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Do you speak English? – So touristenfreundlich ist Leipzig wirklich

Do you speak English? – So touristenfreundlich ist Leipzig wirklich

Der indische LVZ-Austauschredakteur PM Raghunandan ist wieder in seiner Heimat, doch hinterlässt er eine brennende Frage: Wie touristenfreundlich ist Leipzig? An der Sprachbarriere ist Raguandhan in der Messestadt häufiger gescheitert – im Bistro, im Zoo und im Museum fehlten ihm englischsprachige Hilfen oder sprachkompetente Mitarbeiter.

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Romy Clauss bietet im Café Spizz englische Speisekarten und die Bezahlmöglichkeit per Kreditkarte.

Quelle: Sebastian Fink

Leipzig. Auch die städtische Tourismusgesellschaft und der Gaststättenverband Dehoga üben Kritik. LVZ-Online testet, wie bereit Leipzig für ausländische Touristen ist.

„Hello, I want to go to the zoo.“ Auf die Frage nach einer Fahrt zum Zoo schaut Taxifahrer Steffen Schweitzer zunächst verwirrt drein. „Der Suh sagt mir nichts“, erklärt er. „Bei mir beschränkt es sich auf Reiseenglisch.“ Suh – das ist die Aussprache von Zoo im Englischen, die dem 46-Jährigen Verständnisprobleme bereitet. Sonst komme er mit ausländischen Fahrgästen aber sehr gut zurecht.

„Ich kann ihnen einen Weg erklären oder sie auch fahren. Die meisten wollen zum Flughafen oder zum Bahnhof“, sagt Schweitzer. Zur Fußball-WM vor fünf Jahren habe es zudem einmal eine Broschüre mit englischen Schlagwörtern gegeben, auf die er nun zurückgreifen könne. Auch Kollegin Manuela Jonas versteht die Frage nach dem Zoo nicht gleich, fühlt sich aber dennoch gerüstet für ausländische Gäste. „Man versteht die Adresse, Hotels nennen sie beim Namen. Mit meinem Schulenglisch können wir übers Wetter reden und wie ihnen die Stadt gefällt. Gerade erst hatte ich einen Fahrgast aus London“, erzählt die 56-Jährige.

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Im Museum der bildenden Künste kann der Audioguide auf das iPhone heruntergeladen werden.

Quelle: Regina Katzer

Sie fährt häufiger fremdsprachige Touristen durch Leipzig und hat schon viel erlebt. Manchmal rufen die Gäste auch Leute an, zu denen sie wollen und drücken einem dann das Handy ans Ohr, damit die mir die Adresse erklären können“, sagt Jonas. Sie ist auch bereit, noch einmal die Schulbank zu drücken, dann aber nicht, um ihr Englisch aufzufrischen, sondern ihr Russisch. „Ich habe sehr viele russische Fahrgäste, da bin ich froh, wenn ich den Fahrpreis in ihrer Sprache hinkriege. Das gibt ein Lächeln.“

Nicht mehr auf die Schulbank muss Christoph Zieschang. Der 25-Jährige Taxifahrer ist topfit im Englischen – und redefreudig. „Wenn die Gäste es hören wollen, erzähle ich ihnen vom Messehandel früher und von der Völkerschlacht. Leider fahren die meisten nicht allzu weit.“

Szenenwechsel zum Leipziger Hauptbahnhof: Am Informationsschalter der Deutschen Bahn auf dem Querbahnsteig gibt es reichlich Nachfragen. „Fast jeder Dritte, der bei uns ansteht, ist ausländischer Herkunft“, sagt Bahn-Mitarbeiter Florian Botz. Er erklärt regelmäßig Fußwege in die Stadt und sagt die richtigen Bahnsteige auf Englisch an. Doch nicht jeder seiner Kollegen ist sprachlich so in Form. „Es kommt vor, dass ältere Kollegen auf mich oder einen anderen verweisen, der die Sprache besser versteht“, sagt der 32-Jährige und fände deshalb auch Sprachkurse für die Bahn-Mitarbeiter gut.

Dass Leute wie Christoph Zieschang und Florian Botz noch die Ausnahme sind, weiß auch Andreas Schmidt, Sprecher der Leipziger Tourismus- und Marketinggeselschaft (LTM). „Leider war Englisch zu DDR-Zeiten kein Pflichtfach. Viele der Älteren lernen das auch nicht mehr.“ Schmidt versucht ausländischen Touristen mit anderem Service weiterzuhelfen. „Wir geben einen Stadtplan in 13 Sprachen kostenlos heraus. Das ist eine Geste gegenüber den Besuchern, bei der wir bleiben wollen. Wir wachsen touristisch sehr schnell, der Anteil von Übernachtungen ausländischer Besucher liegt bei 20 Prozent.“ Zudem werde die LTM-Webseite ab Jahresende neben Englisch auch auf Japanisch angeboten.

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Bei Heike Lobin in der Bahnhofsbuchhandlung Ludwig werden ausländische Kunden sogar in der Landessprache verabschiedet.

Quelle: Regina Katzer

Außergewöhnliche Sprachen beherrschen auch einige Mitarbeiter in der großen Bahnhofsbuchhandlung in der ehemaligen DB-Lounge wenige Meter weiter. Viele fremdsprachige Reisende kaufen hier ihre Tageszeitung oder vertreiben sich die Zeit, bis der nächste Zug abfährt. Das Team von Filialleiterin Heike Lobin ist darauf eingestellt. „Wir haben in jeder Schicht mindestens einen dabei, der helfen kann. Bei uns arbeiten viele Studenten, die Englisch oder Französisch sprechen. Einige haben sogar ein Steckenpferd daraus gemacht, Stammkunden auf Griechisch oder Türkisch zu verabschieden.“

PM Raghunandan blieb als Vegetarier vier Wochen lang in Leipzig bei Obst und Müsli zum Frühstück, weil ihn die Mitarbeiter des Bistros nahe seines Hotels nicht verstanden und er befürchtete, doch etwas fleischhaltiges auf den Teller zu bekommen.

Über solche Probleme ärgert sich auch der Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga) in Leipzig. „Wenn wir eine weltoffene Stadt sein wollen, kann es nicht sein, dass wir keine englischsprachigen Speisekarten haben“, sagt der Leipziger Dehoga-Chef Holm Retsch, den es stört, dass gerade in den touristischen Hochburgen Barfußgässchen und Gottschedstraße noch nicht alle Gaststätten so ausgestattet seien. In Hotels und Restaurants wie Auerbachs Keller, Zills Tunnel und im Alten Rathaus sei das schon Usus.

Gleiches gelte für die Akzeptanz von Kreditkarten. „Das Thema ist alt wie der Wald, trotzdem müssen wir immer wieder darauf hinweisen. Jeder Gast wird sich wundern, in welche Provinz er da gekommen ist, wenn er nicht mit seiner Kreditkarte zahlen kann“, mahnt Retsch. Die meisten Häuser sind jedoch inzwischen auf dem neuesten Stand der Vermarktung.

„Wenn Gäste Englisch sprechen oder danach fragen, geben wir ihnen extra englische Speisekarten heraus“, sagt Romy Clauss vom Café Spizz am Markt und fügt wie selbstverständlich hinzu: „Wir leben ja davon.“ Auch Kreditkarten werden akzeptiert – bis auf American Express. Zu hohe Gebühren heißt dafür die Begründung auch im Barfusz, wo es aber ebenfalls extra englische Speisekarten gibt.

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Im Barfusz bieten Patrick Böttger und Romy Petzold ausländischen Gästen englische Speisekarten und die Möglichkeit, per Kreditkarte zu zahlen.

Quelle: Regina Katzer

Im Café Sinfonie in der Gottschedstraße wird da keine Ausnahme gemacht. Dafür verzichtet Geschäftsführerin Julia Fischer auf fremdsprachige Speisekarten. „Unser Angebot wechselt jeden Monat, darum haben wir das aufgegeben. Am Ende essen sowieso alle nur Schnitzel“, sagt die 35-Jährige augenzwinkernd. Zudem können bei ihr alle Angestellten „außer den Köchen“ englisch sprechen. Das wird auch schräg gegenüber im Restaurant Pilot so gehandhabt. Auf Kreditkarten wird hier gänzlich verzichtet.

Ähnlich ist das im mexikanischen Restaurant Gonzales wenige Meter weiter. Dafür gibt es hier die Speisekarten auf spanisch und deutsch. Englische Menükarten seien geplant, sagt Chef Stefan Walther. „Wir haben immer mehr ausländische Studenten, da lohnt sich die Investition“, sagt der 42-Jährige. Während das im Gonzales noch ein paar Monate dauert, sind sie im berühmten Hundertwasser-Haus schon bestellt. „Unsere Bedienungen können alle englisch, das braucht man auch in diesem Job, aber zuletzt hatten wir öfter die Situation, dass wir die Karten gebraucht hätten“, begründet Kellner Uwe Wagner die Anschaffung.

Die gibt es im Zoo Leipzig in den verschiedenen Cafés und Restaurants schon seit Längerem. Dafür fehlen noch immer Erklärungstafeln auf englisch an den einzelnen Gehegen außerhalb des neuen Gondwanalands. „Den Verantwortlichen im Zoo ist gar nicht bewusst, was sie da für ein Potential haben. Da hilft so eine Kritik von außerhalb mit einer hohen Glaubwürdigkeit“, lobt LTM-Sprecher Andreas Schmidt die veröffentlichten Erfahrungen von PM Raghunandan. Der hatte sich vom indischen Elefantentempel begeistert gezeigt, vermisste aber weitere Erläuterungen sowohl vor Ort als auch auf der Zoo-Internetseite. Diese sei zwar auf englisch verfügbar, aber zu wenig detailreich.

„Der Bedarf ist erkannt und wird sukzessive bedient. Deshalb ist das in Gondwanaland bereits konsequent umgesetzt, der übrige Zoo wird folgen“, sagt darum Zoo-Sprecherin Maria Saegebarth. Zwar sei „der Anteil der ausländischen Besucher prozentual gesehen gering“, steige jedoch kontinuierlich an, ergänzt Saegebarth, weswegen es auch einen schriftlichen Zooführer, den Zooplan sowie die Publikationen Zoo der Zukunft und Gondwanaland  auf englisch gebe. An den Gehegeschildern sind bisher nur die Arten ins Englische übersetzt.

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Tobias Hollitzer vom Museum Runde Ecke hat Audioguides in gleich vier Sprachen im Angebot - deutsch, englisch, französisch und italienisch.

Quelle: Regina Katzer

Weiter ist man da in zwei großen Leipziger Museen, die häufig von Touristen angesteuert werden. Im Stasi- Museum zur "Runden Ecke" führen Audio-Guides in gleich vier Sprachen über 90 Minuten durch alle Ausstellungsräume. „Seit 2007 haben wir die Geräte für Englisch, Französisch, Italienisch und Deutsch. Wegen des hohen Besucheranteils ist auch Niederländisch geplant“, sagt Museumschef Tobias Hollitzer. 2500 bis 3000 Euro koste die Aufnahme der Übersetzung. „So schnell kämen wir nicht dazu, alle Dokumente zu übersetzen“, sagt Hollitzer. Auch Führungen werden für Gruppen in verschiedenen Fremdsprachen angeboten.

Im Bildermuseum gibt es bisher iPhones als Audioguides und Broschüren auf englisch und deutsch. Hier geht das Museum mit der technischen Entwicklung der Zeit. „Wer ein iPhone hat, kann sich den Audioguide über den Appstore zu Hause oder über unser kostenloses WLAN im Museum herunterladen“, erklärt Monika Gebhard am Empfangstresen. Dadurch werde auch die Ausleihgebühr gespart.

Ein Modell mit Zukunft, wenn es auch für andere Handysysteme und in mehreren Sprachen angeboten wird. Auch für andere Museen, Restaurants und weitere Einrichtungen wäre ein solcher Service lohnenswert. PM Raghunandan schwärmte übrigens nach seinem Besuch trotzdem vom „kleinen“ Leipzig, dass mit seinen warmherzigen Einwohnern doch so viel mehr zu bieten habe als München oder seine Heimatstadt Bangalore in Indien. Fazit des LVZ-Online-Tests: Jeder ausländische Tourist kann in Leipzig schon viel erleben und verstehen, wer aber alles erschließen möchte, stößt noch relativ schnell an Grenzen.

Sebastian Fink

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