalarchiv und Forschungsstätte der Richard-Wagner-Stiftung Bayreuth: "Genau ist nicht geklärt, wie und warum das Klavier nach Leipzig kam. Mein Vorgänger fand in den 1970er-Jahren eine Notiz von Winifred Wagner, nach der das Instrument bei Bechstein in Leipzig restauriert werden sollte. Warum aber in Leipzig, wo es eine Firma namens Bechstein nicht gab?"

 Das Klavier war jedenfalls an der Pleiße und verblieb hier bis 1998. Es ging zu DDR-Zeiten in den Besitz des Stadtgeschichtlichen Museums über, welches das Instrument ans Musikinstrumentenmuseum auslieh. Dort stand es meist im Fundus, nur einmal Anfang der 1960er-Jahre wurde es in einer Ausstellung der Öffentlichkeit präsentiert. 1998 fand Sven Friedrich das gesuchte Stück, freilich ohne das verloren gegangene Unterteil, im Depot des besagten Museums. Mit der Stadt Leipzig wurde ein Leihvertrag abgeschlossen, mit dem sich die Bayreuther verpflichteten, das Instrument zu restaurieren, was geschah. Der auf zehn Jahre befristete Vertrag lief vor einigen Monaten aus, er wurde nicht verlängert.

 Das Klavier steht freilich noch immer im Haus Wahnfried. Leipzigs Kulturverantwortliche protestierten schriftlich, Bayreuth reagierte bis dato nicht. Friedrich: "Der Besitzstand des Klaviers ist unserer Meinung nach nicht geklärt. Die Fragen lauten unter anderem: Hat es zu DDR-Zeiten wirklich eine Er­sitzung laut BGB gegeben? Fällt das Stück durch den Einigungsvertrag der Bundesrepublik Deutschland zu? War, ist und bleibt nicht ohnehin die Familie Wagner der rechtmäßige Eigentümer?" Und wenn Leipzig nicht der Eigentümer ist, dann wäre doch auch der Leih­vertrag hinfällig. Laut Friedrich gehört das Klavier vor allem aus künstlerischen Beweggründen nach Bayreuth und nicht nach Leipzig, wo der Komponist zwar auf die Welt kam, aber kompositorisch kaum tätig war, freilich entstand hier seine erste Oper "Die Feen". Die Richard-Wagner-Stiftung beschloss jedenfalls, vor einer eingehender Prüfung der Sachlage das Instrument nicht wieder nach Leipzig zu schicken.

 In Leipzig schweigt man auf alle Nachfragen. Hier ist Wagners Klavier gegenwärtig Geheimsache. Bürger­meister Faber bestätigt zumindest, dass die in diesem Beitrag genannten Fakten "im tiefschwarzen Bereich" angesiedelt sind. Man wolle eine einvernehmliche Lösung und keinen Streit vor Gericht. Man verhehlt aber nicht, das Instrument der im Wachsen begriffenen Sammlung mit Blick auf den 200. Geburtstag des Komponisten 2013 erhalten zu können. Auch der zu Wagnerthemen sonst stets offene Wagner-Verbands-Vorsitzende Thomas Krakow, der erst vorigen ­Sonntag in Bayreuth an der Trauerfeier für ­Richards Enkel ­teilnahm, räumt Kenntnis des Themas ein, da ihn ein Mitglied der ­Familie Wagner um Vermittlung gebeten hatte. Inhaltliches ist ihm aber nichts zu entlocken. Freilich lautet der Ver­eins-Leitspruch unverändert "Richard ist Leipziger ..." Wohl doch am besten mit dem Klavier.

Thomas Mayer

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