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Lokales Das Inferno von Leipzig: Die Bilder des Bombenangriffs vor 75 Jahren
Leipzig Lokales Das Inferno von Leipzig: Die Bilder des Bombenangriffs vor 75 Jahren
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12:05 04.12.2018
Der Leipziger Matthäikirchhof nach der schrecklichen Bombennacht vom 4. Dezember 1943. Quelle: Foto: Stadtgeschichtliches Museum
Leipzig

Leipzig musste während des Zweiten Weltkrieges mehrere große und kleine Bombenangriffe verkraften. Der mit Abstand schwerste Angriff auf die Stadt durch die britische Royal Air Force erfolgte am 4. Dezember 1943 – vor 75 Jahren. Das Inferno begann in den frühen Morgenstunden im Norden der Stadt. Ziel war es, die Produktion der deutschen Flugzeug- und Rüstungsindustrie nachhaltig zu zerstören.

Der Deckname der Operation, die gerade mal eine Viertelstunde dauerte und etwa 2000 Leipziger tötete, verletzte oder verschüttete, lautete „Haddock“. Große Teile der Stadt wurden in jener Schreckensnacht schwer zerstört. Das unmenschliche Prinzip: Die abgeworfenen Brandbomben und Phosphorkanister erzeugten eine Vielzahl von Bränden. Durch den zusätzlichen Abwurf von vereinzelten schweren Sprengbomben („Wohnblockknacker“), die zur Zerstörung von Gebäuden führten, konnten sich die Einzelbrände zu einem Flächenbrand entwickeln. Das nunmehr um sich greifende Feuer sog die Luft aus den umliegenden Straßenzügen an.

Städtisches Leben kam zum Erliegen

Es kam zu einer regelrechten Düsenwirkung und damit zu einer orkanartigen Luftbeschleunigung. Die Folge: Viele Menschen erstickten in den Kellerräumen, weil durch das Feuer der Sauerstoff in der Luft aufgezehrt war. Der Feuersturm riss Kinder von den Händen ihrer Mütter und wirbelte sie zurück ins Feuer. Leipzigs Flugabwehr blieb weitgehend wirkungslos, die Feuerwehr konnte nicht auf ihren kompletten Personalbestand zurückgreifen, weil viele Feuerwehrmänner zur Löschhilfe nach Berlin abgezogen waren. 140 000 Menschen wurden an jenem 4. Dezember 1943 in Leipzig obdachlos. Jener Tag voller menschlicher Tragödien bleibt wie ein Trauma im kollektiven Gedächtnis der Stadt haften. Das städtische Leben kam zum Erliegen.

Buchhändlerhaus brennt aus

Schwer getroffen wurde auch das Graphische Viertel. Die größten Verlagshäuser – darunter der F. A. Brockhaus Verlag, der Verlag Philipp Reclam jun. und Breitkopf & Härtel, der älteste Musikverlag der Welt – brannten aus. Das Zentrum des deutschen Buchgewerbes wurde in knapp zwei Stunden (Fliegeralarm: 3:39 Uhr; Entwarnung: 5:32 Uhr) von Spreng- und Brandbomben in Schutt und Asche gelegt. Geschätzte 50 Millionen Bücher verbrannten.

Am 4. Dezember jährt sich der verheerende Bombenangriff der britischen Luftwaffe auf Leipzig zum 75. Mal. Der verheerende Angriff begann um 3.56 Uhr. Mehr als 2000 Menschen wurden getötet, verletzt oder verschüttet.

Daran erinnert die Deutsche Nationalbibliothek dieser Tage bei einem Kongress in Frankfurt am Main. Denn auch das repräsentative Buchhändlerhaus am Gutenbergplatz – Sitz des Buchmuseums – brannte aus. Eines der wenigen Objekte, die Anfang Dezember 1943 mit Schmauchspuren aus der Asche des Buchhändlerhauses geborgen werden konnten, stellt das Leipziger Museum ins Zentrum einer Installation: Es handelt sich um einen mehrere hundert Kilogramm schweren Granitstein mit etwa 3000 Jahre alten chinesischen Schriftzeichen.

Es ist eine sogenannte Steintrommel, deren Absplitterungen und Brandspuren noch heute von der Zerstörung zeugen. Sie soll eine „Wolke aus Zetteln“ bekommen, damit Besucher erfahren, was sie uns heute zu sagen hat. Ab Januar 2019 wird sie im Deutschen Buch-und Schriftmuseum in Leipzig zu sehen sein.

Stadt büßt Ruf als Buchstadt ein

„Wir haben einige Objekte mit Schmauchspuren, die wir zum Objekt der Forschung gemacht haben“, erläutert Stephanie Jacobs, die Leiterin des Deutschen Buch- und Schriftmuseums. „Leipzig büßte mit dem alliierten Bombenangriff seinen jahrhundertealten Ruf als Buchstadt, den bereits der Erste Weltkrieg gründlich erschüttert hatte, endgültig ein“, betont sie.

Wie es in Leipzig aussah, beschreibt beispielsweise Arthur Luther, Literaturwissenschaftler und Abteilungsleiter in der Deutschen Bücherei, in seinem Tagebuch: „Fliegergeräusch... Da stürzt mit furchtbarem Krach die Decke ein, ich falle auf den Rücken... Brille weg, Hut weg... Endlich hört das Krachen und Schießen auf. Wir wagen uns hinaus. Erster Eindruck – Flammen überall und schreiende Menschen. Ich gehe in die Bücherei. Der Ostflügel stark mitgenommen. Alle Fenster zertrümmert. Aus dem Kellergeschoß steigt Rauch auf. Die Fensterrahmen im Ostflügel nach dem Deutschen Platz zu ausgebrannt. Der große Lesesaal voller Scherben, Schutt und Trümmer. Die Wandgemälde von L. Hofmann nicht mehr vorhanden. Da kein Fenster heil, eisige Kälte im ganzen Gebäude. Postamt, Museum, Universität, Oper in Flammen oder in Trümmern. Der Brühl vernichtet, das Alte Theater eine Ruine... Vor allem aber das ganze Buchhändlerviertel „wegrasiert“: alle großen Verlage, alle Großdruckereien, Buchhändlerhaus, Buchmuseum...“

Graphisches Viertel nun auf digitaler Karte

Das Leipziger Museum hat daher einen Rückblick auf Leipzig als der „Hauptstadt des Buches“ zusammengetragen. 2200 Firmenstandorte im Graphischen Viertel aus dem Leipziger Adressbuch von 1913 wurden zu diesem Zweck in eine Datenbank übertragen. Alle Daten sind – in Kooperation mit dem Amt für Geoinformation und Bodenordnung der Stadt Leipzig – auf einer digitalen Karte aufbereitet worden. Diese ist ab heute im Internet auf www.leipzig.de/historisches-buchviertel freigeschaltet. „Wir müssen an die schrecklichen Ereignisse erinnern, auch um unseren Bildungsauftrag als Museum gerecht zu werden und die Deutungshoheit nicht anderen zu überlassen, die diese ideologisch instrumentalisieren“, so Jacobs

Kranzniederlegung auf dem Südfriedhof

Anlässlich des 75. Jahrestages dieser Schreckensnacht gedenken OBM Burkhard Jung, Vertreter des Stadtverbandes Leipzig des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge, des Diplomatischen Corps, von Stiftungen, Vereinen und der Bundeswehr der Toten am 4. Dezember ab 14 Uhr mit einer Kranzniederlegung am Gedenkkreuz für die Leipziger Bombenopfer des Zweiten Weltkrieges auf dem Südfriedhof (Abteilung XXVIII, 5. bis 6. Gruppe).

Von Mathias Orbeck

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