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"Diskokrieg hat Spuren hinterlassen" - Türsteher spricht über die Situation in Leipziger Clubs

"Diskokrieg hat Spuren hinterlassen" - Türsteher spricht über die Situation in Leipziger Clubs

Leipzigs Diskotheken haben kein Rassismusproblem - sagt Enrico Hochmuth (42) und widerspricht dem Antidiskriminierungsbüro, das die Einlasskontrollen demnächst wieder testen will.

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Türsteher in Leipzig (Archivbild)

Quelle: André Kempner

Leipzig. Der promovierte Kulturwissenschaftler war schon Türsteher vor fast allen bekannten Clubs der Stadt und meint, das eigentliche Problem sei Ausländerkriminalität.

LVZ:

Gibt es Diskriminierungen und Rassismus an Leipzigs Diskotüren?

Enrico Hochmuth:

15 Jahre habe ich bei verschiedenen Securityfirmen gearbeitet, mein Geld für Studium und Promotion an der Tür von sehr vielen Clubs und Diskotheken verdient. Ich habe es nie erlebt, dass es per se Vorbehalte gegenüber bestimmten Hautfarben oder Ethnien gegeben hat. Es gibt natürlich auch unter den Türstehern Leute, die Ressentiments gegen einzelne bekannte Ausländer oder Gruppierungen haben, aber das kann man keineswegs pauschalisieren. Das halte ich für eine Verunglimpfung der gesamten Branche. Gerade in Leipzig stehen viele Studenten, auch sehr viele mit ausländischen Wurzeln, an der Tür, um damit ihr Studium zu finanzieren. Eine gewisse Diskriminierung gibt es sicherlich, wie wohl überall, das ist nicht grundsätzlich auszuschließen. Aber es werden genauso Betrunkene nicht eingelassen, weil man Gefahrenpotenzial vermutet, ebenso wie junge Männer mit Bomberjacke und Springerstiefeln.

Aber die Tests des Antidiskriminierungsbüros haben doch gezeigt, dass ausländisch aussehende Personen im Unterschied zu deutschen Testpersonen in manchen Clubs nicht eingelassen wurden. Welches Gefahrenpotenzial geht von Ausländern aus?

Es werden nicht überdurchschnittlich viele Ausländer abgewiesen, wahrscheinlich sind sogar mehr Deutsche davon betroffen. Diese ganze Diskussion geht an der Breite des Problems vorbei. Undifferenzierte Vorwürfe lösen zwar Reflexe aus, es wird nur an bestimmten, vermeintlichen Auswirkungen herumgedoktert, anstatt sich über die Ursachen Gedanken zu machen.

Worin liegen die Ursachen?

Wir haben in Leipzig Kriminalitätsschwerpunkte, die auf ausländische Gruppierungen zurückzuführen sind. Es wird nicht gern gesehen, wenn man solche Tatsachen ausspricht. Aber wenn man diese Probleme nicht offen diskutiert, erweist man den Migranten letztlich einen Bärendienst. Ich bin für die Willkommensinitiative ausländischer Studenten tätig, mein Vater ist Algerier. Ich kann sagen, dass ich völlig frei bin von Ressentiments. Aber ich weiß, dass durch kriminelle Aktivitäten, die nicht wirksam bekämpft werden, möglicherweise vorhandene Ressentiments in der Bevölkerung verfestigt werden.

Sie meinen den Diskokrieg, bei dem eine Gruppierung von Migranten um die Unterweltgröße Artur T. immer wieder massiv Türsteher attackiert hatte und der 2008 ein Todesopfer und mehrere Schwerverletzte forderte?

Seit diesen Ereignissen ist man sicher deutlich sensibler und vorsichtiger geworden. Sie haben in erster Linie Spuren hinterlassen, weil man gemerkt hat, dass Hilfe von polizeilicher und kommunaler Seite im Ernstfall ganz weit weg ist und dass Signale die frühzeitig gegeben wurden, nirgendwo gehört oder verstanden wurden.

Aber seit dem Untertauchen von Artur T. im März 2009 scheint sich die Lage im Leipziger Nachtleben merklich entspannt zu haben.

Das stimmt. Aber der Umstand, dass man diese Gruppierung nicht mehr so in der Öffentlichkeit wahrnimmt, heißt nicht, dass es sie nicht mehr gibt. Es ist noch immer latent spürbar, dass es aus dieser Richtung Möglichkeiten des Vordringens geben könnte.

Sehen Sie noch andere Schwerpunkte?

Seit etwa 15 Jahren existiert eine große Gruppierung von Nordafrikanern, die auch vielen Einzelhändlern in der Innenstadt ein Begriff ist. Diese versuchen, abends in die Clubs und Diskotheken einzusickern, um dort in großem Stil Taschendiebstähle zu begehen und mit Drogen zu handeln. Sie arbeiten gruppenweise, haben es auf Damenhandtaschen und Jacken abgesehen. Haben es einzelne in den Club geschafft, informieren sie meist weitere Mittäter per Handy, die dann nach und nach zu der Gruppierung stoßen. Wenn man das nicht unter Kontrolle behält, wächst es sich zum Problem aus und ist in dem jeweiligen Club dann kaum noch beherrschbar.

Die Polizei kennt die Situation seit vielen Jahren, auch der Stadt ist das Konfliktpotenzial bekannt. Die Strukturen müssten nachhaltig aufgelöst und zerschlagen werden. Die Treffpunkte der Gruppierung und Übergabeorte von Diebesgut, zwei Cafés in der Innenstadt, sind ja bekannt. Man muss allerdings eine Lanze für die Polizei brechen, die durch Strukturreform und Personalabbau an der Grenze ihre Belastung arbeitet. Umso mehr sind auch von der Stadt nachhaltige Lösungsansätze gegen kriminelle Gruppierungen gefragt.

Glauben Sie, dass mit einer dauerhaften Lösung dieses Problems auch mögliche Vorbehalte gegenüber Ausländern abgebaut werden?

Ich möchte noch einmal betonen, dass Ausländer nicht häufiger abgewiesen werden als Deutsche. Aber ich denke schon, dass eine wirksame Bekämpfung dieser genannten Gruppierung auch mehr Vertrauen schafft, wenn man als Türsteher weiß, dass dieses Problem nicht mehr in dieser massiven Form besteht. Es gibt ja einzelne Clubs, die versucht haben, ganz ohne Einlasskontrollen auszukommen und dann mit dem Kriminalitätsproblem sehr nachhaltig konfrontiert worden sind.

Gibt es denn hinsichtlich des Konfliktpotenzials generell Unterschiede zwischen den Clubs?

Klar, in einigen Einrichtungen passiert häufiger etwas. Clubs mit überwiegend studentischem Publikum sind für uns hingegen deutlich unproblematischer. Manchmal führen schon bestimmte kulturelle Differenzen zu Konflikten. So kann etwa die leichte Bekleidung deutscher Mädchen und Frauen in Diskotheken bei ausländischen Besuchern durchaus falsch interpretiert werden.

In der Vergangenheit gab es Gerichtsverfahren, in denen Türsteher wegen schwerer Körperverletzung oder Waffenbesitz angeklagt waren - auch in Leipzig. Unter solchen Fällen hat das Image der Türsteher gelitten. Zu Unrecht?

Die Sicherheitsleute haben für die Unversehrtheit der Gäste zu sorgen und setzen für einen relativ schmalen Taler ihre Gesundheit aufs Spiel. Man muss mögliche Konfliktpotenziale schon am Einlass prognostizieren und Entscheidungen treffen. Es erfordert heutzutage schon eine gewisse Persönlichkeit, an der Tür zu stehen. Im Übrigen sind seit einigen Jahren Schulungen und IHK-Prüfungen Pflicht. Zudem ist die Tür auch das Aushängeschild eines Clubs, da wird schon sehr genau hingeschaut, wer da steht.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 10.01.2014

Die Kommentarfunktion für diesen Artikel steht morgen ab 8 Uhr wieder zur Verfügung.

Frank Döring

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