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"Die urbane Mischung ist in Gefahr" - Stadtsoziologe Walter Prigge im Interview

"Die urbane Mischung ist in Gefahr" - Stadtsoziologe Walter Prigge im Interview

Leben in Leipzig ist attraktiv, der Platz ist da - noch. Mehr und mehr Menschen müssen jedoch mit dem Existenzminimum auskommen, was das Wohnen in Großstädten finanziell schwierig macht.

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Walter Prigge

Quelle: André Kempner

Leipzig. Wer wenig Geld für die Miete hat, droht verdrängt zu werden, sagt Walter Prigge. Doch der 67-jährige Stadtsoziologe sieht auch Lösungen für die urbanen Probleme unserer Zeit und spricht darüber im Interview.

LVZ:

Herr Prigge, die eigenen Zelte in Leipzig aufzuschlagen, ist derzeit beliebt. Wie wohnen wir denn hier?

Walter Prigge:

Städte wie Leipzig bieten eine Vielfalt an Wohnungen, das ist der Vorteil der Großstadt: Sie garantiert die Mischung der Bevölkerung, das ist interessant für alle. Die größte Gruppe sind Singlehaushalte mit Bedarf an kleineren Wohnungen. Demgegenüber brauchen Familien mit Kindern mehr Platz. Arme und reiche Bewohner fanden bisher ebenso eine ihren Ansprüchen gerechte Wohnung. Großstädte bestehen aus solchen Gegensätzen.

Welche Trends beobachten Sie?

Die Attraktivität der Großstädte steigt, gefördert durch positives Image und städtebauliche Aufwertungspolitik in den Stadtteilen. Das lockt immer mehr potente soziale Schichten in die Stadt, die früher Eigenheime am Stadtrand gebaut haben. Es werden ja auch sehr viele Einfamilienhäuser in Gründerzeitvierteln wie Gohlis oder der Südvorstadt gebaut. Leipzig ist hier eindeutig Vorreiter in Deutschland.

Wie wirkt sich das auf den Wohnungsmarkt aus?

Bezahlbare Wohnungen in den Innenstädten werden knapp. Damit ist die von allen gewünschte urbane Mischung in Gefahr, weil die sozialen Gruppen mit bescheidenem Einkommen keine bezahlbare Bleibe mehr finden können. Hinzu kommen der Rückzug des Staates aus der Wohnbauförderung und der Verkauf von sozialen Wohnungen, die aus der Mietpreisbindung herausgefallen sind.

Hat Leipzig also ein Problem mit Gentrifizierung?

Noch stimmen die Mischungen, zum Beispiel in der Südvorstadt. Dort gibt es nicht nur große, teure Altbauwohnungen, sondern auch kleinere Wohnungen aus der Nachkriegszeit. Auf diese Vielfalt von Wohnungstypen kommt es an.

Weshalb?

Ein Viertel der deutschen Bevölkerung, etwa 20 Millionen Menschen, lebt am Rande des Existenzminimums. Das sind Jugendliche ohne Ausbildung, Studierende, Selbstständige, Niedriglohnempfänger, Teilzeitarbeiter, Arbeitslose, Alleinerziehende, kinderreiche Familien und nicht zuletzt viele Rentner an der Armutsgrenze. Sie alle finden keine kleine, billige Wohnung mehr in den großen Städten. Diese heterogene Gruppe wird in Zukunft noch größer werden.

Wo sehen Sie Lösungen dafür?

Es müssen viele Einraumwohnungen in den Innenstädten gebaut werden. Ein Vorbild dafür kann das Hotelzimmer sein. Etwa 28 Quadratmeter werden mit platzsparenden Möbeln eingerichtet. Solche Wohnungen können günstig in Hochhäusern mit zehn bis 20 Stockwerken erstellt werden, die wenig teure Grundfläche verbrauchen. Wenn wir in den Innenstädten Einfamilienhäuser für potente Mittelschichten fördern, müssen wir auch dort höhere Häuser mit bescheidenen Mieten für ärmere Schichten erlauben.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 13.12.2013

Felix Kretz

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