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Lokales Die prekäre Seite der Boom-Stadt
Leipzig Lokales Die prekäre Seite der Boom-Stadt
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22:00 04.07.2018
Leipzigs traumhaft schöne Kulisse hat auch einige Schattenseiten. Quelle: Volkmar Heinz
Leipzig

Leipzig brummt: Sie ist die am schnellsten wachsende Großstadt Deutschlands. Monat für Monat erreicht die Arbeitlosenquote neue Tiefststände. Die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten ist so hoch wie nie, die Einkommen steigen. Alles gut also, in Hypezig? Auf einem sozialpolitischen Forum in Vorbereitung auf die Kommunalwahl 2019 schaute die Linkspartei am Dienstagabend mal hinter die Fassade der Boom-Stadt.

„Leipzig ist prekär“

Tatsächlich, so Dieter Rink, Stadtsoziologe am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung, habe 2005 die Arbeitslosenquote noch bei 21 Prozent gelegen. Heute: 6,6 Prozent. 70 000 neue Arbeitsplätze entstanden in dieser Zeit. „Das ist sehr viel.“ Allerdings stufte der Professor ein Drittel der Jobs in Leipzig als prekär ein. Eine Vokabel, die der Duden mit „misslich, schwierig, bedenklich“ erklärt. Rink schlussfolgerte daraus: „Leipzig ist prekär.“ Denn es seien besonders viele „atypische Beschäftigungsverhältnisse“ entstanden: Teilzeit, Minijobs, Werk- und Dienstverträge. Sie machten heute 40 Prozent aller Arbeitsplätze aus. Rink räumte aber auch ein: „Nicht alles, was atypisch ist, ist prekär.“ So verdienten Akademiker oder Leiharbeiter etwa bei BMW durchaus gut. Die Nettoeinkommen in Leipzig stiegen seit 2010 im Schnitt um 30 Prozent. „Eindeutige Zuwächse“, sagte Rink, denn sie fielen höher aus als Mietsteigerungen und Inflation zusammen.

„Menschen, für die sich einfach nichts verbessert“

„Es gibt aber Menschen, die profitieren von dieser Lage nicht, für sie verbessert sich einfach nichts“, stellte Heike Förster, Professorin für Soziale Arbeit an der Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur, fest. So seien in Leipzig 17 000 Kinder von Hartz-IV-Leistungen abhängig. Zwar hat Dortmund inzwischen Leipzig als deutsche Armutshauptstadt abgelöst. Doch zwischen der Ruhrpott-Stadt, wo die Armutsquote bei 24,2 Prozent liegt, und Leipzig auf dem vierten Platz des Rankings mit 22,4 Prozent besteht für Jenny Richter vom Deutschen Jugendinstitut kein großer Unterschied. „Im Bereich Hartz-IV bewegt sich gar nichts“, kritisierte auch Leipzigs DGB-Chef Erik Wolf. Er sieht dafür auch „institutionelle Gründe“, weil Gelder für Hartz-IV-Empfänger in die Verwaltung der Arbeitsagentur flössen.

„Arm trotz Arbeit“

Immer mehr Leipziger seien „arm trotz Arbeit“, beschrieb Richter eine Seite des Problems. Ein Drittel der Beschäftigten müsse den Lohn mit Sozialleistungen aufstocken. Kein Wunder: „Sachsen“, sagte Gewerkschafter Wolf „hat bundesweit die niedrigeste Tarifbindungsquote.“ Die zentrale Frage lautet für Richter schließlich:„Ist diese Beschäftigungsstruktur nachhaltig?“

Sozialwissenschaftlerin Förster sieht in der Bildung einen Schlüssel zur Armutsbekämpfung. Leipzig könne sich die höchste Schulabbrecherquote Sachsens auf Dauer nicht leisten. Für den Stadtsoziologen Rink muss das Ziel städtischer Politik sein, „preiswerten Wohnraum zu erhalten und zu schaffen“. In Milieu- und Erhaltungssatzungen sieht er ein „planerisches und politisches Instrument“ zur Regulierung des Wohnungsmarktes. Es dürfe nur nicht wie bisher angedacht in kleinen Gebieten zur Anwendung kommen, sondern müsse großflächig Praxis werden.

Von Klaus Staeubert

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