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„Digitalisierung im Gesundheitswesen braucht einen Neustart“

Leipziger Medizinexperte „Digitalisierung im Gesundheitswesen braucht einen Neustart“

Professor Wilfried von Eiff (68) ist Akademischer Direktor des Center for Health Care Management and Regulation an der HHL Leipzig Graduate School of Management. Im Interview spricht er über einen Milliardenbedarf für eHealth und Telemedizin und über eine dringend notwendige Neuregelung der Notfallversorgung.

Reformbedarf: Viele Notfall-Patienten gehen in die Krankenhäuser.
 

Quelle: dpa

Leipzig.  Vor den Bundestagswahlen im September sieht Professor Wilfried von Eiff (68), Akademischer Direktor des Center for Health Care Management and Regulation an der HHL Leipzig Graduate School of Management, viele Baustellen.

Warum tun wir uns in Deutschland mit der Digitalisierung im Gesundheitswesen so schwer?

In den Krankenhäusern haben sich über die Jahre informationstechnologische Insellösungen etabliert: kaufmännische Systeme stehen neben medizinischen Anwendungen und bereichsspezifische Anwendungen in Intensivmedizin, Bildgebung, OP und Labor sind nur begrenzt vernetzt. Ziel der Digitalisierung ist unter anderem eine Gesundheitskarte mit allen im medizinischen Behandlungsfall notwendigen Daten verfügbar zu haben, und zwar durchgängig über alle Versorgungssektoren: vom Hausarzt über das Krankenhaus und die Reha-Klinik bis zum Pflegeheim.

Es geht aber nicht nur um eine funktionierende elektronische Gesundheitsakte?

 Wichtig im Sinne der medizinischen Qualitätssicherung ist auch die Verbindung von Gesundheitsakte und Therapieoptimierungssystemen im Arzneimittelbereich, um beispielsweise negative Arzneimittelreaktionen zu vermeiden sowie die integrierte Nutzung von Anwendungsprogrammen zur Diagnose und Therapie schwerer und seltener Erkrankungen. Hier stehen wir erst am Anfang, wobei sich abzeichnet, dass Systeme wie „Dr. Watson“ zur Diagnoseunterstützung in Zukunft große Bedeutung gewinnen werden

Woran liegt dieser Rückstand?

In den vergangenen 20 Jahren sind die Bundesländer nicht in ausreichendem Maß ihrer gesetzlichen Verpflichtung zur bedarfsgerechten Ausstattung der Krankenhäuser mit Investitionsmitteln nachgekommen. Dieser Investitionsstau verhindert auch die Finanzierung der Digitalisierung. Die Krankenhäuser werden derzeit mit der Finanzierung der Digitalisierung alleine gelassen. Offenbar glaubt man in der Politik, Digitalisierung sei eine Aufgabe, die durch die einzelnen Krankenhäuser zu leisten sei. Dies ist aber ein Irrtum: Digitalisierung setzt optimierte Arbeits-, Informations- und Entscheidungsprozesse voraus, und zwar unter Einbindung aller Partner im Gesundheitssystem: medizinische Leistungsanbieter, Krankenkassen, Medizin- und Pharmaindustrie.

Die Politik schiebt den Schwarzen Peter den Software-Produzenten zu.

Nein, die Hersteller können ja nur eine Technologie entwickeln und einem Nutzer anbieten. Wir müssen in Deutschland eine einheitliche Informationsinfrastruktur schaffen. Wir können nicht verschieden strukturierte Gesundheitskarten oder Patientenakten haben, sondern müssen uns auf einen Standard einigen, um daraus dann die möglichen Rationalisierungsvorteile ableiten zu können. Natürlich kann jedes Krankenhaus eine eigene elektronische Patientenakte haben. Aber sinnvoll ist doch wohl die Strukturierung einer einheitlichen, in allen Versorgungssektoren nutzbare Akte.

Im Moment entwickeln die großen Krankenhauskonzerne eigene Gesundheitskarten.

Diese Strategie ist unter anderem motiviert durch die Absicht, die Informationshoheit über Patientendaten als Instrument der Patientenbindung einzusetzen. Solange der Patient von medizinischen Leistungsanbietern dieses Konzerns behandelt wird, sind die Standardisierungsvorteile nutzbar. Spätestens wenn dieser Patient außerhalb von Konzerneinrichtungen versorgt werden soll, wird die Behandlungsqualität durch Medienbrüche und Informationslücken bedroht.

Vor der Wahl wird sich da vermutlich wenig tun?

Die Digitalisierung im Gesundheitswesen voranzutreiben, ist eine Aufgabe für die neue Bundesregierung. Sie muss die wichtigsten Akteure im Gesundheitswesen in einer Art Task Force zusammenbringen, um auf diese Weise die Rahmenbedingungen zu schaffen. Sie muss sicherstellen, dass sich alle einem vereinbarten Standard unterwerfen.

Wer müsste in dieser Task Force vertreten sein?

Die Krankenkassen, die Krankenhäuser, die niedergelassenen Ärzte, die medizinischen Fachgesellschaften, aber auch Medizinprodukte- und Pharmaindustrie.

Glauben Sie, dass es einen solchen Neustart geben wird?

Es muss ihn geben. Dabei darf es nicht vorrangig um die Finanzierung gehen und auch nicht um die Frage, wer sich in welchem Umfang finanziell zu beteiligen hat, sondern um den Nutzen – insbesondere für Patienten und Ärzte, die beide jederzeit auf Informationen zurückgreifen können, die unterschiedliche Ärzte verschiedener Versorgungssektoren zusammengetragen haben. Diese Informationen werden für die wirtschaftliche und bedarfsgerechte Behandlung eines Patienten benötigt. Deshalb geht es nicht nur um das Erfassen von Diagnose- und Therapiedaten. Viel wichtiger ist es, intelligente Auswertungssysteme verfügbar zu haben, mit deren Hilfe Diagnosen präzisiert und die Effektivität von Therapien erhöht wird.

Warum dauert das so lange?

Weil momentan weder eine schlüssige Digitalisierungsstrategie vorliegt, noch die Finanzmittel für eine Anschubfinanzierung oder für Pilotprojekte bereit stehen. Es fehlt die Einsicht der Notwendigkeit.

Von welchen Größenordnungen reden wir?

Die Anschubfinanzierung liegt im sechsstelligen Millionenbereich. Dies liegt an der heterogenen, auf die isolierten Bedürfnisse der einzelnen Sektoren zugeschnittenen Informationsinfrastruktur. Der größte Aufwand besteht darin, vor der Einführung von Technologie die Geschäftsprozesse zu optimieren. Im Durchschnitt investieren Krankenhäuser 1 bis 1,5 Prozent ihres Umsatzes in die IT-Technologie. In der Finanzbranche sind es etwa 10 Prozent. Deshalb ist die Finanzwelt in der Digitalisierung am weitesten fortgeschritten.

Wie schätzen Sie die Gefahr ein, dass Internet-Player Ferndiagnosen anbieten und damit das traditionelle Gesundheitswesen aushebeln?

Die Googles und Co. sind längst dabei, das Gesundheitssystem digital zu revolutionieren. Google arbeitet an Kontaktlinsen, mit deren Hilfe eine permanente Blutzuckerkontrolle durchgeführt wird und die mit einer Alarmfunktion für den Fall der Unterzuckerung ausgestattet ist. Die iWatch von Apple ermöglicht die Überprüfung von Vitalfunktionen: Puls, Blutdruck und Sauerstoffsättigung im Blut. Proteus Digital Health hat einen Funksensor entwickelt, der im Magen des Patienten platziert wird. Über einen Chip, der in einem Pflaster untergebracht ist und am Oberarm platziert wird, werden Daten via Smartphone an eine Kontrollstelle übertragen. Kontrolliert wird die Einnahme von Medikamenten bei Patienten mit Herzinsuffizienz. Weiterhin erfolgt ein Check der Körpertemperatur sowie eine Kontrolle von Bewegungsmustern.

Was bringt das finanziell?

 Das Einsparpotenzial allein durch Therapietreue bei Medikamenten wird weltweit auf über 270 Milliarden US-Dollar geschätzt. Aber, was viele Akteure in der Gesundheitsbranche noch nicht auf dem Radar haben: vom Patienten selbst erhobene Gesundheitsdaten werden immer wichtiger und das Smartphone wird eine entscheidende Rolle bei der Gesundheitsversorgung der Zukunft spielen.

Wieso?

Tragbare Sensoren, sogenannte „Wearables“ und medizinische Apps, also mobile Anwendungen werden in Verbindung mit dem Smartphone den Durchbruch zur Cyber-Medizin vorantreiben. Über Smartphone-Apps werden Patienten mit Herzrhythmusstörungen zu Hause überwacht. Im Rahmen eines Pilotprojekts in Frankreich konnte die Fehleinweisungsrate solcher Patienten um 70 Prozent reduziert werden. Weiterhin gibt es Programme, die an das Smartphone eine Minitechnologie andocken – zum Beispiel zum Schreiben eines EKG oder zur Überprüfung der Sauerstoffsättigung im Blut. Sogar Ultraschall mit hoher Bildauflösung ist möglich. Früher musste der Patient zur Hochtechnologie kommen, künftig wird es umgedreht sein.

Sind die Hausärzte darauf vorbereitet?

Nicht wirklich. Das Arzt-Patient-Verhältnis wird sich ändern. Der Arzt hat in einer digitalisierten Welt kein Monopol auf Diagnose und Therapie. 64 Prozent der Patienten haben sich vor einem Arztbesuch bei „Dr. Google“ beziehungsweise im Internet informiert.

Das heißt, der Patient der Zukunft ist sehr gut über seine Symptome informiert?

Der Patient der Zukunft steuert den medizinischen Prozess mit. Zweitmeinungen, abgerufen über eine Smartphone-App, die von der Krankenkasse zur Verfügung gestellt wird, gewinnen an Bedeutung. Therapieentscheidungen werden im „informed consent“, im informierten Einverständnis gemeinsam von Arzt und Patient getroffen. Es entwickelt sich eine „Nachfrage-Generation“ von Patienten.

Können auch die Wartezeiten auf einen Arzttermin verkürzt werden?

Das Gesundheitswesen kann durch die Digitalisierung effektiver organisiert werden. Schon jetzt gibt es Plattformen, auf denen sich der ganz normale Patient einen Spezialisten raussuchen kann. Dort bekommt er sofort mitgeteilt, welcher Arzt für einen Termin verfügbar ist. Durch die Digitalisierung wird das Gesundheitswesen keine Einbahnstraße mehr sein.

Und er nutzt die Videosprechstunde?

Auch dieses Thema mutet noch futuristisch an und ist mit dem Vorurteil einer entmenschlichten Medizin verbunden. Aber Videosprechstunden unterstützen die qualifizierte Versorgung in ländlichen Bereichen und ermöglichen den virtuellen Hausbesuch bei Patienten mit Mobilitätseinschränkungen. Auch reduziert die Video-Sprechstunde das Risiko der Keimausbreitung. In Verbindung mit dem Smartphone können Fotos von Hautveränderungen im digitalen Verbund mit einem Dermatologen und durch Nutzung einer dermatologischen Datenbank sofort ausgewertet werden. Ohne, dass der Patient verschiedene Ärzte aufsuchen muss und ohne die damit verbundenen Koordinationsaufwendungen sowie ohne Wartezeiten.

Ist es aber wirklich wünschenswert, dass der Arzt nur noch über Bildschirm erreichbar ist?

Nein, natürlich nicht. Alles was überoptimiert wird, kann ins Gegenteil umschlagen. Hier die Balance zu halten, wird eine ganz wichtige Aufgabe werden in einem digitalisierten Gesundheitssystem. Die Digitalisierung ermöglicht insbesondere auch die Nutzung nicht genutzter Kapazitäten. Ökonomen sprechen von einer „Sharing Economy“, Zukunftsforscher bezeichnen diese Entwicklung als „Uberisierung der Medizin“, abgeleitet aus dem Geschäftsmodell des Taxi-Unternehmens Uber, das Millionen von Fahrgästen transportiert, aber kein einziges eigenes Taxi-Fahrzeug besitzt.

Wie könnten solche Kapazitäten genutzt werden?

 Das Unternehmen Audi denkt jetzt schon darüber nach, wie die freie Zeit eines Menschen genutzt werden kann, der eine längere Strecke in einem selbstfahrenden Auto verbringt. Während der Reisezeit kann unter Nutzung der Smartphone-Technologie ein medizinischer Checkup durchgeführt werden, eine Video-Sprechstunde stattfinden oder die Abklärung eines Hautausschlags erfolgen.

Aktuell ist der Übergang vom stationären zum ambulanten Bereich neu geregelt worden. An dem neuen Entlassmanagement haben vor allem die Krankenhäuser Kritik geübt. Hat sich das eingespielt?

Nein, da hat sich noch nichts eingespielt. Fest steht, dass die Krankenhäuser verpflichtet sind, den Bedarf einer Anschlussversorgung des Patienten systematisch zu ermitteln. Dazu gehört zwingend ein Aufklärungsgespräch über die weitere Behandlung und das Ausfüllen von zwei Formblättern; bedarfsweise ist ein Medikationsplan zu erstellen und es können Rezepte vom Krankenhausarzt ausgestellt oder Medikamente für bis zu 7 Tagen mitgegeben werden.

Zeit, die für andere Aufgaben fehlt?

Zweifellos wird die Arbeitsbelastung der Krankenhausärzte steigen; die Deutsche Krankenhausgesellschaft geht von 100 000 Tagen aus, die die Ärzte zusätzlich zu leisten hätten. Die Apotheker bemängeln, in das Entlassmanagement nicht eingebunden zu sein. Es ist davon auszugehen, dass nach den ersten Erfahrungen nachgebessert wird, insbesondere auch bei der Frage, ob alle Patienten zwingend über das Entlassmanagement laufen sollen. Die Digitalisierung des Patientenprozesses wird das Bürokratie-Problem in Zukunft abmildern.

Wie wirkt sich das auf die Patienten aus?

Ziel des Entlassmanagements ist es, dem Patienten eine gesicherte und geordnete Überleitung in diejenige Betreuungsform zu gewährleisten, die er aufgrund seines Krankheitsbildes, seines körperlichen und geistigen Zustands sowie seiner sozialen Situation benötigt. Was nicht geht, ist, dass ein Patient aus dem Krankenhaus entlassen wird, weil er akutmedizinisch austherapiert, aber noch nicht rehabilitationsfähig ist. Er wird in die Reha-Klinik überwiesen und liegt dort eine Woche, ohne dass die Therapie aufgenommen wird, weil er noch Schmerzen hat oder Wunden nicht verheilt sind. Auch dem Phänomen der „Drehtür-Patienten“ soll entgegengewirkt werden und es ist zu vermeiden, dass ein entlassener Patient am Freitagnachmittag kein Rezept mehr von seinem Hausarzt bekommt und die Medikation unterbrochen wird.

Die Notfallversorgung ist ein Thema, bei dem es immer wieder zwischen Krankenhäusern und niedergelassenen Ärzten knirscht.

Ganz deutlich: So wie es bisher gelaufen ist, kann es nicht mehr weitergehen. Die Kassenärztliche Vereinigung (KV) ist auf Dauer nicht in der Lage, eine angemessene medizinische Notfallversorgung alleine zu organisieren. Man sollte den Sicherstellungsauftrag speziell für die Notfallversorgung neu strukturieren. Im Zentrum dieses Sicherstellungsauftrags stehen aus meiner Sicht die Krankenhäuser.

Aber es gibt einen Kassenärztlichen Notdienst.

Vor 14 Tagen habe ich beispielsweise in Münster erlebt, dass eine Patientin am Sonntagmittag, 14 Uhr, mit Ohrenschmerzen in die Notfallaufnahme der HNO-Klinik kommt und dort erfährt, dass die Ambulanz nur zwischen 22 und 7 Uhr Dienst hat und sie deshalb zum Notdienst der KV soll. Die KV wird angerufen und teilt die Telefonnummer eines niedergelassenen HNO-Arztes mit. Und plötzlich merkt die Patientin mit den Schmerzen im Ohr: Das ist die Nummer einer Praxis, die 60 Kilometer entfernt in Rheine gelegen ist. Wenn aber der Notfall eingetreten ist, dann kann man nicht mehr 60 Kilometer mit dem Auto fahren.

Umgekehrt sind doch aber die Krankenhäuser überlastet mit Patienten mit leichteren Symptomen, die die Notaufnahme blockieren?

Natürlich sind sie überlastet. Sie werden erstens nicht mit den notwendigen Kapazitäten ausgestattet, weil offiziell der Sicherstellungsauftrag bei der KV liegt, und sie werden zweitens nicht aufwandsgerecht dafür bezahlt. Sie bekommen für einen Notfallpatienten in aller Regel 30 Euro, aber ein durchschnittlicher Patient verursacht in der Notaufnahme Kosten von 126 Euro. Das sind krasse Fehlbeträge jedes Jahr, die draufgelegt werden müssen.

Das summiert sich dann?

Mehr als 11 Millionen Patienten werden in den Ambulanzen der Krankenhäuser jährlich versorgt. Das Defizit liegt insgesamt bei über einer Milliarde Euro, verteilt auf etwa 1700 Krankenhäuser, die der Notfallversorgung angeschlossen sind.

Bringen denn Portalpraxen nicht etwas Entspannung?

Aus meiner Sicht sind Portalpraxen nur sinnvoll, wenn sie direkt ans Krankenhaus angegliedert sind. Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass jeder Patient eine sofortige qualifizierte Erstdiagnose erhalten muss. Diese Triage sollte aber in der zentralen Notaufnahme des Krankenhauses durch Fachkräfte erfolgen, die in der Notfallversorgung spezialisiert und erfahren sind. Nach der Triage wird der Bagatell-Fall in die Portalklinik weitergeleitet und der wirkliche Notfall in der Notaufnahme behandelt. Die Portalpraxis ist letztlich ein Ventil, um die Bagatellfälle schneller aus dem Krankenhaus zu bekommen in den niedergelassenen Bereich.

Was sinnvoll ist.

Die Portalpraxis kann aber nur dann ihre Wirkung entfalten, wenn sie an sieben Tagen in der Woche 24 Stunden geöffnet hat. Und es kann deshalb auch nicht sein, dass der Kassenärztliche Notdienst nur von 8 bis 22 Uhr die Versorgung absichert und die Versorgung in wechselnden Praxen durchgeführt wird. Nur 6 Prozent der Patienten kennen die Notfallnummer der KV, weil sie im Ernstfall eine Behandlung im Krankenhaus vorziehen; hier vermuten sie die höhere fachärztliche Kompetenz und sie gehen davon aus, dass die technische Ausstattung spezialisierter ist.

Die KV Sachsen zahlt Ärzten bis zu 750 Euro Prämie im Quartal, wenn sie während ihrer Öffnungszeiten auch telefonisch erreichbar sind.

Das ist für mich ein Armutszeugnis und Indiz dafür, dass die Notfallversorgung dringend reformiert werden muss.

Beliebtes Thema vor jeder Bundestagswahl ist die Trennung der Krankenkassen in gesetzlich und privat. Müssten hier die Übergänge erleichtert werden?

Die Berechtigung zweier Krankenkassen-Systeme sollte nicht ideologisch diskutiert werden, sondern vor dem Hintergrund: Was möchte eigentlich der Versicherte, der Patient? Wenn es Versicherte gibt, die bereit sind für ihre Gesundheit einen höheren Beitragssatz zu bezahlen, dann sollte man das ermöglichen. Ich bin ein Verfechter von mehr Flexibilität auf diesem Gebiet. In der Schweiz beispielsweise kann der Patient unter einer viel größeren Zahl an Versicherungspaketen auswählen.

In Deutschland ist das nicht möglich.

In Deutschland traut man dem Bürger diese Selbstständigkeit möglicherweise gar nicht zu und stellt ihn in ein System, das für alle gleich ist. Für alle gleich, heißt aber nicht gleichzeitig auch: Für alle gerecht. Die heutige Private Krankenversicherung ermöglicht ja auch eine Mitfinanzierung der Leistungen im gesetzlichen Bereich. Niedergelassene Ärzte mit vielen Privatpatienten können über ihre Einnahmen auch gesetzliche Patienten besser behandeln. Für die Krankenhäuser würde die Abschaffung der privaten Krankenversicherung Erlösminderungen in Milliarden-Höhe bewirken.

Was sollte die nächste Bundesregierung beachten?

Wenn die nächste Bundesregierung dieses Thema angehen sollte, dann zum Wohle der Versicherten und unter Abwägung der finanziellen Konsequenzen für die Leistungserbringer. Das bedeutet für mich, Wahlmöglichkeiten einzuräumen in Bezug auf den Versicherungsschutz. Und dann den Markt entscheiden zu lassen. Das wird möglicherweise auf ein Kombinationssystem hinauslaufen. Das PKV-System durch ständig neue Einstiegshürden vom Markt und damit den Versicherten abzuschneiden, ist der falsche Weg. Eine Konkurrenz von Systemen hat bisher immer zu einem Wettbewerb um Leistungen geführt.

Zum Teil finanziert die PKV aber Behandlungen, die die Gesetzliche Krankenkasse nicht übernimmt.

Es ist Fakt, dass die PKV zum Teil Behandlungsformen finanziert, die die gesetzlichen Kassen ihren Versicherten verweigern. In einem ausschließlich gesetzlichen Versicherungssystem wäre es für einen Patienten nicht möglich, bei eigener freiwilliger Zuzahlung eine aus seiner Sicht „bessere“ Behandlung nachzufragen. Die absehbare Folge: es bilden sich unkontrollierte graue Märkte für Gesundheitsleistungen und Patienten, die es sich leisten können, suchen im Ausland um Behandlung nach. Möglicherweise würden auch schlechtere Verdienstmöglichkeiten für Ärzte eine Abwanderung in ausländische Gesundheitssysteme beschleunigen. Ideologische Positionen, wie sie von einigen Parteien zu diesem Thema vertreten werden, sind nicht zielführend und schaden letztlich allen Patienten.

Wird die Fusion bei den Gesetzlichen Krankenkassen weitergehen?

Ja, weil wir in Deutschland im Moment noch rund 115 Gesetzliche Krankenkassen haben. Ich gehe davon aus, dass sich der Konsolidierungsprozess fortsetzt.

Welche Herausforderungen sehen Sie noch in der neuen Legislaturperiode?

Ein großes Problem sind die Arbeitsbedingungen für Ärzte und Pflegekräfte. Bei letzteren kommen noch die Verdienststrukturen dazu. Wir müssen dafür sorgen, dass beide Berufe wieder attraktiver werden. Die Arbeitsbedingungen müssen familienfreundlicher gestaltet und die Bezahlung in adäquater Weise erhöht werden. In der Pflege besteht das Problem insbesondere darin, dass wir zu wenig Fachkräfte haben, die auf Intensivstationen oder in den OP-Bereich arbeiten. Das betrifft vor allem die Ballungszentren und führt dazu, dass weniger operiert werden kann. Und das wiederum führt zu Wartezeiten. Auf der Agenda ganz oben steht auch der Dauerbrenner Investitionsfinanzierung.

Wo nimmt die neue Bundesregierung das Geld her?

Die jetzige Bundesregierung hat sehr viele Reformmaßnahmen durchgeführt, die mit höheren Kosten verbunden waren. Insofern muss die neue Regierung Prioritäten setzen.

Welches war das wichtigste Gesetz der vergangenen Bundesregierung?

Bundesgesundheitsminister Gröhe hat ein sehr ambitioniertes Reformpaket realisiert. Positiv für Patienten und Mitarbeiter haben sich die Palliativreform, die Zuschläge für Pflege, Bildung medizinischer Zentren und die Wiedereinführung einer Tarifausgleichsrate ausgewirkt. Umstritten ist in der Fachwelt die sogenannte Qualitätsoffensive. Hier geht es um Mindestmengen bei operativen Eingriffen, Zu- und Abschläge bei der Qualität medizinischer Leistungen, Qualitätsverträge und Qualitätsindikatoren für die Krankenhausplanung. Die neue Regierung hat die Aufgabe, diese konzeptionellen Überlegungen in konkrete Handlungsregeln zu überführen.

Welche Reformansätze gelten als besonders umstritten?

Zu heißen Diskussionen dürfte die Einführung einer Personaluntergrenze für Pflegekräfte führen. Besonders umstritten ist die Absicht des Gesetzgebers, Krankenhäuser zu bestrafen, die diese Mindestzahl für Pflegekräfte nicht erreichen. Schon heute ist es vielen Krankenhäusern gar nicht möglich, qualifiziertes Personal zu bekommen.

Und das Antikorruptionsgesetz?

Auch das Antikorruptionsgesetz stößt in der Fachwelt auf geteiltes Echo. Das Problem: Kooperationen zwischen medizinischen Leistungserbringern wurden jahrelang als notwendig erachtet, um die medizinische Qualität durch Sektor übergreifende Zusammenarbeit zu verbessern. Das Antikorruptionsgesetz dagegen rückt enge Kooperationen mit dem Ziel der Patientensteuerung in den Verdacht des Tatbestands der Korruption. Widersprüche ergeben sich in diesem Zusammenhang auch zu den Regelungen rund um das Entlassmanagement. Wenn dieses reibungslos laufen soll, sind Kooperationen der richtige Weg zu mehr Qualität und geringeren Versorgungskosten. Diese Kooperationen dem Verdacht der Korruption auszusetzen, ist nicht nachvollziehbar.

Von Roland Herold

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