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Lokales Die Universität Leipzig will auf dem Leuschner-Platz über Globalisierung forschen
Leipzig Lokales Die Universität Leipzig will auf dem Leuschner-Platz über Globalisierung forschen
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22:53 19.07.2018
Rektorat und Hochschulrat ziehen mittlerweile an einem Strang: Beate Schücking, 62, und Hans-Gerd Husung, 68. Quelle: André Kempner
Leipzig

Neue Forschungszentren, neue Kommunikationskanäle, neue Gebäude – die Universität Leipzig hat viel vor. Die Weichen stellt ein neuer Hochschulentwicklungsplan, den die Uni gerade beim sächsischen Wissenschaftsministerium eingereicht hat. In unserer Reihe „Leipzig 2030“, in der wir in den kommenden Wochen aus unterschiedlichen Blickwinkeln in die Zukunft der Stadt schauen, sprechen Rektorin Beate Schücking und Hans-Gerhard Husung, Vorsitzender des Hochschulrats, über den „Leipziger Weg“, den die Hochschule in diesem Strategiepapier auf 50 Seiten entwickelt.

Wohin führt dieser Weg die Uni bis 2030?

Beate Schücking: Ich bin versucht, Karl Valentin zu zitieren. Aber dass die Zukunft früher auch besser war, trifft auf unsere Universität nicht zu. Wenn sie konsequent den von uns jetzt entwickelten „Leipziger Weg“ einschlägt, wird die Universität Leipzig 2030 noch mal deutlich gestärkt sein: internationaler und vernetzter mit den außeruniversitären Forschungsinstituten und der regionalen Wirtschaft.

Hans-Gerhard Husung: Schon der umfassende soziale Prozess, der dem Hochschulentwicklungsplan vorausgegangen ist, ist Gold wert. Wir alle haben uns damit auseinandergesetzt, wo wir 2025 stehen wollen, und stoßen jetzt weitreichende Entwicklungen an. Wenn Sie einen Wald pflanzen, werden Sie nicht nach wenigen Jahren schon lauter große Bäume sehen. Doch 2030, da bin ich sicher, wird die Universität Leipzig national und international noch stärker erkennbar sein.

Schücking: Das Biodiversitätsforschungszentrum iDiv nimmt die Entwicklung bereits vorweg. Als es damit 2012 losging, forschten dort zwei Hand voll Wissenschaftler aus unserer Universität, dem Umweltforschungszentrum und aus Halle und Jena. Heute ist es eine boomende Einrichtung mit 140 Wissenschaftlern. 40 Prozent davon aus dem Ausland, insgesamt aus 33 verschiedenen Nationen. Biodiversität wird 2030 ein noch stärkeres Thema sein, und hoffentlich wird unser iDiv zur Erhaltung der Artenvielfalt in Mitteleuropa und weltweit beitragen.

„Der Leuschner-Platz wäre ein idealer Standort“

Allerdings fördert die
Deutsche Forschungs­gemeinschaft (DFG)
das Zentrum nur bis 2024. Wie finanzieren Sie iDiv danach?

Schücking: Es gibt zwei Szenarien. Die DFG wird vermutlich eine neue Exzellenzinitiative ausschreiben und hat uns zugesagt, dass die Fristen einen naht­losen Übergang ermöglichen, so dass wir uns erneut als Exzellenzcluster bewerben können. Ich bin aber darüber hinaus fest davon überzeugt, dass die beteiligten Universitäten, Bundesländer und der Bund dem Zentrum gemeinsam eine stabile Basis geben können. Wir arbeiten weiter intensiv an diesen Perspektiven.

Zumal Sie laut Hochschulentwicklungsplan zwei weitere solche integrativen Zentren und zudem ein sogenanntes „Leipzig Lab“ gründen wollen, in dem die Fäden zusammenlaufen. 2030 wird der Wilhelm-Leuschner-Platz keine Brachfläche mehr sein. Wie ist die Uni dort dann baulich vertreten?

Schücking: Der Leuschner-Platz wäre ein idealer Standort für einen Neubau für unsere Geistes- und Sozialwissenschaftler, am besten in der Nähe des Leibniz-Instituts für Länderkunde, mit dem wir eine enge Zusammenarbeit anstreben. Das dort zu verortende „iGlobe“ ist eines der drei geplanten integrativen Zentren, thematisch geht es um Globalisierungsforschung. Wir beantragen den Bau beim Wissenschaftsrat und rechnen auch mit einer Unterstützung durch die Landesregierung. Bis 2030 werden wir zudem hoffentlich einen Neubau inklusive Hörsälen und Mensa für unsere wachsende Juristenfakultät haben. Auch dafür wird man als erstes den Leuschner-Platz in den Blick nehmen. Da sind wir bereits mit der Landesregierung und der Stadt in Gesprächen.

Und die übrigen Zentren?

Schücking: Der iDiv-Neubau entsteht bereits auf der Alten Messe. Für die Erforschung der Zivilisationskrankheit Adipositas – und damit für das geplante „iOb“-Zentrum – würde der Westflügel des Roten Hauses in der Liebigstraße entsprechend ausgebaut. Das „Leipzig Lab“ schließlich soll als Synthesezentrum für die ganze Universität funktionieren und herausragende internationale Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auf verschiedenen Qualifikationsebenen zu uns bringen. Räumlich könnte es zunächst in der Villa Tillmanns in der Wächterstraße damit losgehen. Außerdem wird unsere Informatik vermutlich wachsen. Die Universität hat den Anspruch, die Stadt zu beleben, zu verändern, zu erweitern, zu bereichern. Und das kann sich wie zuletzt beim Paulinum – Aula und Universitätskirche St. Pauli auch in der städtischen Architektur niederschlagen.

„In eine wachsende Stadt passt keine schrumpfende Universität“

Allerdings will der Freistaat die Zahl der Studierenden deutlich senken. Ihre Pläne klingen nicht gerade nach weniger ...

Schücking: Ich bleibe dabei: In eine wachsende Stadt passt keine schrumpfende Universität. Die Anforderungen der Landesregierung lassen das im Prinzip auch gar nicht zu. Wir brauchen noch mehr Lehrer. Wer kann dafür sorgen? Die Uni Leipzig. Wir brauchen mehr Juristen. Wer bildet sie aus? Die Uni Leipzig.

Husung: Natürlich halten wir uns an die getroffenen Vereinbarungen. Aber wenn Bund und Länder demnächst die Rahmenbedingungen für einen neuen Hochschulpakt ausgehandelt haben werden, gibt es für das Land Sachsen und die Universität Leipzig sicher eine neue Perspektive. Aus Sicht des Hochschulrats wäre es ein völlig falsches Signal, wenn die attraktive Uni anfangen müsste, Studierende abzuschrecken, um weniger von ihnen zu immatrikulieren.

Forschung, Lehre, Wirtschaftsfaktor

100,2 Millionen Euro hat die Universität Leipzig zwischen 2014 und 2016 an Drittmitteln bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) eingeworben. Seit 2011 ist sie damit im DFG-Förderatlas um insgesamt zehn Plätze nach oben gestiegen.

Beate Schücking, geboren 1956 in Kassel, wirkte als Professorin für Medizin in München und Osnabrück, bevor sie 2011 in Leipzig ihr Amt als Rektorin antrat. Sie ist die erste Frau auf diesem Posten seit der Universitätsgründung 1409. Der Hochschulrat schlug sie 2015 zunächst nicht zur Wiederwahl vor. Nach einer Neuausschreibung gewann sie 2017 die Abstimmung und trat ihre zweite fünfjährige Amtsperiode an.

Hans-Gerhard Husung, geboren 1950 in Braunschweig, gehört seit 2016 zum Hochschulrat der Universität Leipzig. Er ist Historiker und SPD-Mitglied, von 2004 bis 2010 war er Staatssekretär für Wissenschaft und Forschung am Berliner Senat, danach Generalsekretär der Gemeinsamen Wissenschaftskonferenz.

In den 14 Fakultäten der Uni arbeiten insgesamt 5300 Menschen. Rund 30 000 Studierende sind in mehr als 150 Studiengänge eingeschrieben. Das sächsische Wissenschaftsministerium hat in seiner Zielvorgabe für die Universität Leipzig eine Reduzierung auf 23 000 Studierende im Wintersemester 2024/25 vorgesehen.

Im Hochschulentwicklungsplan stellen Sie sich die Aufgabe, mit Ihrer Forschung nicht nur die Studierenden, sondern noch stärker auch die breite Gesellschaft zu erreichen. Wie wollen Sie trotz Filterblasen, Fake News und gefühlten Wahrheiten zu den Leuten durchdringen?

Schücking: Es ist keine leichte Aufgabe. Wichtig sind Transparenz, Dialog und Respekt. Es ist uns klar, dass Wissenschaftskommunikation kontinuierlich wichtiger wird. Für einen persönlichen Austausch zwischen Forschern und Bevölkerung lassen sich unsere neuen Veranstaltungsreihen im Paulinum sehr gut an, der „DFG exkurs“ und „Zur Sache, Leipzig“. Darüber hinaus müssen wir aber auf allen Kanälen möglichst gleichzeitig und mit gleich hohem Niveau unterwegs sein, seriös und faktentreu. Entsprechend haben wir den Bereich Kommunikation bereits ausgebaut und eine Stabsstelle eingerichtet. Auch die Lehrer-Ausbildung spielt mit rein. Sie besitzt in Leipzig einen hohen Stellenwert, und in Zukunft wollen wir ein noch größeres Gewicht auf die politische Bildung an Schulen legen.

Husung: Bis 2030 wird die Notwendigkeit, sich des Weltwissens zu bedienen, weiter zunehmen. Die Universität ist Maklerin dieses Weltwissens für die Region. Eine Krise des Expertentums mag hier und da spürbar sein, aber auf der anderen Seite zeigen Befragungen, dass das Vertrauen in die Wissenschaft noch immer sehr hoch ist. So ist es beispielsweise beim Thema Klimawandel eine große kommunikative Herausforderung, die tägliche Erfahrung mit dem Wetter zu flankieren mit Erkenntnissen zu langfristigen klimatischen Veränderungen. Dabei auch auf Unsicherheiten der wissenschaftlichen Erkenntnis hinzuweisen, sollte eigentlich die Glaubwürdigkeit stärken. Wer allerdings im Internet nur Seiten aufruft, die seine vorgefasste Meinung bestätigen, steuert in eine Sackgasse. Die Bereitschaft, sich irritieren zu lassen, müssen wir in der Gesellschaft ebenso wie in der Wissenschaft immer wieder erkämpfen. Auch das macht Forschungsvorhaben und integrierte Studienangebote so wichtig, die sowohl Ländergrenzen als auch Fächergrenzen überschreiten.

Wird sich die Universität Leipzig 2030 trotz aller interdisziplinärer Projekte noch in 14 Fakultäten gliedern?

Schücking: Aktuell sehe ich keinen Handlungsbedarf. Für 2030 möchte ich keine Prognose abgeben. Denn es gibt doch eine Reihe von Entwicklungen in der Wissenschaft, die es nahelegen, dass sich Fächer auch noch enger miteinander verschränken. Vielleicht gibt es eines Tages sogar nur noch eine einzige große naturwissenschaftliche Fakultät. Aber so etwas muss von innen wachsen und lässt sich nicht von oben verordnen.

Husung: Das Beste ist, immer wieder Brücken zu bauen, Kooperationen zu organisieren, aus denen so ein Wandel gleichsam naturwüchsig hervorgeht. So wie den Leipziger Adipositas-Cluster, wo die Zivilisationskrankheit aus natur- und sozial- und geisteswissenschaftlicher Perspektive erforscht wird.

Kritischer Blick auf Absolventen-Quoten

Im September verkündet die DFG ihre Entscheidung über den Exzellenz-Antrag. Wie sehen Sie Ihre Chancen?

Schücking: Wir haben unser Bestes gegeben und sind optimistisch. Aber in so einem Wettbewerb spielt immer auch das Glück eine Rolle. Klar ist, dass wir die Adipositas-Forschung selbst ohne den Cluster auf ganz hohem Niveau weiterbetreiben. Davon ist auch unser zuständiges Ministerium überzeugt, und wir haben mit dem neu eingerichteten Helmholtz-Institut für Metabolismus-, Adipositas- und Gefäßforschung und dem Sonderforschungsbereich Strukturen, die das Ganze tragen.

Bis 2025 müssen alle Studiengänge eine Qualitätsprüfung durchlaufen. Wie stellen Sie bei aller Fokussierung auf Spitzenforschung sicher, dass die Lehre in der Breite bestehen bleibt?

Schücking: Spitze kann nur entstehen, wenn darunter eine breite Basis liegt. Darüber wird nur selten gesprochen, weil wir alle so gern in Leuchtturm-Metaphern schwelgen. Unser standardisiertes Verfahren, das alle unsere Studiengänge bis 2025 durchlaufen, prüft insbesondere die Qualität der Lehre in der Breite. Die Studierbarkeit rückt dabei in den Fokus, und es wird ein kritischer Blick auf Absolventen-Quoten geworfen. Wir wollen zudem die Studieninhalte internationaler gestalten und die Lehre mit digitalen Werkzeugen und durch neue Formate stärken.

Vor drei Jahren wurden
vor der damals anstehenden Rektorenwahl
Zerwürfnisse zwischen Hochschulrat und Rektorin öffentlich. Wie ist jetzt Ihr Verhältnis? 

Husung: Lassen Sie es mich so sagen: Seit es vergangenes Jahr ein paar Veränderungen im Hochschulrat gegeben hat, ziehen wir nicht mehr nur am selben Strang, sondern auch am selben Ende des Strangs. Wir sind ausgesprochen glücklich über die Gesamtkonstellation aus Rektorat, Senat und Hochschulrat. Die kollegiale Art und Weise, wie man uns in die Erarbeitung des Hochschulentwicklungsplans eingebunden hat, ist für die Zukunft ein gutes Omen. Wir besprechen die Dinge vertrauensvoll und konstruktiv miteinander. Es spricht für Frau Schückings hervorragende Arbeit, dass die Universität Leipzig im DFG-Förderranking gerade erneut nach oben geklettert ist. In der internen Diskussion üben wir gelegentlich natürlich auch Kritik, um Dinge noch besser zu machen, als sie schon sind, aber als Hochschulrat haben wir nicht das Bedürfnis, uns in der Öffentlichkeit zu profilieren. Wir haben die Geschäftsordnung geändert und mit Annette Beck-Sickinger eine Vertreterin aus der Hochschule in den Vorsitz gewählt. Das war von uns ein bewusstes Signal, dass wir uns nicht als Fremdkörper organisieren, sondern als Teil der Universität verstehen.

Von Mathias Wöbking

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