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Die Wartegemeinschaft

Die Wartegemeinschaft

Das scheidende Jahr mit der Silvestermotette verabschieden - für viele Leipziger längst gute Tradition. Eine Predigt, die zum Nachdenken anregt; Orgelspiel, das beflügelt; Thomanergesang, der berauscht: Auch diesmal drängten wieder Hunderte Menschen am letzten Tag des alten Jahres in die Thomaskirche.

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Warteschlange um mehrere Ecken: Silvestermotetten-Besucher am letzten Tag des Jahres 2013 auf dem Thomaskirchhof. Eine Dreiviertelstunde später beginnt der kirchenmusikalische Gottesdienst.

Quelle: Wolfgang Zeyen

Neben den Einheimischen zieht es inzwischen immer mehr Touristen in den kirchenmusikalischen Gottesdienst. Vor allem wegen des Knabenchores.

Bereits eine Stunde vor Beginn der Motette herrscht auf dem Thomaskirchhof Ausnahmezustand. Dutzende Busse haben unzählige Besucher ausgespuckt. Aus allen Teilen Deutschlands sind Menschen angereist, um Silvester in Leipzig zu verbringen. Ein Besuch des berühmten Gotteshauses, Wirkungsstätte von Johann Sebastian Bach, ist dabei für viele Pflicht und fester Programmpunkt innerhalb der gebuchten Pauschalreise. Und so kommt es, dass in der riesigen Menschenschlange vor der Kirche sämtliche Dialekte des Landes verbreitet sind. "Ick bin ja jespannt", heißt es ziemlich weit vorne. "Ob mir noch reinkomme?" - "Ei freili, i denk scho!", lautet ein Dialog ein paar Meter weiter hinten. Ganz gleich, wo die Leute auch herkommen: Sie alle haben das eine Ziel: einmal die Thomaner live singen hören.

Etliche Gäste sind Wiederholungstäter. "Ich bin schon das dritte oder vierte Mal zu Silvester hier", verrät Erich Königsen aus Erfurt. Gemeinsam mit seiner Frau muss er gerade erfahren, dass es anno 2013 noch ein wenig stressiger zugeht als die Jahre zuvor. Deshalb haben sich die Königsens mit Gebäck und "Coffee to go" vom Bäcker um die Ecke eingedeckt. "Wir sind seit kurz nach zwölf hier. Für die besten Plätze sind wir fast ein wenig spät dran, aber vielleicht haben wir ja noch Glück." Die Motette beginnt um 13.30 Uhr und die Spitze der Wartegemeinschaft harrt bereits seit elf vor dem Südportal aus. Ein Kult wie bei einem Popkonzert.

Doch das Anstehen lohne sich eben, sagt Matthias Lohmann. Der Leipziger besucht Gottesdienste und Veranstaltungen in der Thomaskirche regelmäßig. Deshalb ist er auch relativ entspannt, als er für kurze Zeit ganz am Ende der langen Schlange steht. "Ach, das passt schon noch. Wir sind eigentlich gut im Plan." Auch Brigitte Latzko bleibt beim Blick auf die Menschenmassen gelassen. "Es ist ja immer voll, wenn die Thomaner singen." Die Ruhe der Leipzigerin steckt Angelika Rudolf und deren Begleiter an. Die beiden Heilbronner stehen hinter Brigitte Latzko an. Die Damen sind ins Gespräch gekommen. "Wir haben schon ein bisschen Angst, nicht mehr reinzukommen. Das wäre so schade", sagt Angelika Rudolf. Sie ist zum ersten Mal in der Messestadt und hat sich insbesondere wegen des kulturellen Angebotes für Leipzig entschieden. "Wir kommen ganz sicher noch rein. Und selbst die Chance auf Sitzplätze steht noch gut", macht Brigitte Latzko Mut - und wird recht behalten. Drinnen angekommen, wird schnell klar, dass die Thomaskirche aus allen Nähten platzt. Während die Emporen bereits gesperrt sind, ist die Situation im Haupt- und in den Seitenschiffen vergleichbar mit der in einer Sardinendose. Ursula und Günter Ebert ergattern nach einem Tipp ihrer Stadtführerin doch noch einen Platz oben auf der Empore. Das Ehepaar aus Karlsruhe, das Leipzig im Rahmen einer Vier-Tage-Tour zum ersten Mal erkundet, ist schwer begeistert von der "Schönheit und kulturellen Vielfalt der Stadt. Es gibt wohl kaum einen besseren Ort, um ins neue Jahr zu starten", strahlen die beiden und lauschen anschließend der Predigt von Thomaspfarrer Christian Wolff. Es ist dessen letzte Silvestermotette als Prediger. Am 6. Januar wird er in den Ruhestand verabschiedet.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 02.01.2014
Wick Julia

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